Edeka hat eine findige PR-Abteilung: Immer wieder lädt das Einzelhandels-Unternehmen Politiker zu einer Art Mini-Praktikum an der Kasse ein. Was die oder der Abgeordnete in einer halben Stunde einnimmt, wird an ein beliebiges Unternehmen gespendet. Im Akkord gescannt hat nun auch die Starnberger SPD-Bundestagsabgeordnete Carmen Wegge, und zwar für die Starnberger Unterstützungsstelle „Frauen helfen Frauen“. Ein Gespräch über das Einkassieren – von Nahrungsmitteln bis hin zu Schuldenbremse, Cannabisgesetz und Kanzlerkandidat.
800 Euro haben Sie in einer halben Stunde eingenommen. Was ist Ihre Verkaufsstrategie?
Ich hab’ die Leute aktiv zu mir rübergewunken. Ihnen erklärt, dass ich ihre Bundestagsabgeordnete bin, wofür wir sammeln. Außerdem hab’ ich noch Kassiererfahrung aus Schulzeiten. Und: Beim Stehen scannt es sich schneller!
Die SPD fordert höhenverstellbare Kassen für alle?
Das wäre nicht schlecht!
Sie haben zuletzt eine Frauenhaus-Tournee gemacht. Starnberg hat keins. Kann das geplante Frauenhausfinanzierungsgesetz helfen?
Das Gesetz soll lediglich einheitliche Standards bei der Finanzierung setzen, etwa bei der Barrierefreiheit. Darüber wird also leider kein neues Frauenhaus entstehen. Wobei ich ein gesetzliches Anrecht auf einen Platz schon gut fände. Eine Erhöhung der Bundesförderung für das Entstehen neuer Frauenhäuser ist aber bei der aktuellen Haushaltslage schwierig.
Die Steuereinnahmen brechen ein, Finanzminister Lindner hält alle zum Sparen an. Und, um beim Kassieren zu bleiben, die SPD tut sich schwer, die Schuldenbremse einzukassieren.
Selbst die OECD hat uns aufgefordert, die Schuldenbremse zu reformieren. Wir werden auf der ganzen Welt ausgelacht! Auch die Wirtschaftsweisen sind dafür.
Sollte man aus Ihrer Sicht dann vielleicht mal den Finanzminister einkassieren?
Na ja. Wenn eine Koalition nach dem Konsensprinzip arbeitet, dann muss man entweder die Person überzeugen oder andere Wege finden, wie etwa über Sondervermögen. Der Staat muss ja handlungsfähig bleiben.
Mal von Berlin nach China. Die SPD will chinesische Billigimporte einkassieren. Klauen uns die Sozialdemokraten jetzt unsere günstigen Kuscheltiere?
Nee, natürlich nicht. Aber auch hier soll es einheitliche Standards geben. Man kann sich ja auch für das gute deutsche Produkt entscheiden.

Die Union würde gern das Cannabisgesetz einkassieren. Der CSU-General Martin Huber nennt es „schizophren“. Sie haben mit verhandelt. Wie gut ist ein Gesetz, von dem selbst der Betreiber des Berliner Hanfmuseums nicht viel hält?
Wir hätten uns da ja auch deutlich mehr vorstellen können. Aber dass Konsumentinnen und Konsumenten nicht mehr strafrechtlich verfolgt werden, das ist schon eine große Leistung. Für mehr Liberalisierung müssen wir erst das EU-Recht ändern. Mal ganz abgesehen davon: Ich frag’ mich wirklich, in welcher Konstellation Martin Huber regieren möchte, damit er das zurücknehmen kann. Das ging derzeit nur mit der AfD.
Gleich selbst einkassiert hat die SPD ihren Spruch „Deutschland den Deutschen, die Demokratie verteidigen“, mit dem sie sich auf Instagram gegen rassistisches Partygegröle auf Sylt stellen wollte. Wer denkt sich so was aus?
Das kam wohl von der Öffentlichkeitsstelle. Die hat dann ja auch schnell gemerkt, dass das irgendwie eine blöde Idee war. Dann haben sie es gelöscht, Gott sei Dank.

Manche Deutsche und auch manche in der SPD würden gern Scholz als Kanzlerkandidaten einkassieren und lieber Verteidigungsminister Pistorius ins Rennen schicken. Wer wäre der Bessere?
Darüber lachen wir immer herzlich, wenn das wieder hochgebracht wird. Ich wüsste nicht, warum wir Olaf Scholz nicht weiter als Kanzler haben wollen würden.
Vielen ist er halt zu dröge.
Tiktok, X, Townhallformate, längere Interviews – bei seiner Kommunikation hat sich wirklich viel getan.
Viel Klartext war da zuletzt aber nicht beim sogenannten Klartext-Interview im Stern.
Wenn man sagt, die Leute haben nicht mehr alle Latten am Zaun, wenn sie behaupten, die Deutschen seien faul, finde ich das schon ausreichend Klartext.
Machen wir mal politischen Kassensturz im Superwahljahr. Vor der Europawahl dümpelt die SPD bei gerade mal 14 Prozent, vor der Landtagswahl in Thüringen bei sieben Prozent. Würden Sie den Genossinnen und Genossen die Supermarkt-PR-Nummer empfehlen, um sich mal bekannter zu machen?
In Thüringen müssten schon ähnliche Aktionen stattgefunden haben – Edeka hat die Aktion ja allen Bundestagsabgeordneten angeboten. Ob ich durch die halbe Stunde an der Kasse so viele Wählerinnen und Wähler gewonnen hab’, weiß ich jetzt aber auch nicht. Es ging ja in erster Linie darum, „Frauen helfen Frauen“ zu unterstützen. Aber ich glaub’, alle fanden mich sympathisch. Wenn man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen kann, ist das natürlich schön.

