Süddeutsche Zeitung

Porträt:Malen gegen Kriegstraumata

Lesezeit: 6 min

Die Galeristin Indi Herbst ist in Sri Lanka aufgewachsen und hat dort einen Bombenanschlag überlebt. Nun will sie ukrainischen Flüchtlingskindern helfen, die Gräuel in deren Heimat zu verarbeiten.

Von Astrid Becker

Wer Indi Herbst zum ersten Mal begegnet, wird auf eine Frau mit positiver Ausstrahlung treffen. Ein fröhlicher Mensch könnte man denken, jemand, der etwas bewegen will, der nach vorne schaut und sich traut, auch ungewöhnliche Wege einzuschlagen. Zum Beispiel 2019 eine Karriere als künstlerische Fotografin zu beginnen und sich nur wenig später mit einer eigenen Galerie auf dem Starnberger Kirchplatz niederzulassen. Böse Zungen könnten nun behaupten, das alles habe die 47-Jährige nur ihrem Mann Oliver zu verdanken, der sich als Makler auf Luxus-Immobilien am Starnberger See spezialisiert hat. Doch das wäre eine glatte Fehleinschätzung: Indi Herbst ist dafür viel zu emanzipiert und eigenständig.

Das hat mit ihrer Lebensgeschichte zu tun. Letztlich führte ihre Biografie dazu, dass sie derzeit ihre eigenen Gemälde in ihrer Galerie verkauft. 10 000 Euro hat sie bereits zusammenbekommen - und die will sie nun für Kunsttherapien zugunsten ukrainischer Flüchtlingskinder spenden. Wenn sie darüber erzählt, verändert sich die Mimik in ihrem Gesicht: Die Fröhlichkeit, die sich dort normalerweise spiegelt, verschwindet, weicht einem Schatten. Denn ihr Engagement, den Kindern einen Weg aus traumatischen Erlebnissen im Krieg in der Ukraine aufzuzeigen, hat sehr persönliche Hintergründe.

Die Galeristin wächst zunächst in Freiburg auf, bis ihre Eltern das Land verlassen

Indi Herbst wurde in Freiburg im Breisgau geboren und ist dort zunächst auch aufgewachsen. Ihr Vater stammt aus Sri Lanka, hatte in Deutschland studiert und gearbeitet. "In der wilden Siebzigern lernte er dann meine Mutter kennen - eine Deutsch-Französin aus Marseille." Für die Familie war es schon zu dieser Zeit ganz normal, die Verwandten einmal pro Jahr in der väterlichen Heimat zu besuchen. Bei einem dieser Urlaube - Indi Herbst ist gerade mal zehn Jahre alt - beschließen die Eltern, nicht mehr zurückzukehren, sondern fortan in Sri Lanka zu leben. "Das war erst einmal sehr hart", sagt Indi Herbst. "Außer einem Urlaubsköfferchen hatte ich ja nichts dabei. Meine ganzen persönlichen Dinge, die man mit zehn ja schon hat, waren zuhause in Deutschland, meine Freunde, einfach alles. Das zurückzulassen, war heftig", erzählt sie. Zudem muss sie sprachliche Hürden überwinden: Die Zehnjährige spricht nur Deutsch und ein wenig Französisch. Aber kein Englisch - und schon gar kein Singhalesisch.

Und dann ist da auch noch der Bürgerkrieg, der zwei Jahre zuvor, 1983, in dem südasiatischen Inselstaat ausgebrochen war. Tamilische Separatisten, vor allem der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE), kämpften damals um die Unabhängigkeit von der Zentralregierung: Ein bewaffneter Konflikt, der sich bis 2009 hinziehen sollte. Indi Herbsts Familie bleibt auch davon nicht verschont. Aber sie ist gut situiert und hoch angesehen in dem Inselstaat, ihr Großvater war beispielsweise Bildungsminister: "Da hat immer jeder geschaut, was wir machen." Es gibt viele Einladungen, viele Repräsentationsverpflichtungen. Dennoch: Indi Herbsts Eltern legen Wert darauf, ihre Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen. Indi Herbst ist die Älteste von vieren. Sie muss sich mit ihren zehn Jahren selbst um eine Schule bemühen, dort um Aufnahme ansuchen: "Auf Englisch, das ich ja nicht konnte." Indi Herbst ist noch heute froh, dass ihre Wahl auf ein katholisches Konvent in Colombo fiel: "Zum Glück konnten wir uns das leisten, in Sri Lanka werden ja Schulgebühren erhoben."

"Da war plötzlich mehr als die Hälfte meiner Klasse weg"

Es ist eine reine Mädchenschule, in ihrer Klasse sind 26 Schülerinnen. "Sie haben mir alle sehr geholfen, mich zurechtzufinden und auch Singhalesisch zu lernen", erzählt die Galeristin. Bis zu jenem Tag, der alles veränderte: Indi Herbst ist 13 Jahre alt, als ihre Schule, ihr Klassenzimmer von einer Bombe getroffen wird: "Da war plötzlich mehr als die Hälfte meiner Klasse weg", erzählt sie. "Klar, da waren auch davor immer Schüsse zu hören, die Schreie von Kindern und Frauen, die vergewaltigt worden sind." Aber die Bombe könne sie nie vergessen, sagt sie: "Mich verfolgt das noch immer nachts in meinen Träumen." Ebenso wie sie überleben noch ein paar weitere ihrer Mitschülerinnen: "Ein Wunder" nennt sie das. Mit den Schulfreundinnen von einst hat Indi Herbst noch heute Kontakt, obwohl sie alle viele Kilometer auseinander leben, teilweise viele Tausende. Ein bis zwei Mal im Jahr treffen sie sich dennoch. Und wenn eine ein Problem habe, seien sie immer füreinander da, sagt die Galeristin. Die Bombe habe den ohnehin starken Zusammenhalt noch einmal gefestigt.

Indi Herbst schließt in Sri Lanka die Schule ab, absolviert parallel dazu eine Ausbildung zur Hotelfach-Kauffrau. Mit 19 Jahren geht sie nach Deutschland zurück, arbeitet in der Hotellerie, in der Gastronomie, bei einer Airline, zuletzt in München, wo sie auch ihren Mann kennenlernt. 20 Jahre sind die beiden nun schon zusammen, haben drei Kinder, einen Sohn und zwei Töchter, zweieiige Zwillinge. Mittlerweile leben sie alle in Starnberg in einem kleinen Haus, wie sie erzählt: "Nicht in einer Villa, wie vielleicht viele wegen des Berufs meines Mannes glauben wollen." Das Haus bestehe nur aus einem großen Wohn- und Essensbereich, und "dann hat noch jeder ein kleines Zimmer." Aber in gewisser Weise ähnele ihre Lebensform der, die sie auf Sri Lanka kennengelernt habe: " Da waren auch immer alle zusammen, und man konnte nichts voreinander verbergen." Vielleicht sei Familie daher für sie das Wichtigste überhaupt.

Porträts von Indi Herbst sind nun auch auf der Biennale in Venedig zu sehen

Aber Indi Herbst will auch etwas bewegen. Den Kirchplatz in Starnberg zum Beispiel "aufmischen". "Und ich bin sehr beharrlich, nerve da Leute schon mal mit meinen Ideen." Genug davon hat sie: Kunstaktionen mit Kindern etwa, mit einigen Schulen des Landkreises hat sie schon manches davon realisiert. Ihre Galerie soll dabei nicht nur zum Bilder betrachten sein, sondern ein Ort, an dem sich Menschen begegnen und miteinander austauschen. Sie würde zum Beispiel auch gern bisweilen ein Sofa auf den Platz stellen und dort die Künstler platzieren, die gerade bei ihr ausstellen: "Wäre doch toll, wenn die mit den Passanten ins Gespräch käme

Kommunikation und Austausch sind Indi Herbst ohnehin wichtig. Das mag auch daran liegen, dass sie in ihrer Galerie auch ein Porträtstudio betreibt. Ihre Porträts, das sind keine Pass- oder Bewerbungsfotos. Was Indi Herbst macht, sind künstlerische Seeleneinblicke. Eine Session mit ihr dauert, auch wenn sie selbst nur ab und zu auf den Auslöser drückt: "Fünf Klicks, das muss reichen." Dazwischen wird viel geredet, es werden Fragen gestellt und dergleichen. Indi Herbst hat eine Ausbildung zur psychologischen Coachin, was sie selbst als recht hilfreich ansieht. "Denn manchmal fließen bei diesen Sessions auch Tränen, wenn jemand mir sein Innerstes öffnet." Um diesen Moment geht es ihr, ein echtes authentisches Gesicht zu zeigen, eines ohne aufgesetztes Lächeln und ohne Maske. Am liebsten sind ihr ihre "altertümlichen Porträts", wie sie diese Arbeiten nennt, für die sie schon mehr als 70 Awards gewonnen hat und mit denen sie international Aufsehen erregt. Wenn man sie fragt, was sie sich wünscht, dann sagt sie: "Eine Ausstellung im Museum Starnberger See". Das klingt schon fast bescheiden, wenn man bedenkt, dass ihre "Mozart-Serie" beispielsweise derzeit in der Artbox Venedig bei der Biennale gezeigt wird oder im Mai in der Kaiserlichen Hofburg in Innsbruck Werke von ihr zu sehen sein werden.

Darauf ist sie stolz. Aus gutem Grund: Indi Herbst hat erst 2019 mit dieser Art von Fotografie begonnen. Weil sie auf einen Weiterflug wartet, surft sie im Internet, stößt auf Seiten der Porträt-Fotografen Sue Bryce und Felix Kunze: "Ich war sofort fasziniert." Sie kramt ihre alte Kamera wieder hervor und absolviert Workshops und Online-Kurse. Schell ist eines klar: "Das ist meins". Mitten in der Pandemie eröffnet sie ihre Galerie. "Mich gibt es nun schon im zweiten Jahr und ich hoffe, noch recht lange." Seither stellt sie Werke verschiedener Künstler aus. Renommierte sind dabei, aber auch welche, die noch ganz am Anfang stehen. Heuer werden es zum Beispiel noch Gisela Getty sein, Mikail Akar, Andreas Görzen und Francesco Neo. Und derzeit sind es eben ihre eigenen Gemälde: großformatige abstrakte Kunst malt sie da, durch die nackte Frauenkörper scheinen.

Ihr Lebensmotto lautet: mutig sein und niemals aufgeben

"Bisher habe ich die immer versteckt", erzählt sie. Ihr Ausgleich zu den anstrengenden Fotosessions sei das Malen: "Weil diese Art der Arbeit so in die Tiefe, in die Emotion geht, danach bin ich immer völlig fertig." Dann greife sie zum Pinsel. Und irgendwann beschließt sie, auch mal ihre eigenen Werke in ihrer Galerie zu zeigen. Der Termin ist bereits festgelegt - doch dann bricht der Ukraine-Krieg aus: "Ich hätte es nie fertiggebracht, unter diesen Umständen mich an meinen Bildern zu bereichern." Stattdessen kommt sie auf eine bessere Idee. Den Erlös aus dem Verkauf ukrainischen Flüchtlingskindern zugute kommen zu lassen und für sie eine Kunsttherapie zu organisieren, die ihnen helfen soll, ihre seelischen Schmerzen zu verarbeiten: "Ich weiß ja selbst sehr genau, was man da alles an Grausamkeiten in so einem Krieg erlebt und wie sehr einen das auch noch viele Jahre später begleitet." Und Indi Herbst weiß wohl auch, dass man nie aufgeben darf. "Auch dafür braucht man Mut", meint sie. "Aber ich bin mutig. Man lebt schließlich nur einmal und dafür muss man dem Universum jeden Tag dankbar sein."

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.5570908
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ/phaa
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.