Starnberger BuchreiheStadtgeschichte als Ladenhüter

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Im Archiv der Stadt Starnberg türmen sich Bücherberge zur Stadtgeschichte. Hier lagern mehr als 10.000 Exemplare, von denen zwei Drittel womöglich „entsorgt“ werden.
Im Archiv der Stadt Starnberg türmen sich Bücherberge zur Stadtgeschichte. Hier lagern mehr als 10.000 Exemplare, von denen zwei Drittel womöglich „entsorgt“ werden.
Nila Thiel
  • Die Stadt Starnberg will zum Jahresende über 7000 Bücher ihrer Stadtgeschichts-Reihe entsorgen, da sie sich nicht verkaufen lassen und Platz im Archiv benötigt wird.
  • Die zwölf Bände der seit 2007 erschienenen Reihe haben einen Verkaufswert von 119 000 Euro, erwiesen sich aber als Ladenhüter im Buchhandel.
  • Vor der endgültigen Entsorgung startet die Stadt eine Verschenk-Aktion, bei der sich Interessierte kostenlose Exemplare bei der Stadtverwaltung abholen können.
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Die Starnberger Stadtverwaltung braucht dringend Platz in ihrem Archiv. Darum sollen mehr als 7000 Bücher mit einem Verkaufswert von 119 000 Euro zum Jahresende entsorgt werden. Zuvor gibt es eine Verschenk-Aktion.

Von Peter Haacke, Starnberg

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Es war eine vermeintlich großartige Idee, die da seinerzeit in den Starnberger Amtsstuben reifte: Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums zur Stadterhebung sollte im Jahr 2012 eine Buchreihe entstehen, die den Werdegang der Kreisstadt skizzierte. Zwölf Bände sind seither im „Kulturverlag Starnberg“ erschienen, die aber allesamt einen Schönheitsfehler haben: Sie lassen sich kaum mehr verkaufen. Im Archiv der Stadt lagern derzeit rund 10 500 Bände, von denen 7174 Exemplare „entsorgt“ werden sollen. Verkaufswert: 119 000 Euro.

Seit 2007 gibt die Stadt Starnberg im Eigenverlag die Reihe „Starnberger Stadtgeschichte“ heraus. Interessierte können sich mittlerweile über zwölf informative und hochwertig produzierte Bände freuen, die in einer Auflage zwischen 2000 und 2500 Exemplaren jeweils einen Teilaspekt der Geschichte Starnbergs beleuchten. Themen sind etwa alte Flurnamen, Kirchen, Schulen, Künstler, Firmen oder Vereine. Besonders opulent gerieten die Werke zur Baugeschichte (Band 9) oder der politischen Geschichte (Band 10) des einstigen Fischerdorfes: üppig bebilderte Bände mit kenntnis- und detailreichen Texten von Kreisheimatpfleger Gerhard Schober und Historiker Paul Hoser, die vieles über Selbstverständnis, Erscheinungsbild, Wandel und Werdegang der Stadt erklären.

Doch ein Renner wurden die Bücher nie. Im Handel blieben die Werke zum Preis zwischen 9,90 und 39,80 Euro wie Blei in den Regalen, und im Archiv der Stadt sind die Restbestände – immerhin 9527 Exemplare – ein Platzräuber. Hinzu kommen tausend Exemplare, die sich den Predigten des beliebten katholischen Pfarrers Konrad Schreiegg („Liebe Schwestern und Brüder“) widmen. Längst ist die Buchpreisbindung aufgehoben, doch selbst eine Sonderverkaufsaktion der Stadt brachte kaum Erfolg: Die ersten zehn Bände der Stadtgeschichtsreihe gab es als Sammeledition für 99,90 Euro (regulärer Verkaufspreis: 165,90 Euro). 41 limitierte Versionen in Schubern, die aus Platten der abgebauten „Phönix“-Stele der Künstlerin Hannelore Jüterbock gefertigt wurden, gab es für 149,90 Euro.

Angesichts des übervollen Lagers und schwacher Verkaufszahlen beschlossen die Hüter des Archivs nun, Platz zu schaffen. Insbesondere die Bände 1 bis 8 wurden nur noch in einstelliger Zahl pro Jahr verkauft, hieß es, auch gelten die Inhalte der Bücher zum Teil als veraltet. „Hier ist auch nicht mit einer Trendwende zu rechnen“, heißt es dazu lapidar in der Beschlussvorlage für den Hauptausschuss, der am Montag über die Angelegenheit beriet. Der Plan: Von den Bänden 1 bis 8 jeweils noch 117 Exemplare (Band 9: 500) behalten, den Rest dieser Reihe entsorgen. Betroffen wären 6374 Exemplare plus 800 Schreiegg-Bücher.

„Wir werden nichts mehr verkaufen und wir brauchen den Platz dringend.“

Im Gremium machte sich jedoch Unbehagen breit beim Gedanken, einst teuer bezahltes Kulturgut billig zu entsorgen. Allein die Produktionskosten dürften mehr als 200 000 Euro betragen haben, hinzu kamen die Autorenhonorare. Die Hoffnung aber, dass jede Ausgabe 8000 bis 10 000 Euro Erlös einbringen werde, erfüllte sich nicht. Als Ladenhüter erwiesen sich insbesondere Band 6 (Künstler) mit 1420 Restexemplaren und Band 9 (Baugeschichte) mit 1793 Büchern. Archiv-Mitarbeiter Christian Fries beteuerte, dass er angesichts der hohen Bestände lange mit sich gerungen, am Ende aber festgestellt habe: „Wir werden nichts mehr verkaufen und wir brauchen den Platz dringend.“ Sein Vorschlag: Ein Unternehmen solle die insgesamt rund 7100 überzähligen Bücher fachgerecht entsorgen, Kosten: 1500 Euro.

Zu verschenken: Die Buchreihe zur Starnberger Stadtgeschichte ist absolut lesenswert, der Widerhall in den Buchhandlungen aber nur noch gering. Interessierte können sich an die Stadt wenden, wenn sie kostenlose Exemplare haben möchten.
Zu verschenken: Die Buchreihe zur Starnberger Stadtgeschichte ist absolut lesenswert, der Widerhall in den Buchhandlungen aber nur noch gering. Interessierte können sich an die Stadt wenden, wenn sie kostenlose Exemplare haben möchten.
Nila Thiel

Im Bestand verbleiben sollen neben 500 Exemplaren zur Baugeschichte auch der Band 10 zur politischen Geschichte Starnbergs (985 Exemplare), Band 11 „Gotteshaus und Totenacker“ (332) sowie der 450 Seiten starke Band 12 „Vive notre amitié“ zur Städtepartnerschaft mit Dinard (400).

Freilich könnte hinterfragt werden, ob eine Kommune einen eigenen Verlag braucht und warum Bücher produziert werden, die kaum gekauft oder gelesen werden. Doch darum ging es den Stadträten nicht. Vielmehr wurden spontan Ideen zur Rettung entwickelt, zumal eine „Entsorgung“ Assoziationen an die Bücherverbrennungen der Nazis weckte. So bekannte Ludwig Jägerhuber (CSU): „Mir tut es weh, wenn Bücher vernichtet werden“. Er sprach damit wohl den meisten aus der Seele. Franz Sengl (Grüne) möchte daher Bücher in Heimatmuseum und Berufsschule zum kostenlosen Mitnehmen bereitstellen, Vize-Bürgermeisterin Angelika Kammerl präferierte das Rathaus-Foyer, Matthias Frühauf die Touristik-Information. Christiane Falk (SPD) würde Sportler mit Band 8 („Frisch, fromm, fröhlich, frei...“) beglücken oder Täuflingen ein Schreiegg-Buch zukommen lassen. Kurzum: Die Bücher werden einfach verschenkt.

Die Bände 1 bis 9 gibt es ab sofort kostenfrei im Lesecafé der Starnberger Stadtbücherei, die Bände 10 bis 12 bleiben weiterhin im Verkaufsprogramm. Die Publikationen können während der Öffnungszeiten im Lesecafé abgeholt werden.

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