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SZ-Adventskalender:Ohne Dach über dem Kopf

Krankheit, Trennung oder Arbeitslosigkeit: Viele Menschen sind von Wohnungslosigkeit bedroht. Die Gemeinde Gilching beschäftigt erfolgreich eine Fachkraft zur Vermeidung von Obdachlosigkeit, jetzt zieht der Landkreis nach.

Dass ein Paar im Landkreis Starnberg mehr als die Hälfte seines Monatseinkommens für Miete ausgeben muss, ist keine Seltenheit. Fällt ein Verdiener dann plötzlich wegen Arbeitslosigkeit oder Krankheit aus, können aber schnell Mietschulden auflaufen, die Wohnung ist über kurz oder lang nicht mehr zu halten. Trennung und Scheidung sowie Mieterhöhungen und Eigenbedarfskündigungen von Vermietern sind weitere Gründe dafür, dass auch im Fünfseenland mehr Menschen in die Wohnungslosigkeit rutschen. "Das Problem nimmt zu und geht Richtung Mittelschicht", stellt der Geschäftsführer des Caritasverbands Starnberg, Ulrich Walleitner, fest.

Allein die Stadt Starnberg hat derzeit 24 Menschen ohne Obdach registriert, zehn männlich, 14 weiblich, darunter acht Kinder. Drei Betroffene sind über 65 Jahre alt. Zehn stammen aus Deutschland, sechs aus dem Kosovo, sieben aus der Türkei und eine Person aus dem Iran. Damit keiner auf der Straße steht, betreibt die Stadt eine Containeranlage an der Petersbrunner Straße. Acht Obdachlose finden dort Platz, Männer und Frauen in getrennten Containern. Die weiteren 16 Wohnungslosen, einschließlich der acht Kinder, sind in städtischen Wohnungen und Häusern untergebracht. "Der Stadt Starnberg ist es ein großes Anliegen, möglichst viele Obdachlose dezentral in städtischen Wohnungen unterzubringen, um den Betroffenen die Möglichkeit zu geben, sich in die Gesellschaft zu integrieren", heißt es von Seiten der Stadt. Daher sei der Bau einer neuen, zentralen Obdachlosenunterkunft nicht geplant.

Ungleichheit in Deutschland

Aus Sorge, womöglich auf der Straße zu landen, wenden sich jeden Monat durchschnittlich drei Menschen an die Gemeinde Gilching.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Die Kosten für einen Platz in der Containeranlage gibt die Stadt mit monatlich 437,20 Euro an. In den städtischen Wohnungen richten sich die Unterbringungskosten nach den Mietkosten. Die Kosten übernimmt in der Regel der Sozialhilfeträger. Etwa die Hälfte der untergebrachten Obdachlosen stuft die Stadt als sogenannte Dauerbeleger ein.

Damit Menschen möglichst vor Wohnungslosigkeit bewahrt bleiben oder Betroffene wieder zu einer Wohnung kommen, bietet der Caritasverband Starnberg Unterstützung an. In der Fachberatungsstelle am Bahnhofplatz 2b (am Ende des Park+Ride-Parkplatzes) hilft man, wenn Räumungsklagen drohen oder bereits vorliegen, Mietschulden sich auftürmen, Eigenbedarf zur Wohnungskündigung führt oder andere persönliche Schwierigkeiten vorliegen. Die Caritas vermittelt bei Bedarf auch bei Behördenangelegenheiten, berät bei Gesundheits- und Suchtproblemen und bei der Existenzsicherung.

Jede Kommune muss laut Gesetz selber zusehen, wie und wo sie Wohnungslose unterbringt. Die Gemeinde Gilching mit ihren knapp 20 000 Einwohnern betreibt seit 20 Jahren ein Modell, das sich für betroffene Einzelpersonen bewährt: In der Notunterkunft an der Weßlinger Straße - auch "Klein-Sibirien" von Einheimischen genannt, weil sie wie eine russische Arbeitersiedlung anmutet - hält sie 15 Zimmer vor. Die 25 Quadratmeter großen Räume sind um eine Wiese herum gruppiert, nahe dem Baggersee. Sie umfassen je ein Badezimmer und eine Küchenzeile und garantieren eine gewisse Privatsphäre. Wer hier unterkommt, unterschreibt einen Mietvertrag, kann dann eine feste Adresse angeben, was etwa bei der Arbeitssuche hilfreich ist. "Manche bleiben nur Tage oder zwei bis drei Wochen, manche über Jahre", sagt Tobias Baumann, Leiter des Gilchinger Bürgerservice. Für Familien, derzeit drei, mietet die Gemeinde Unterkünfte in Pensionen an.

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Eine Verschärfung der Wohnungssituation beobachtet auch Baumann. Etwa drei Leute klopfen jeden Monat an, weil sie fürchten, dass sie wohnungslos werden. Um sie kümmert sich die Sozialpädagogin Simone Christenn. Seit 2010 ist sie mit einer halben Stelle in Gilching angestellt. Im Jahr 2018 hat sie 23 Haushalte beraten. In 19 Fällen konnte sie Wohnungslosigkeit vermeiden.

Ein guter Ansatz, dachten sich die Starnberger Kreisräte, wenn Prävention das Obdachlosenproblem für jede Landkreiskommune vermindert. Schon 2015 beschlossen sie einen Zuschuss für eine Halbtagesstelle, die der Caritasverband einrichten sollte, was aber jahrelang nicht gelang. 2018 genehmigte der Kreis im Haushalt sogar eine Vollzeitberatungsstelle - auch im Hinblick auf die steigende Zahl von anerkannten Asylbewerbern, die im Landkreis eine Wohnung suchen. Das sind inzwischen fast die Hälfte aller Flüchtlinge. Zum 1. November lebten 661 von 1543 Flüchtlingen als "Fehlbeleger" in Asylunterkünften des Landkreises. Jetzt habe man endlich einen Sozialpädagogen gefunden, der Mitte Dezember die vakante Präventionsstelle antrete, wenn auch nur in Teilzeit, kündigt Caritas-Geschäftsführer Walleitner an. Im Lauf des kommenden Jahres solle daraus eine ganze Stelle werden. Damit möglichst kein Landkreisbürger den Schock und die Scham erleben, das Dach über dem Kopf zu verlieren.

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