Von einem chicen Literaturmagazin kann man sicher nicht sprechen, eher von einer Textsammlung. Aufmachung und Layout sind schlicht, fast simpel. Das Format erinnert vielleicht nicht zufällig an ein Schulheft. Und doch vereinten die „Starnberger Hefte“ 14 Jahre und 42 Ausgaben lang Wesentliches und Wundersames. Seit 2012 war der pensionierte Deutschlehrer Ernst Quester Herausgeber der kleinen Kulturzeitschrift. Die letzte Ausgabe wird an diesem Donnerstag vorgestellt. Quester, der in diesem Jahr seinen 80. Geburtstag feiern wird, schreibt im Vorwort, er sei allmählich reif für einen „zweiten Ruhestand“.
Wenn Ernst Quester, der 1946 in einem Dorf in Unterfranken zur Welt kam und ab 1968 in München Germanistik und Geschichte studierte, von seinem Berufsleben erzählt, dann gewinnt man den Eindruck, er habe seine 33 Dienstjahre als Lehrer am Starnberger Gymnasium einzig der Aufgabe gewidmet, unter seinen Schülern große Schreibtalente zu entdecken. Und nicht nur unter den Schülern, auch unter den Kollegen im Lehrerzimmer. Ende der 1980-er Jahre hatte er den Zirkel „Freies Schreiben“ gegründet, in dem sich schreibbegeisterte Schüler trafen, um aus ihren Texten vorzulesen. Nicht wenige von ihnen kamen auch noch, als sie längst ihr Abitur in der Tasche hatten.
Unter dem Titel „Skizzen“ wurden bisweilen die besten Beiträge veröffentlicht. Als Quester dann nach seiner Pensionierung Mitstreiter für eine Literaturzeitschrift suchte, versammelten sich in seinem Wohnzimmer nicht nur ehemalige Schüler; auch Lehrerkollegen erklärten sich bereit, in der Redaktion mitzuarbeiten, bekannte Autoren reichten Beiträge ein. Mit ihrer höchst eigenwilligen Mischung aus literarischen Preziosen und Forschungsbeiträgen, Insider-Geschichten und kleinen Merkwürdigkeiten fanden die „Starnberger Hefte“ schnell ihr Publikum.
Ernst Quester erhielt 2021 den Tassilo-Preis der SZ. 2023 wurde er für sein Lebenswerk mit dem Kulturpreis des Landkreises Starnberg ausgezeichnet. In seiner Dankesrede blickte er damals auf ein gutes Jahrzehnt als Herausgeber zurück: Man habe die anfängliche Auflage zwar um mehrere hundert Prozent steigern können, berichtete er, allerdings habe er im Laufe der Jahre einen Herzinfarkt nach einer Redaktionssitzung erlitten, sei von einer Exkursion mit einem eingeklemmten Finger und einem „Kopfverband wie auf einem Gemälde von Otto Dix“ nach Hause gekommen und habe einen Totalschaden an seinem Auto verursacht, als er beim Ausliefern der „Starnberger Hefte“ im Winter an einem Baum gelandet sei.

Trotz all dieser Abenteuer, die ihr Herausgeber bestehen musste, waren die „Starnberger Hefte“ eine Erfolgsgeschichte. Die 42. Ausgabe, deren Motto „träumende Männer“ Quester gegen den Widerstand seiner Redaktionskollegen durchsetzte, ist nun nicht nur der fulminante Schlusspunkt, sondern auch noch einmal ein Rückblick auf die Geschichte dieser Literaturzeitschrift, die ihren Ursprung im Schulleben hatte. Questers Beitrag für das letzte Heft sind die „Erinnerungen an Herbert Schmied“, der als ehemaliger Kollege ein wichtiger Wegbereiter und Autor der „Starnberger Hefte“ war und im vergangenen August gestorben ist. Zu lesen sind auch noch einmal Tagebuchfragmente von Olaf Neumann, ebenfalls ein bereits verstorbener Kollege.
Die vielfach preisgekrönte Autorin Petra Morsbach, ehemalige Schülerin am Starnberger Gymnasium, stellte ein ganzes Kapitel ihres neuen Buchs „Orion“ zum Vorabdruck zur Verfügung. Der Roman, der im Schulmilieu spielt, wird im Mai erscheinen. Und nicht zuletzt war der „Heftefrühling im Alter“, so Quester, selbst der Traum eines Mannes. Zum Abschied schreibt er nun: „Die 14 Jahre mit ihrem emotionalen Auf und Ab waren eine sehr schöne, erfüllte Zeit, in der es – einmal im Leben – glückte, einen Traum in Wirklichkeit zu verwandeln.“

