Süddeutsche Zeitung

Starnberg:Wenn Männer verlieren

Der nordmazedonische Streifen "Gott existiert, ihr Name ist Petrunya" von Teona Strugar Mitevska gewinnt den Hauptpreis des Fünfseen-Filmfestivals

Darf das sein, Männer? Dass eine Frau am Dreikönigstag in den eiskalten Fluss springt und das Holzkreuz herausfischt, das ein ganzes Jahr Glück verheißt? Oh nein, das darf nicht sein. Dieses religiöse Zeremoniell in der nordmazedonischen Kleinstadt Štip ist den Kerlen vorbehalten, die sich bibbernd und halb nackt ins Wasser werfen, bisher jedenfalls. Klar, die orthodoxe Kirche ist ein Männerklub, das hat sie mit der katholischen gemein.

Dann aber kommt Petrunya, ausgerechnet. Eine kluge arbeitslose Frau, die Geschichte studiert und ein Faible für die chinesische Revolution hat. Sie hüpft ohne rechten Plan ins Wasser und taucht das Ding heraus. Die Aufregung ist groß, die jungen Burschen formieren sich zum wütenden Mob. Der Pope schaltet die Polizei ein, er ist zufällig mit dem Chefinspektor befreundet. Die Polizei wiederum weiß gar nicht so recht, was sie überhaupt tun soll, dem Staatsanwalt geht's genauso. Und über all das berichtet eine Fernsehreporterin, die so wunderbare Sätze in die Kamera spricht wie: "Was, wenn Gott eine Frau wäre? Wir bleiben dran." Und das alles, weil Männer nicht verlieren können.

Das satirische Drama "Gott existiert, ihr Name ist Petrunya" erweist sich für seine quirlige Regisseurin Teona Strugar Mitevska nun tatsächlich als Glücksbringer. Ihre skurrile Geschichte ist am Mittwochabend auf der traditionellen Kino-Dampferfahrt mit dem Hauptpreis des Fünfseen-Filmfestivals ausgezeichnet worden. Die Trophäe im Form eines Segelschiffs und die Geldprämie von 5000 Euro dürften für Teona Strugar Mitevska ein Segen sein. Sie berichtete bei der Vorstellung ihres Films am Dienstag in Starnberg davon, wie schwierig es für sie gewesen sei, überhaupt einen Verleih zu finden und ihren fünften Film ins Kino zu bringen. Das sei noch einmal so viel Arbeit gewesen wie die Produktion, sagte sie. "Gott existiert. . ." läuft am 14. November in den Lichtspielhäusern an.

Das Drama beruht Mitevska zufolge auf einer wahren Geschichte, die sich 2014 zugetragen habe. Dass damals eine Frau das Holzkreuz aus dem Fluss holte, löste gehörigen Wirbel aus. Die Siegerin konnte nicht in Štip bleiben, sie lebt nun in England. Als die Regisseurin bei der Kirche um Drehgenehmigung im Gotteshaus der Stadt nachfragte, habe sie folgende offizielle Antwort erhalten: "Wir wollen nichts mit Ihnen zu tun haben. Gott lebt, es ist ein Mann." Mitevska hat mit ihrem Thema offenbar einen Nerv getroffen: In ihrem Land hätten schon 15 000 Kinobesucher den Film gesehen, der heuer auf der Berlinale den Preis der Ökumenischen Jury und auf dem Frauenfilmfestival Dortmund/Köln den Hauptpreis erhielt. Das sei eine beachtliche Zahl. Nordmazedonien hat nämlich nur zwei Millionen Einwohner.

Die Tragikomödie ist kein geschliffenes Meisterwerk. Sie hat leichte Schwächen in der Dramaturgie und kommt eher ungelenk daher. Noch dazu arbeitet die Regisseurin mit einer merkwürdigen Mischung aus Holzhammer-Methode und subtilem Federstrich. Aber letztlich ist der Film so frisch und unkonventionell, sind seine Bilder so symbolträchtig und geschickt zwischen Moderne, Tradition und Religion angesiedelt, dass man fast nicht anders kann, als ihn ins Herz zu schließen. Vor allem Theaterschauspielerin Zorica Nusheva ist in ihrer ersten Filmrolle als Petrunya eine Entdeckung, so überzeugend gelassen und kraftvoll spielt sie die rebellische Frau, die immer mehr ihre Stärken entdeckt.

"Gott existiert. . ." zeigt zugleich eine drangsalierte Gesellschaft vor dem Abgrund. In dem Film kommen fast nur Männer vor, die Fieslinge sind und Arschgeigen, unfähig, die eigene Tochter abzuholen, beschränkt, desinteressiert und nur in der Horde stark, im besten Falle so hilflos wie Petrunyas Vater. Die Frauen sind auch nicht recht viel besser. Die Mutter der 32-Jährigen ist die Hölle, sie hält ihre Tochter fast wie ein Tier und erkennt nicht im Geringsten, was in der jungen Frau steckt. Und Petrunyas Freundin führt für ihren Liebhaber eine Art Modeladen. Der Mann ist natürlich verheirat, hat Kinder und wird sich nie scheiden lassen. Klingt wie ein Klischee, die Wahrheit dürfte aber sein, dass dieses Klischee zutrifft.

Einmal sagt die Reporterin, dass die Leute in Mazedonien im Mittelalter leben. Schon wahr. Aber wäre nicht auch in Andechs die Hölle los, wenn eine Frau beim Drei-Hostien-Fest auf die Idee käme, beim Tragen der Monstranz mitzuhelfen?

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Quelle:
SZ vom 12.09.2019
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