Starnberg Wirt öffnet an Heiligabend sein Lokal und spendiert den Einsamen Linsensuppe

Vor sechs Jahren hat Ömer Sevengül aus der Schmuddelecke im toten Winkel des Bahnhofs ein Kleinod Starnbergs gemacht.

(Foto: Nila Thiel)

Ömer Sevengül will, dass sich im Café Stellwerk alle wohlfühlen - auch die, denen es nicht so gut geht. Im vergangenen Jahr haben sie "O du fröhliche" gesungen.

Von Christian Deussing

Seine Gäste dürfen stundenlang bei einem einzigen Espresso bei ihm sitzen, er hat für jeden ein offenes Ohr und an Heiligabend spendiert er auch noch ein Essen: Ömer Sevengül wird sein Café Stellwerk gleich hinter dem Bahnhof am See am Montag für die Einsamen öffnen, er gibt Linsensuppe mit Würstchen und ein Getränk aus. "Das mache ich gern und habe am 24. Dezember immer geöffnet", erzählt der 56-Jährige. Auf der kleinen Terrasse vor seinem lauschigen Lokal mit 15 Plätzen steht ein liebevoll geschmückter zwei Meter hoher Plastik-Christbaum. Eine 82-jährige Starnbergerin hat ihm den Baum geschenkt. Sie will an Heiligabend nicht allein in ihrem Wohnzimmer sitzen. Darum kommt sie am Montag in das Bistro mit Blick auf Bahnhof und Züge, Starnberger See und Bergkulisse.

Sevengül hat in seinem Lokal schon Freundschaften geknüpft und sagt von sich, dass er keine Scheuklappen habe. Nicht nur die Schicken kehren im Café Stellwerk ein, sondern auch Starnberger, bei denen das Geld nicht so locker sitzt. Es komme darauf an, dass sich alle Gäste angenommen fühlen, sagt der gebürtige Türke - auch wenn sie arbeitslos und bedürftig sind oder andere Sorgen haben.

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Vielleicht singen sie an Heiligabend wieder "O du fröhliche", "Jingle Bells" oder "Merry Christmas Everyone" wie im vergangenen Jahr. Der Wirt freut sich schon auf seine Weihnachtsgäste und macht den Laden erst dicht, wenn der letzte gegangen ist. Dafür schließt Sevengül, der verheiratet ist und zwei erwachsene Söhne hat, an Silvester früh.

Leslie Williams, ein Neurobiologe, war schon vorige Weihnachten im Café Stellwerk. Der 75-Jährige sitzt stets am Stammtisch gegenüber vom Tresen. "Von hier aus habe ich den besten Überblick und sehe, welche Cowboys an der Glasfront vorbeigehen oder hier hereinkommen", erzählt der gebürtige Waliser augenzwinkernd, der seit Langem in Starnberg wohnt. "Okay, das ist hier kein Saloon, eher ein Wiener Café", sagt er. Williams fühlt sich zwar nicht einsam, genießt aber die anregenden Gespräche mit anderen Gästen. Sie reden über den maroden Bahnhof ohne Dach, das Verkehrschaos in Starnberg, diskutieren über Fake News im Internet oder Gott und die Welt.

Apropos Gott. "Der ist leider oft im Urlaub", brummt Williams und prostet einem Handwerker zu, der sich gerade an seinen Tisch setzt und ein Feierabendbier trinkt - nur wenige Meter abseits von Trubel und Gehupe.

Leslie Williams war vergangene Weihnachten schon da. Er genießt die Ruhe und die Gespräche mit Blick auf Gleise und Züge,Starnberger See und Berge.

(Foto: Nila Thiel)

Thomas Bothe, ein Landschaftsgärtner mit großem Schlapphut, schlendert mit seinem Doggen-Mischling Rusty erst am Lokal vorbei, in dem Kerzen angezündet sind, Tannenzweige die Wände dekorieren und bunte Lichterketten Weihnachtsstimmung verbreiten. Der Mann kommt zurück, mustert das Ambiente - und tritt ein. Der Gräfelfinger ist zum ersten Mal im Café Stellwerk. "Das ist ja eine besondere Location", meint er. Auch Rusty scheint sich im Lokal behaglich zu fühlen - dort, wo sich früher eine Schmuddelecke im toten Winkel des Bahnhofs befand.

Jetzt hat diese Ecke wieder ein schönes Gesicht und gestrichene Fassaden. Sevengül hat mit viel Liebe, Geduld und trotz penibler Auflagen der Bahn vor sechs Jahren ein Lokal geschaffen, das immer noch ein Geheimtipp ist. Mehr als 50 000 Euro habe er in dieses Projekt investiert, berichtet Sevengül. Der studierte Ingenieur betrieb früher den "Schinderstadl" am Flaucher. Er scheut keine Mühe und fährt auch zu Gästen nach Hause, die ein technisches Problem haben. Er repariert etwas im Haushalt oder dreht neue Glühbirnen in Lampen ein, wenn ihn meist ältere Menschen im Lokal darum bitten - und das nicht nur zur Weihnachtszeit.

Vor Kurzem besuchte er einen Gast im Starnberger Klinikum, im Bett daneben lag ein anderer Stellwerk-Besucher. "Purer Zufall, aber es war nett und sie haben sich gefreut", sagt der Wirt vergnügt. Seine freundliche, hilfsbereite, aber nicht aufdringliche Art kommt eben an. Er erinnert sich an zwei Besucher, die sich jahrelang nicht gesehen hatten und sich dann zufällig im Stellwerk wiedertrafen. Es war eine herzergreifende Szene.

Auf der Café-Veranda hat es sich Cecilia Bernath bequem gemacht. Die Pergola und ein Heizstrahler schützen die 38-jährige Frau vor Wind und Kälte. Sie stammt aus Budapest und erzählt, früher Fotomodel gewesen zu sein. Jetzt arbeite sie als zahnärztliche Assistentin und entspanne sich in diesem etwas anderen Ambiente jenseits der anderen Lokale. Einen Tisch weiter setzen sich zwei Männer hin, davor liegt deren ungarischer Hirtenhund Tobi. Die Männer und die 38-Jährige kommen schnell ins Gespräch. Sevengül schätzt diese Situationen. Das Café Stellwerk soll ein Ort der Begegnung sein, aber auch ein Plätzchen der stillen Einkehr.

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