Mit etwas Ironie könnte man sagen: Es gibt wohl nur wenige Nachrichten, welche die Menschen im Landkreis Starnberg so sehr getroffen haben dürften wie diese: Erstmals seit Jahren ist Starnberg nicht mehr der deutsche Kaufkraft-Champion! Heilbronn, eine Großstadt im Norden Baden-Württembergs mit 131 986 Einwohnern, hat die Starnberger von Platz eins gestoßen. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hat bundesweit Zahlen akribisch erfasst, ausgewertet, berechnet und eine aktuelle Liste präsentiert – allerdings mit Daten aus dem Jahr 2023, weil es neuere nicht gibt. Aber was ist der Grund für den vermeintlichen Abstieg der Bayern?
Es ist eine alte Weisheit: Dort, wo viel verdient wird, lebt es sich meist auch teurer. Da macht der Landkreis Starnberg mit seinen knapp 140 000 Einwohnern keine Ausnahme: Immobilien erzielen teils absurde Spitzenpreise, Mieten sind überdurchschnittlich hoch, die Lebenshaltungskosten liegen 14 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. Auswärtige staunen nicht schlecht über die Tarife, die in manchen Starnberger Gaststätten und Restaurants aufgerufen werden, selbst die Preise für gewöhnliche Butterbrezen beim Bäcker erscheinen manchen als zu gesalzen.
Das alles ist zwar nicht wirklich neu, doch dass der „Landkreis der Millionäre“ jetzt nur noch Nummer zwei im bundesweiten Ranking sein soll, lässt aufhorchen. Dabei ist es nicht so, dass die Starnberger nun – statistisch betrachtet – 2023 plötzlich weniger verdient hätten als in den Vorjahren oder Bestverdiener in Scharen den Landkreis verlassen haben. Im Gegenteil: Das durchschnittliche Einkommen war laut der Studie mit 44 500 Euro bundesweit weiterhin am höchsten. Doch „preisbereinigt“ – also unter Berücksichtigung der Lebenshaltungskosten – betrug das verfügbare Pro-Kopf-Einkommen laut IW eben nur 39 224 Euro. Und damit 200 Euro weniger als in Heilbronn.
Wie haben es die Heilbronner auf Platz eins geschafft?
Die Verschiebung liegt im Wesentlichen an der Verquickung der Zahlen. Basis der jüngsten Auswertung der beiden Studienautoren Christoph Schröder und Jan Wend ist eine aufwendige IW-Datensammlung zu regionalen Preisen in 400 kreisfreien Städten, Kreisen sowie Stadt- und Landkreisen in Deutschland. Die Forscher verknüpften diese Werte mit Einkommensdaten des Statistischen Bundesamtes. Die zentralen Erkenntnisse der Studie: In ländlich geprägten Regionen profitieren die Menschen von eher niedrigen Lebenshaltungskosten, Großstädte schneiden teilweise insbesondere aufgrund ihrer hohen Wohnkosten schlecht ab. So verwundert es nicht, dass sich mit dem bayerischen Landkreis Rhön-Grabfeld (38 479 Euro) und dem Kreis Neuwied in Rheinland-Pfalz (37 441 Euro) zwei Regionen hinter Heilbronn und Starnberg einreihen, die nicht unbedingt zu den klassischen deutschen Wohlstandszentren zählen.
Doch wie haben es die Heilbronner auf Platz eins geschafft? Die Begründung liefert laut IW-Studie ein Sondereffekt im Jahr 2023: Fürs dortige Durchschnittseinkommen spielten Gewinnentnahmen aus Gewerbebetrieben eine ausgesprochen große Rolle, die teilweise sogar die Hälfte der Einnahmen ausmachen. Vor allem dieser Umstand dürfte die Stadt in den neuen revidierten Einkommensdaten des Statistischen Bundesamtes nach oben geschoben haben. Allerdings verweisen die Autoren auch darauf, dass nur wenige Haushalte von diesen Gewinnentnahmen profitieren. Der Effekt könnte also – rein statistisch – für 2024 schon wieder verpufft sein.
Den Starnbergern bleibt immerhin ein Trost: Mit 26,4 Millionären auf 100 000 Einwohner bleibt der Landkreis bundesweit weiterhin Spitzenreiter bei der Dichte an Einkommensmillionären. Und im Freistaat führt Starnberg beim verfügbaren Pro-Kopf-Einkommen vor Rhön-Grabfeld und dem Landkreis Miesbach (37 078 Euro). Ein Ende der abendländischen Kultur sieht in Starnberg bislang jedenfalls niemand heraufdämmern.
Ein Autohaus verkauft statt rassiger Sportwagen neuerdings chinesische E-Autos
Zwar scheint derzeit ohnehin alles teurer zu werden, ob Lebensmittel, Benzin, Gas, Strom, Schokolade oder Butterbrezen. Doch dieser Umstand ist eher der weltpolitischen Lage als besonderen Umständen in Starnberg zuzurechnen. Bemerkbare Effekte im örtlichen Einzelhandel sind zurzeit jedenfalls nicht auszumachen. Bei Aldi, Lidl, Netto oder Penny wird ebenso weiterhin eingekauft wie bei Edeka, Norma und Rewe. Gastronomen sind ohnehin nur selten zufrieden mit ihren Umsätzen, und an Tiernahrung wurde selbst in Corona-Jahren nicht gespart.
Freilich kann man den Versuch wagen und hinterfragen, was der Abstieg auf Platz zwei beim verfügbaren Einkommen mit Ort und Normalverdienern macht. Doch eine allgemeingültige Antwort dürfte schwerfallen. Am augenfälligsten noch ist eine aktuelle Änderung im Starnberger Gewerbegebiet: In einem Autohaus, wo jahrelang nur rassige Sportwagen und elegante Limousinen oft für sechsstellige Summen veräußert wurden, gibt es nun deutlich günstigere E-Autos: allesamt „Made in China“.

