Aus Spaß wurde Kunst: Weil es zeitlich gut passte und weil sie Lust auf ein gemeinsames Projekt hatten, beschlossen zwei junge Industriedesigner, sich nach der Abgabe ihrer Bachelorarbeiten für ein weiteres Semester einzuschreiben und in den Werkstätten der Hochschule München mit verschiedenen Techniken zu experimentieren. Jetzt, knapp neun Monate später, sind Charlotte Beigel und Albert Gerstmair unter den Finalisten für den „Oberbayerischen Förderpreis für Angewandte Kunst“ und dürfen sich auf der Messe Heim + Handwerk präsentieren. Mit ihren Zinnpazifisten haben sie den Nerv der Zeit getroffen. Seit einer Woche haben sie auch einen eigenen Webshop, in dem man die Figuren kaufen kann. Die Produktion läuft auf Hochtouren.
Die 25-jährige Charlotte Beigel, die in Starnberg geboren und aufgewachsen ist, und der gleichaltrige Albert Gerstmair, der aus Baden-Württemberg stammt, haben sich während des Studiums in München kennengelernt, das sie Anfang des Jahres abgeschlossen haben. Erst danach entschlossen sie sich, noch ein gemeinsames Projekt zu erarbeiten. Auf der Suche nach einem Material, mit dem sie das Gießen erlernen könnten, waren sie zunächst auf das leicht zu verarbeitende Zinn und auf seine traditionelle Verwendung zur Herstellung von Haushaltsgegenständen, Geschirr und Zinnfiguren gestoßen. „Wir haben angefangen, in der Nachbarschaft die völlig aus Mode gekommenen Krüge, Teller, Becher und Pokale zu sammeln, um sie einzuschmelzen“, berichtet Beigel.
Ein Flohmarktfund führte sie zu den Zinnsoldaten, mit denen noch die Generation ihrer Großväter Krieg spielte. Die weitergehende Recherche ergab, dass Zinnfiguren als Spielzeug vermutlich bereits im antiken Rom verbreitet waren. Spätestens seit dem 18. Jahrhundert wurde der männliche Nachwuchs an den europäischen Fürstenhöfen schon im Kinderzimmer mit Zinnsoldaten auf das spätere Führen von Kriegen vorbereitet. Einen wahren Boom erlebte das Nachstellen von siegreichen Schlachten mit bewaffneten Miniatursoldaten in originalen Uniformen im 19. Jahrhundert. Und auch in der NS-Zeit wurden Kinder und Jugendliche mit Zinnsoldaten indoktriniert. Dass Kinder Krieg spielen sollten, um sie so früh wie möglich fürs Militär zu begeistern, schien den beiden jungen Designern völlig absurd.
„Wir sind eine Generation, die im Frieden aufgewachsen ist“, sagt Gerstmair. „Wir haben uns überlegt, welche Werte wir in unserer Zeit Kindern mitgeben würden.“ Und so entstand Idee, Figuren zu gießen, mit denen man Friedensdemo spielen kann. Die Zinnpazifisten stehen nicht in „Reih und Glied“, sondern Seite an Seite: Es gibt sieben verschiedene Figuren, die Personen unterschiedlichen Alters und Geschlechts darstellen. Manche halten Banner oder Plakate in die Höhe, andere tragen ihre Kinder auf den Schultern oder haben ein Megafon in den Händen. Gemeinsam demonstrieren sie für Demokratie, Frieden, Freiheit und Selbstbestimmung. Die Flächen der Plakate und Transparente sind ganz bewusst nicht beschriftet. „Jeder kann sie mit seinen eigenen Wünschen und Forderungen für die Zukunft füllen“, so die Idee des Designerduos.

Beigel und Gerstmair wollten mit ihrer Neuinterpretation der historischen Spielzeugfigur des Zinnsoldaten das spielerische Heranführen junger Menschen an den Krieg und die scheinbare Selbstverständlichkeit, dass ein Staat im Kriegsfall über das Leben eines Soldaten verfügen darf, kritisch hinterfragen. Dass Deutschland im Herbst 2025 über die Wiedereinführung der Wehrpflicht diskutieren würde, ahnten die beiden nicht, als sie sich im Juni mit Fotos der Prototypen beim Bezirk Oberbayern um den „Förderpreis für Angewandte Kunst“ bewarben. Und auch von dem Run auf die Zinnpazifisten, die sie zusammen mit ihren Bachelorarbeiten bei der Jahresausstellung der Hochschule München Ende Juli präsentierten, wurden sie völlig überrumpelt.
In ihrem Studium haben die beiden nicht nur die technischen Voraussetzungen für das Herstellen der Figuren wie das Arbeiten mit 3-D-Druck und mit Gussformen gelernt, sie haben auch selbst die witzige Retroverpackung entworfen und einen Webshop eingerichtet. Dennoch sind die Zinnpazifisten nicht einfach ein Produkt. Die originelle Transformation von spießig-altdeutschem Geschirr zu kleinen zukunftsgewandten Skulpturen ist eher als konzeptionelles Kunstprojekt zu verstehen.

Wohin sie dieses gemeinsame Projekt führen wird, das sie schon jetzt deutlich länger beschäftigt als ursprünglich geplant, wissen die beiden bis jetzt nicht. Für die Präsentation auf der Messe ist Beigel aus Arnheim in den Niederlanden angereist, wo sie zurzeit an einem Projekt der Textilkünstlerin Hella Jongerius mitarbeitet. Und Gerstmair ist aus Hamburg gekommen, wo er gerade ein Studium bei Jesko Fezer an der Hochschule für Bildende Künste begonnen hat. Vorsichtshalber haben sie aber in den vergangenen Wochen noch einmal bei Freunden und Bekannten altes Zinngeschirr eingesammelt und eine ganze Menge neuer Zinnpazifisten gegossen.


