Geflüchtete aus der Ukraine"Was wir nicht wollen, sind Zeltstätten oder Turnhallen"

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Zwei ukrainisch sprechende Helfer kümmern sich am Münchner Hauptbahnhof um ankommende Kriegsflüchtlinge.
Zwei ukrainisch sprechende Helfer kümmern sich am Münchner Hauptbahnhof um ankommende Kriegsflüchtlinge. Matthias Balk/dpa

Am Sonntag sind rund 200 Menschen aus der Ukraine im Landkreis Starnberg angekommen. Weitere werden in nächster Zeit erwartet. Wie werden die Menschen versorgt und untergebracht?

Von Christian Deussing und Linus Freymark, Starnberg

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Der erste Bus kommt um kurz vor halb acht. Dann, um kurz vor halb zehn, der zweite Bus. Ljubov Sagan ist da schon seit mehreren Stunden im Einsatz, begrüßt die Menschen, übersetzt. Dass ihre Sprachkenntnisse benötigt werden, hat die gebürtige Ukrainerin erst kurz zuvor erfahren. Am späten Nachmittag ist sie informiert worden, dass am Abend knapp 100 Menschen aus der Ukraine in der Jugendherberge in Possenhofen eintreffen würden. Und so erging an Sagan die Anfrage, ob sie vielleicht als ehrenamtliche Dolmetscherin unterstützen könnte.

Sagan hat selbst zwei Verwandte aus Lwiw (Lemberg) bei sich aufgenommen und eigentlich schon gut mit deren Versorgung zu tun. Dennoch hat sie nicht lange überlegt. "Die Leute brauchen einfach Unterstützung", sagt sie.

Ljubov Sagan (rechts) mit Sohn Jonas und den beiden geflüchteten Familienangehörigen aus der Ukraine.
Ljubov Sagan (rechts) mit Sohn Jonas und den beiden geflüchteten Familienangehörigen aus der Ukraine. Arlet Ulfers

Rund 200 Menschen aus der Ukraine sind am Sonntag im Landkreis Starnberg angekommen. Während die Hälfte von ihnen vorübergehend in Possenhofen untergebracht worden ist, haben die anderen etwa 100 Personen im BRK-Mehrgenerationenhaus in Gauting Unterschlupf gefunden. Die Unterbringung im Landkreis sei auf Bitten der Regierung von Oberbayern erfolgt, erklärt der Starnberger Landrat Stefan Frey (CSU). Nach ihrer Ankunft wurden die Menschen zunächst mit Essen und Getränken versorgt. Anschließend wurden sie registriert, auf Corona getestet und medizinisch versorgt. "Am dringendsten brauchen die Menschen aber einfach Ruhe", sagt Frey. Die meisten von ihnen waren mehrere Tage unterwegs - und wer weiß, was sie auf ihrem Weg raus aus dem Krieg alles erlebt haben.

Die Menschen aus der Ukraine, die bislang im Landkreis Starnberg angekommen sind, würden aus allen verschiedenen Schichten kommen, erzählt Frey. "Wir erleben ein Spiegelbild der dortigen Gesellschaft." In nächster Zeit werde die Zahl der Flüchtlinge auch noch einmal "sprunghaft ansteigen", erwartet Frey. Deshalb sei man weiterhin auf der Suche nach weiteren Gebäuden, die sich für die Unterbringung eignen und habe auch bereits mehrere Objekte in Aussicht, so zum Beispiel auch den alten Kindergarten in Perchting. Dabei lege man Wert auf möglichst komfortable Möglichkeiten. "Was wir nicht wollen, sind Zeltstätten oder Turnhallen", stellt Frey klar. "Das ist der allerletzte Notnagel." Daher sei er dankbar über die Bereitschaft vieler Menschen, private Zimmer zur Verfügung zu stellen. Mehr als 100 solche Angebote haben das Landratsamt bereits erreicht.

Neben freien Ferien- oder Zweitwohnungen seien auch viele Gästezimmer dabei. Wichtig sei dabei vor allem, dass die Unterkünfte für längere Zeit frei seien, betont Frey - mindestens mehrere Monate seien besonders hilfreich. Denn: "Die Leute bleiben wahrscheinlich länger." Mindestens wohl bis zum Ende der Kampfhandlungen, vielleicht auch darüber hinaus. Je nachdem, wie lange der Wiederaufbau dauert und in welchem Zustand der Krieg das Land hinterlässt. Politisch, wirtschaftlich - nichts wird mehr so sein wie es war, ganz egal, wie der Krieg ausgeht.

Auch Ljubov Sagan geht davon aus, dass ihre Hilfe noch öfter gebraucht werden wird. Zunächst müsse den Menschen bei ihrer Ankunft geholfen werden, sagt sie. Wenn die Menschen aus der Ukraine dann in privaten Unterkünften unterkommen, braucht es auch da im Zweifel Dolmetscher. "Nicht alle können Englisch", sagt Sagan. Irgendwann werden auch andere Dinge eine Rolle spielen, die Menschen brauchen Arbeit, viele Kinder werden in deutsche Schulen gehen. Auch da braucht es Unterstützung im Umgang mit der fremden Sprache.

"Wir brauchen Verstärkung", sagt Landrat Frey über die Personalsituation im Landratsamt

Landrat Stefan Frey geht davon aus, dass mindestens 500, vielleicht auch 1000 Menschen aus der Ukraine in den Landkreis kommen werden. Doch sowohl Anzahl, als auch Zeitpunkt hängen von vielen kaum kalkulierbaren Faktoren ab, Prognosen lassen sich da nur schwer treffen. "Das ist eine absolute Notsituation", sagt Frey.

Um die Lage bewältigen zu können, werden im Landratsamt gerade Mitarbeiter aus anderen Bereichen für die Koordination der Flüchtlingshilfe abgezogen. Wahrscheinlich werde demnächst auch noch zusätzliches Personal eingestellt. "Es ist ganz klar: Wir brauchen Verstärkung", so der Landrat. Immerhin, so Frey, könne man nun auf jene Erfahrungen zurückgreifen, die man seit 2015 gemacht hat, als vor allem Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien hier Schutz suchten. Ein weiterer Vorteil: Das System der Ehrenamtlichen sei anders als damals bereits etabliert. "Auf diese Strukturen können wir nun zum Glück zurückgreifen", sagt Frey. Die Hilfsbereitschaft sei zudem auch noch einmal deutlich höher als bei der Ankunft der Geflüchteten 2015.

Menschen wie Ljubov Sagan versuchen nun, überall dort zu helfen, wo sie können. Auch am Montag war Sagan wieder in der Jugendherberge in Possenhofen vor Ort. Zwar seien die Menschen dort gut versorgt, berichtet sie, dennoch fehlt es nach wie vor an einigem. Besonders dringend würden Hygieneartikel wie Seife, Shampoo, Duschgel oder Windeln gebraucht, sagt sie. Auch zwei Waschmaschinen und Trockner würden noch dringend benötigt. Kleidung sei dagegen bereits ausreichend gespendet worden.

Sagan freut sich über die vielen privaten Zimmer, die für die Unterbringung der Menschen aus der Ukraine zur Verfügung gestellt worden sind. Aber wahrscheinlich wird das nicht reichen, glaubt sie. "Es wird ja weitergehen", sagt sie und meint die Flüchtlingsströme. Deshalb seien weitere Unterkünfte vonnöten. Denn: "Die Menschen können ja nicht für immer in Possenhofen bleiben."

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