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Starnberger Open-Air-Festival:Blues und Soul unterm Rettungsschirm

Starnberg: SBH Open Air Sommerkonzert

Mit einer soulig-warmen Stimme trägt Ami Warning beim Open Air vor der Starnberger Schlossberghalle ihre Balladen vor.

(Foto: Nila Thiel)

Ami Warning und Matthew Austin gestalten den Abschluss der "Sommerkonzerte am Schlossberg"

Von Reinhard Palmer, Starnberg

Als Starnbergs neue Kulturreferentin Petra Brüderl ihren Posten übernahm, legte sie gleich tüchtig los. Mitte März hätten Ami Warning und Matthew Austin im Kulturbahnhof am See auftreten sollen, aber dazu kam es wegen der Corona-Krise nicht mehr. Stattdessen durften die beiden Musiker jetzt unter freiem Himmel auftreten, bei diesem kulturellen Rettungsschirm mit dem Titel "Sommerkonzerte am Schlossberg". Die Rettung galt sowohl den arbeitslos gewordenen Musikern wie dem nach Erbauung dürstenden Publikum; und so blieb auch kaum einer der wenigen Plätze leer.

Einen zweiten Rettungsschirm spannte Brüderl zusammen mit Helfern auf der Bühne auf: Bordeauxrot und etwa drei Meter im Durchmesser. Er sollte weniger die Musiker vor Regen schützen, als vielmehr die Instrumente und Verstärker. Und er wirkte sofort: Es hörte auf zu regnen.

Warning und Austin zeigten sich ohnehin unbeeindruckt von den wenigen Tropfen. Der aus der Gegend von Manchester stammende Austin bekam sogar Heimatgefühle. Tatsächlich passten seine oft bluesig grundierten Lieder, die er mit seiner leicht rauchigen Stimme vortrug, besser zum Wetter, als die der karibisch verwurzelten Warning mit ihrer soulig-warmen Stimme. Die Grundstimmung ihrer Lieder hing mit der Sprache zusammen. Sang sie englisch, klang das heiterer, zumal ihr Rappen im Reggae-Rhythmus, auch wenn es in den Texten manchmal gar nicht so vergnüglich zuging. "She's gone" von Bob Marley ist dafür ein Beispiel. Sang die gebürtige Münchnerin aber deutsch, machte sich Melancholie breit. Sie zog dann weite Gesangslinien im monotonen Tonfall. So etwa in "Vielleicht lieber Morgen" oder in "Mann und Frau", wo es um die Entfremdung eines Liebespaars ging. Man konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass in Warnings Brust zwei Seelen wohnen, doch sie ergänzen sich gut. Gerade diese Mischung der Charaktereigenschaften machte die Besonderheit der Lieder der 24-Jährigen aus. Das spiegelte sich schon in ihrer Stimme wider: warme, tiefe, geschmeidige Grundsubstanz mit rauer, widerborstiger Oberfläche. Ein überaus ausdrucksstarkes Kolorit.

Das Duo Warning und Austin ließ sich im Open Air vor der Starnberger Schlossberghalle keiner Musiksparte klar zuordnen, der Mix aus verschiedenen Stilrichtungen macht sogar das Repertoire der beiden Musiker aus. Je nach gewünschter Grundstimmung werden dafür die Zutaten zusammengestellt. Zwischen karibischer Rhythmen und Latino-Temperament, Blues und Funk, Pop, Hiphop, Soul, Folk und Rap bewegt sich das Duo nach Bedarf dem jeweiligen Inhalt entsprechend. Dieser freie Zugriff ist durchaus symptomatisch für die Musik von heute. Auf diese Weise entzieht sie sich modischen Erscheinungen, die weiterhin kommen und gehen. Wer bleiben möchte, darf sich davon nicht vereinnahmen lassen und nimmt sich aus allem das Beste raus, um einen persönlichen Stil zu kreieren.

Damit das überzeugend rüberkommt, hatten die beiden Musiker eine ganze Sammlung an akustischer und E-Gitarren sowie Perkussionsinstrumente mitgebracht, die sie sorgsam ausgewählt einsetzten. Warning stand eher auf der Seite der Unplugged-Qualitäten. Austin dagegen nutzte schon mal die elektronischen Helfer, doch sehr sparsam und mit viel Fingerspitzengefühl, um die besonderen Stimmungen der Lieder zu unterstreichen oder auch mit etwas Hall mehr Fülle zu zaubern.

Im Duo ergänzen sich die beiden Musiker sehr gut. Auch wenn die meisten Stücke Balladen waren, konnte bei dem Konzert in Starnberg von Gleichförmigkeit keine Rede sein. Und wäre da nicht die Nachtruhe, hätte das begeisterte Publikum bestimmt nicht schon nach drei Zugaben locker gelassen.

© SZ vom 03.08.2020

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