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Erneuerbare Ressourcen:Die Energiewende im Landkreis Starnberg dümpelt dahin

Unterbrunn Solarpark

In einer ehemaligen Kiesgrube bei Unterbrunn steht ein Solarpark, dessen 6336 Module Strom für 600 Haushalte produzieren können.

(Foto: Georgine Treybal)

Nicht nur Windräder, auch Photovoltaikanlagen stoßen auf Widerstände. Erst eine Handvoll Solarparks liefert sauberen Strom. Das soll sich ändern.

Von Christine Setzwein

Nicht nur Windräder, auch große Photovoltaikanlagen auf Feldern stoßen oft auf Widerstand - weil sie das Landschaftsbild zerstören würden und im Landschaftsschutzgebiet liegen, heißt es von Kritikern. Die bisher größte dieser Freiflächen-Solaranlagen im Landkreis steht im Seefelder Ortsteil Unering. Sie ist 2007 nach vielen Querelen in Betrieb gegangen, acht Hektar groß und kann jährlich drei Megawatt-Peak regenerative Energie für umgerechnet etwa 860 Haushalte produzieren. In Unterbrunn ging 2012 ein etwa vier Hektar großer Solarpark in Betrieb. In Traubing steht eine 2,3 Hektar große Anlage. Nur eine Handvoll Solarparks im Landkreis Starnberg ist Landrat Stefan Frey (CSU) zu wenig. Er möchte den Ausbau forcieren.

Beispiel eins: Wenn es um erneuerbare Energien geht, steht die Gemeinde Wörthsee, die immerhin den Klimanotstand ausgerufen hat, im Landkreis Starnberg ganz weit hinten auf der Liste. Das soll sich ändern. Jüngst hat sich der Gemeinderat grundsätzlich für den Bau von Freiflächen-Photovoltaikanlagen ausgesprochen. An der Lindauer Autobahn und entlang der S-Bahn könne man sich das durchaus vorstellen, hieß es. Aber, aber...

Beispiel zwei: Im Tutzinger Gemeinderat stellte ein Investor Pläne für einen Solarpark zwischen Traubing und Aschering vor, neben der bereits bestehenden Anlage. 3,6 Hektar groß sollte sie werden und einen Stromertrag von vier Millionen Kilowattstunden pro Jahr bringen. Sein Projekt, rechnete der Unternehmer vor, würde etwa 2000 Tonnen Kohlendioxid jährlich einsparen. Bürgermeisterin Marlene Greinwald befand: "Im Grundsatz eine wunderbare Sache für die Energiebilanz einer Gemeinde." Aber, aber...

2011 hat der Wörthseer Gemeinderat den Antrag eines Landwirts abgelehnt, der entlang der A 96 einen Solarpark errichten wollte - wegen der "massiven Beeinträchtigung des Ortsbildes". Die Tutzinger meinen, es gebe bessere Standorte als den, den der Investor im Blick hat. Wo die besseren Standort sein könnten, bleibt offen.

Dabei hat sich das Landratsamt Starnberg schon vor mehr als zehn Jahren mit den Bürgermeistern über mögliche Standorte solcher Freiflächenanlagen abgestimmt, erinnert Kreisbaumeister Christian Kühnel. Im Gegensatz zu Windrädern sind Photovoltaikanlagen im Außenbereich nicht privilegiert. Daher können die Kommunen potenzielle Flächen selber ausweisen. Sie müssen dazu den Flächennutzungsplan ändern und einen vorhabenbezogenen Bebauungsplan aufstellen. Das damalige Standortkonzept sei aber völlig veraltet, sagt Kühnel. Die Förderrichtlinien seien andere gewesen, und es seien Standorte gewählt worden, die zwar städtebaulich geeignet gewesen wären, aber nicht wirtschaftlich.

Das Konzept ist nie veröffentlicht worden, um Grundstücksspekulationen zu verhindern. Anlagen an Autobahnen "halte ich für gut, das ist ohnehin ein schon ein verbrauchter Bereich", so Kühnel. Gegen ein neues Standortkonzept hätte der Kreisbaumeister nichts. Dafür müssten die neuen Förderrichtlinien beachtet und verschiedene Möglichkeiten abgeklopft werden. Könnte es interkommunale Anlagen geben? Was komme als Standort noch in Frage? Eventuell Kies- und Konversionsflächen?

Gilching will nicht so lange warten und die Energiewende im Gemeindegebiet vorantreiben. Entlang der Lindauer Autobahn sollen Module auf 27 Hektar installiert werden. Das könnte das größte Solarstromprojekt im Landkreis Starnberg werden. "Damit können wir viel erreichen", meint Bürgermeister Manfred Walter (SPD). Bauherr und Betreiber ist der Grundeigentümer. Die landwirtschaftlichen Flächen befinden sich etwa 500 Meter von der nächsten Siedlung entfernt. Das Landschaftsbild werde nicht beeinträchtigt, entschied der Gemeinderat.

In Starnberg möchte die SPD die Energiewende weiterbringen - die im Landkreis übrigens laut Kreistagsbeschluss bis zum Jahr 2035 umgesetzt sein soll, aber bislang kaum vorankommt. Die SPD-Fraktion hatte im Stadtrat einen Antrag eingebracht, dass das Gelände der ehemaligen Hausmülldeponie am Truhenseeweg nach der Sanierung nicht als Skaterpark sondern als Freiflächenanlage genutzt werde. Es sei sinnvoller, statt wertvoller Böden bereits vorbelastete Flächen wie ehemalige Hausmülldeponien mit Solaranlagen zu bestücken, findet Fraktionssprecher Tim Weidner. Er bezieht sich auf Garmisch-Partenkirchen, wo eine Solaranlage auf einer ehemaligen Mülldeponie gebaut und sogar erweitert wurde. Im Starnberger Umweltausschuss sei der SPD-Antrag "weggewischt worden", sagt Weidner, in der Novembersitzung des Stadtrats von der Tagesordnung genommen worden. "Aber wir bleiben am Ball", sagt er, "die Sache ist noch nicht erledigt." Er möchte auch, dass weitere ehemalige Hausmülldeponien im Stadtgebiet auf ihre Eignung hin untersucht werden.

11 Prozent

So klein ist der Anteil erneuerbarer Energien am gesamten Verbrauch im Landkreis Starnberg. Trotz der etwa 3300 Photovoltaikanlagen - bei den meisten handelt es sich um Dachmodule - dümpelt der Anteil der Sonnenenergie am Stromverbrauch bei unter zehn Prozent dahin. Es gibt viel zu tun, wenn der Landkreis bis 2035 die Energiewende schaffen möchte. Bei den Gemeinden ragt einzig Berg heraus: Mit den vier Windrädern liegt dort der Anteil der erneuerbaren Energie am Stromverbrauch bei 105 Prozent. Schlusslicht ist Weßling mit 3,4 Prozent.

Die Energiegenossenschaft Fünfseenland begrüße die aktuellen Diskussionen sehr, sagt Vorstand Gerd Mulert. Allein aus Akzeptanzgründen sollten sich die Solarparks aber in die Landschaft einfügen. Im Gespräch sei immer öfter die Agrophotovoltaik. Dabei können die Module horizontal oder vertikal aufgeständert werden. So ist eine landwirtschaftliche Bewirtschaftung darunter oder dazwischen möglich - Strom und Agrarprodukte können gemeinsam auf einer Fläche gewonnen werden. Mulert: "Wir stehen als Investor und Betreiber dieser Anlagen bereit." Die Energie-Genossenschaft Fünfseenland stamme aus der Region, könne selbst Träger werden oder anderen Bürgergruppen helfen, ähnliche Konzepte der Bürgerbeteiligung umzusetzen.

"Mit der Bürgerbeteiligung steigt auch die Akzeptanz in der Bevölkerung", sagt Mulert. Der Vorstand ist außerdem der Meinung, dass mögliche Flächen für Solarparks nicht aus dem Landschaftschutz herausgenommen werden müssen. Diese Anlagen seien schnell installiert und schnell auch ohne jede Rückstände für die Landschaft wieder demontiert. Im Detail sei das aber ein Thema zwischen Juristen und Kommunalpolitik.

Außer in Gilching und Tutzing sind Gerd Mulert Pläne für Anlagen in Andechs auf alten Kiesabbauflächen, in Unering auf der alten Mülldeponie und in Weßling bekannt. "Teilweise sind wir damit unmittelbar schon eingebunden."

Der Etterschlager Biolandwirt Alexander Sienz-Widmann wollte vor zehn Jahren eine Anlage an der A 96 bauen. Damals wurde sie abgelehnt. Jetzt ist er "vorsichtig optimistisch", dass es klappen könnte.

© SZ vom 05.01.2021
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