Wie können Straßen und Verkehrswege in Starnberg für Fußgänger und Radfahrer sicherer gemacht werden? Diese Frage beschäftigt die Bürger der Kreisstadt seit dem tragischen Unfall, bei dem am Faschingsdienstag ein achtjähriger Bub starb. Mehr denn je fühlen sich diejenigen in ihrer Haltung bestätigt, die schon immer der Meinung waren, dass die Belange von Autofahrern überproportional berücksichtigt sind, und fordern ein Umdenken: Unzählige Verbesserungsvorschläge liegen bereits vor, im ganzen Stadtgebiet scheint es Nachholbedarf zu geben. Mittlerweile ist klar: Allein mit einer Untersuchung der viel befahrenen Kreuzung, an der sich das Unglück ereignete, wird es nicht getan sein.
In einem Punkt sind sich wohl alle einig: Starnberg ist weder fahrrad- noch fußgängerfreundlich und wird es auch nie sein. Seit der Erhebung zur Stadt im Jahr 1912 dachte kaum jemand über die Belange von unmotorisierten Verkehrsteilnehmern nach, während sich das einstige Fischerdorf quasi im Wildwuchs weiterentwickelte. Gleichwohl war man stets froh, dass die „Olympiastraße“ – also die heutige Bundesstraße B2 – mitten durch die Stadt führte. Zumindest dieser Aspekt hat sich mittlerweile grundlegend geändert: Die Stadt erstickt zeitweise geradezu am Verkehr.
Unlängst befasste sich der Stadtrat mit dem Thema im Rahmen einer Aussprache zur Verbesserung der Verkehrssituation am Tutzinger-Hof-Platz. Das Interesse war groß, unter den Zuhörern fanden sich auch besorgte Eltern. Sie fordern eine umfassende Prüfung und Verbesserung der Sicherheit entlang der B2 sowie im übrigen Stadtgebiet. In einem Schreiben an Stadt, Stadträte und Landratsamt fordern die Unterzeichner – insgesamt 16 Schul-, Kindergarten- und Familienbeiräte – kurzfristig umsetzbare Maßnahmen an drei zentralen Kreuzungspunkten entlang der Bundesstraße.
Demnach entstehen durch unzureichende Grünphasen, konfliktträchtige Ampelschaltungen, extrem schmale Gehwege und häufig überhöhte Fahrgeschwindigkeiten zeitweilig „hochgefährliche Verkehrssituationen“ – ausgerechnet dort, wo Kinder die Straße queren müssen, um Kindergärten, Grundschulen, Gymnasium und FOS zu erreichen.
David Hoffman, Mitglied des Familienbeirats, präsentierte zu Beginn der Stadtratssitzung die Aktion „Starnberg sicherer machen“, die das Verkehrsproblem aus der Perspektive der schwächsten Verkehrsteilnehmer angehen will: Auf einer interaktiven Karte im Internet können neuralgische Punkte vermerkt werden. Interessierte sollen Orte melden, die sie als unsicher für Fußgänger oder Radfahrer wahrnehmen. Ziel der Aktion: Problembereiche sichtbar machen und eine sachliche Grundlage für Verbesserungen der Verkehrssicherheit schaffen. Mittlerweile verzeichnet die Seite mehr als 1160 Aufrufe, im Kernstadtbereich ist die Karte mit farbigen Punkten gespickt.

Ähnlich groß ist der Zuspruch für eine Petition, die Verena Kaiser auf den Weg gebracht hat. Die 47 Jahre alte Professorin für Wirtschaftswissenschaften aus Starnberg hat unter der Überschrift „Verkehrssicherheit in Starnberg“ seit dem Start am 24. Februar nahezu 900 Unterschriften sammeln können. Die Petition, die kurz- und mittelfristige Verbesserungen auflistet, richtet sich an den Stadtrat. Die Sammlung endet am 25. März.
Im Rathaus landen derweil unzählige E-Mails mit weiteren Verbesserungsvorschlägen, berichtete Bürgermeister Patrick Janik. Die Ideenliste ist lang: Zebrastreifen, Querungsinseln, Bedarfsampeln, Kreuzungsspiegel, Tempo 30, verbreiterte Gehwege, Fahrradstraßen, -zonen und -streifen, Durchfahrverbote, Sichtschneisen, Geschwindigkeitsüberwachung. „Oft schildern uns die Leute nur das Problem“, sagt Janik.
Stadträtin Eva Pfister (BMS) ist da schon weiter: Die ehemalige Bürgermeisterin hat nach ihrer denkwürdig gescheiterten Protestaktion nun „Strategische Leitgedanken zur Verkehrssicherheit“ sowie ein „Sofortmaßnahmenpaket“ als Rundum-Schlag für das gesamte Stadtgebiet auf den Weg gebracht.
Die komplexe Gemengelage soll am Donnerstag, 16. April, im Mobilitätsausschuss bearbeitet werden. Erster Schritt aber wird eine ausführliche Analyse der Verkehrssituation am Tutzinger-Hof-Platz sein unter Beteiligung von Staatlichem Bauamt, Polizei und Landratsamt. Längst sind Änderungen beantragt: Als Pilotprojekt sollen Grünphasen für Fußgänger und Autofahrer zeitlich getrennt erfolgen. Und Rechtsabbieger von der B2 in die Hanfelder Straße sollen eine eigene Fahrspur bekommen. Ein Experiment, das die Verkehrsbelastung womöglich erhöhen könnte.
Gleichwohl soll die Analyse „ohne Denkverbote“ erfolgen, sagte Janik. Entscheidend aber ist am Ende allein das Votum der Unteren Verkehrsbehörde und des Staatlichen Bauamts – die Stadt ist hier nicht zuständig und kann bestenfalls Vorschläge unterbreiten.

