Der tödliche Unfall am Tutzinger-Hof-Platz am Faschingsdienstag, bei dem ein achtjähriger Junge in Starnberg von einem Lkw überrollt wurde, hat die Stadtgesellschaft sensibilisiert: Forderungen nach verbesserter Verkehrssicherheit im gesamten Stadtgebiet sind seither deutlich gestiegen, überall in der Stadt scheint es Verbesserungsbedarf zu geben. Bei der Stadtverwaltung waren binnen sechs Wochen 236 konkrete Vorschläge eingegangen, mit denen sich der Ausschuss für Umwelt, Energie und Mobilität erstmals im Grundsatz befasste.
Im Rathaus hatte man für die Sitzung offenbar mit größerem Andrang gerechnet, vorsorglich war der Sitzungssaal großzügig bestuhlt worden. Doch das Interesse hielt sich in Grenzen, lediglich knapp 30 Interessierte verfolgten die Debatte. Einig waren sich Stadträte wie Zuhörer darin, dass die Stadt mehr Verkehrsberuhigung, Tempobeschränkungen und sichere Wege für schwächere Verkehrsteilnehmer brauche. Deutlich wurde aber auch: Bis erste Maßnahmen umgesetzt werden können, wird es noch dauern. Konkret beschlossen wurde vorerst nur die Gründung eines Arbeitskreises Mobilität und eine Reihe Prüfaufträge.
Die Rathaus-Mitarbeiter hatten in den vergangenen Wochen Schwerstarbeit geleistet, um die Flut an Anträgen und Anfragen inhaltlich und thematisch zu sondieren. Herausgekommen ist dabei ein Papier mit mehr als 40 eng beschriebenen Seiten. Kernpunkte der Forderungen sind sichere Querungen für Fußgänger und Radfahrer, Tempobeschränkungen, Infrastrukturmaßnahmen zu Rad- und Fußwegen sowie vermehrte Kontrollen. Alle Vorschläge wurden mithilfe einer Tabelle und eines Lageplans gebündelt aufgenommen, der Maßnahmestatus erfasst. Berücksichtigt wurden zudem bereits bestehende Beschlüsse mit Bearbeitungsstand sowie die jeweiligen Zuständigkeiten.
Demnach wurde ein Viertel der – teils auch unsinnigen – Eingaben von übergeordneten Behörden abgelehnt. Zehn Prozent sind bereits abgeschlossen und 65 Prozent offen, knapp die Hälfte davon aber schon in Bearbeitung. Schwerpunktbereiche sind die Bundesstraße 2 sowie Querungen im Bereich Tutzinger-Hof-Platz und Rheinlandstraße. Hierfür sind Landratsamt und das staatliche Bauamt in Weilheim zuständig. Schul- und Kita-Quartiere (Rheinland-, Ferdinand-Maria- und Himbselstraße) liegen in Verantwortung der Stadt, über Tempoüberwachungen wird bei einer Messstellenkonferenz beraten. Wichtig ist allen Beteiligten das Thema Transparenz: Die Liste aller Maßnahmen mit Ergänzungen und Fortschreibungen soll künftig auf der Homepage der Stadt Starnberg veröffentlicht werden.
Der Familienbeirat will die beste Lösung erarbeiten
Neben Zuschriften von Stadträten und aus der Bürgerschaft hatten sich insbesondere der städtische Familienbeirat, Elternbeiräte, der Verkehrsclub Deutschland (VCD), die Stagenda und der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) in die Debatte eingebracht. So appellierte Andrea Schmölzer (VCD), das Staatliche Bauamt in Weilheim an die Kampagne „Sicher ans Ziel“ zu erinnern. Angelika Wahmke (Stagenda, ADFC) plädierte in Stellvertretung von Irmgard Franken generell für langsameres Fahren im Stadtgebiet und mahnte die vielen Vorschläge an, die dem Stadtrat im Laufe der Jahre bereits unterbreitet wurden. Und Rebecca Albat (Familienbeirat) betonte, man wolle „mit allen Beteiligten die beste Lösung ausarbeiten“ – voraussichtlich eine Mammutaufgabe.
Die Debatte im Gremium hingegen erinnerte zum Ende der Amtsperiode zuweilen an ein großes Schaulaufen. Allen voran nutzte Eva Pfister (BMS) wortreich die Gelegenheit, die von ihr ersonnenen „Strategischen Leitgedanken zur Verkehrssicherheit“ in den Fokus zu rücken: Handeln der Verwaltung und politische Entscheidungsfindung sollen sich künftig anhand dieses Papiers ausrichten, zudem soll das Staatliche Bauamt dazu Stellung nehmen. Dagegen stimmten nur die beiden UWG-Vertreter, darunter Verkehrsreferent Thorsten Schüler: Er kritisierte, dass der von Pfister vor allem auf Fußgängerbedürfnisse zugeschnittene Inhalt kaum wiedergebe, was die Überschrift verspricht.
Das Gutachten zum Unfall am Tutzinger-Hof-Platz steht noch aus
Frank Hauser (SPD) brachte eine Kampagne für mehr Sicherheit und Rücksichtnahme im Verkehr ins Spiel: Manche Autofahrer seien schlicht rücksichtslos, die Stadt müsse selbst für „Entschleunigung“ sorgen. Franz Sengl (Grüne) fand die Idee zwar nett, „aber Autofahrer nehmen keine Rücksicht“, sagte er. Schwerpunkt müsse die Schulwegsicherheit sein. Seine Fraktionskollegin Ursula Lauer plädierte für Tempo 30 in allen Ortsteilen. Katja Fohrmann (CSU), die in Erinnerung an den tödlichen Unfall kurzzeitig mit den Tränen kämpfte, rückte Kita- und Schulquartiere in den Fokus. Und Ralf Breitenfeld (WPS) wünschte sich ein Konzept als Basis, bei dem das Thema B2 separat abgehandelt wird: Man solle mit dem Staatlichen Bauamt zusammenarbeiten, „sich aber nicht abspeisen lassen“.
Schon jetzt ist klar: Das Thema Verkehrssicherheit wird auch den neuen Stadtrat, der sich am 4. Mai konstituiert, ebenso weiterhin beschäftigen wie Landratsamt, Polizei und Staatliches Bauamt. Das unfallanalytische Gutachten zum tödlichen Unfall am Tutzinger-Hof-Platz liegt bislang nicht vor, und die Untersuchungsergebnisse eines Ampelplaners, der nach dem tödlichen Unfall beauftragt worden war, müssen noch bewertet werden. Ungewiss daher, wann es zur Umsetzung erster konkreter Maßnahmen kommen wird.

