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Starnberg:Stillstand am Vogelanger

Zwei Bauherren sind bisher mit ihren Vorhaben gescheitert, drei marode Häuser unterhalb des Schlossbergs durch Neubauten zu ersetzen.

Wohnraum ist begehrt. Insbesondere bezahlbare Zwei- oder Dreizimmer-Mietwohnungen sind rar in Starnberg. Doch die Stadtverwaltung tut sich offenbar zuweilen schwer mit privaten Neubauvorhaben. Zwar gilt schon seit Jahren das Motto: "Verdichtung vor Baulandneuausweisung". Doch ausgerechnet am "Vogelanger", der parallel zur Hauptstraße unterhalb des Schlossbergs verläuft- steht seit Jahren ein Ensemble von drei Gebäuden, das durchaus als Schandfleck von Starnberg bezeichnet werden kann. Die Eigentümer der Grundstücke würden die maroden Häuser gern abreißen und neu bauen. Doch bislang haben Verwaltung und Stadtrat die Pläne vereitelt.

Zu hoch, zu groß, zu mächtig: Inständig riet Starnbergs Stadtbaumeister Stephan Weinl dem Bauausschuss der Stadt im Mai von der Zustimmung zu einem Bauvorhaben am Vogelanger 15 ab. Anstelle der einstigen "Pension Maria" - einem maroden Haus aus dem 19. Jahrhundert - soll hier ein vierstöckiges Mehrfamilienhaus mit zehn Zwei- und Dreizimmer-Mietwohnungen entstehen. Doch Weinl argumentierte, der zur Abstimmung stehende Entwurf stelle den Versuch dar, "sich an der Obergrenze des Paragrafen 34 zu bewegen": Das Maß der baulichen Nutzung sei weit überzogen, das geplante Haus entfalte "erschlagende Wirkung". Weinls Mahnung hinterließ Eindruck: Mit vier zu neun Stimmen lehnte das Gremium das Vorhaben ab. Bauherr Harald Kuhn aber versteht seither die Welt nicht mehr. Oder genauer gesagt: die Welt der Stadtverwaltung. Denn von Beginn an hatte er sich nach eigenen Worten für sein Projekt monatelang um Kooperation bemüht, die Entwürfe mehrfach angepasst. Nun kritisiert er: "So was gibt's in keiner Stadt und in keiner Gemeinde."

Als Grund für die Ablehnung vermutet Kuhn eine politisch motivierte Haltung der Verwaltung, die allerdings nicht ihm, sondern vielmehr seinem Nachbarn Otto Gaßner gelten könnte: Der UWG-Stadtrat steht in bekennender Opposition zu Bürgermeisterin Eva John und versucht schon seit 2014, am Vogelanger anstelle der "Alten Apotheke" und dem mittlerweile unter Denkmalschutz stehenden, aber völlig maroden Nachbarhaus der Schlossbergschule einen Neubau zu erstellen.

Abbruchhaus am Vogelanger; Am Starnberger Vogelanger

Abrissreif ist das Gebäudeensemble oberhalb der Starnberger Hauptstraße.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Diplom-Bauingenieur Kuhn dagegen erwarb sein Gebäude am Ende des Vogelangers erst Anfang 2018. Das einstige Gästehaus, erbaut ums Jahr 1870, steht auf einem 25 mal 35 Meter großen Grundstück. Weder taugt es zur Sanierung, noch entspricht es Kriterien des Denkmalschutzes. Kuhn möchte ein Mehrfamilienhaus mit Wohnungen zwischen 54 und 99 Quadratmetern Fläche nebst Tiefgarage errichten.

Gemeinsam mit dem Starnberger Architekten Walter Mayer entstanden erste Entwürfe unter bestmöglicher Nutzung des Areals, die mit einer Mitarbeiterin der Bauverwaltung abgestimmt wurden auf Grundlage eines Bebauungsplans. Auslöser des Verfahrens war 2015 der Antrag Gaßners zum Bau eines Wohn- und Geschäftsgebäudes mit Tiefgarage auf den Grundstücken Nr. 17 und 19 gewesen. Doch die Veränderungssperre blockierte das Vorhaben. Kuhn und Mayer tüftelten derweil für Hausnummer 15 an einem Entwurf unter Berücksichtigung der umliegenden Bebauung. Ihnen war signalisiert worden, dass der Bebauungsplan voraussichtlich ohnehin nicht weiter verfolgt werde und die Baugenehmigung auch ohne Fertigstellung des Bebauungsplanes möglich wäre. Bis auf Details "war man sich eigentlich einig", berichtet Kuhn.

"Wir waren schon relativ weit", erinnert sich Architekt Mayer. Beim Staatlichen Bauamt hatte Kuhn sich wegen der Tiefgaragenausfahrt 40 Meter vor der Kreuzung zur Söckinger Straße erkundigt; dort zeichnete ihm ein Mitarbeiter einen Plan, der auch Starnbergs Bauverwaltung übermittelt wurde. Doch dann gab es erneut "ohne erkennbaren Grund" (Mayer) einen neuen Ansprechpartner bei der Stadt: Wieder ging es um Höhe, Quer- oder Längslage des Baukörpers sowie Dachformen - nun unter Vorgabe des Bebauungsplans. "Ich wollte den Neubau eigentlich niedriger machen", sagt Kuhn. Ein Flachdach wäre ideal gewesen - denn er selbst wohnt im Dachgeschoss gegenüber der alten Pension. "Ich verbaue mir doch nicht selbst den Blick auf den See", sagt Kuhn. Doch das Bauamt beharrte auf einem höheren Satteldach.

Im Dezember 2018 stellte die Bauverwaltung nach zweieinhalb Jahren fest, dass bei einem Bebauungsplan auch Lärmschutzwerte eingehalten werden müssen. Einzige Möglichkeit: Auf die knapp drei Meter hohe Betonmauer an der Hauptstraße hätte eine zusätzliche drei Meter hohe Lärmschutzwand gebaut werden müssen. Das Gremium verwarf daraufhin den Plan - und Kuhn war so weit wie ein Jahr zuvor. Die Variante mit Flachdach forderten derweil auch befragte Nachbarn: Die Sichtbeziehung zum See wäre so erheblich besser.

Harald Kuhn möchte auf seinem Grundstück ein Mehrfamilienhaus bauen.

(Foto: Peter Haacke)

Mit Einstellung des Bebauungsplanes galt nunmehr aber wieder Paragraf 34 des Baugesetzbuches, der sich an der umliegenden Bebauung orientiert. Eine neue Planung mit Walmdach wurde erarbeitet. Doch kurz bevor Kuhns Vorhaben im Mai dem Bauausschuss präsentiert wurde, gab es wieder einen neuen Ansprechpartner im Bauamt. Die Vorstellung des Projekts im Ausschuss durch Stadtbaumeister Stephan Weinl aber nahm einen unvermuteten Verlauf: "Eindeutig negativ" und in Teilbereichen missverständlich sei das Vorhaben präsentiert worden, klagt Kuhn. Positive Aspekte seines Projekts seien gar nicht erwähnt worden. Und völlig abwegig erscheint ihm bis heute das Argument, sein Neubau würde den Blick zum Schlossberg versperren: Das Haus wäre nicht höher als das abrissreife Gebäude, dafür aber deutlich schmäler als nach den Vorgaben des eingestellten Bebauungsplans. Ohnehin ist der Schlossberg von Dinard- oder Hauptstraße aus kaum erkennbar.

Kuhn arbeitete jahrelang in der Bauindustrie und realisierte als Projektsteuerer Großprojekte. Die Situation in Starnberg aber empfindet er als absurd: Vermutlich sei er - mit Blick auf Gaßner - ein "Kollateralschaden". Keinerlei Verständnis mehr hat indes Architekt Mayer für die "Briefmarken-Verhinderungspläne" der Stadt, die Bebauungspläne selbst für nur ein paar wenige Häuser aufstelle.

Die Starnberger Stadtverwaltung äußerte sich trotz mehrfacher Anfrage nicht zu der Angelegenheit. Kuhn aber gibt nicht auf: Mittlerweile gab es einen Ortstermin mit Vertretern von Landratsamt und Stadt, zudem sprach er mit Bürgermeisterin John. Über sein Bauvorhaben entscheidet nun voraussichtlich das Landratsamt. Gaßner wiederum sucht Hilfe bei Professor Andreas Hild (TU München) - einem renommierten Experten für Denkmalschutz, der prüfen soll, ob das marode Haus am Vogelanger 17 tatsächlich schutzwürdig ist.