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Starnberger Motorsportclub:Die letzte Zielflagge

Die "Scuderia" bietet ihr Fahrsicherheitstraining auf dem Salzburgring zu letzten Mal an. Gründungsmitglied und Sportwart Karl-Heinz Schmuck will aufhören. Wie es mit dem Verein weitergeht, ist völlig offen.

Schon letztes Jahr sollte eigentlich Schluss sein, die T-Shirts mit der Aufschrift "Ich habe fertig" waren gedruckt. Doch dann "haben sie mich abends an der Bar plattgemacht, die Kollegen", sagt Karl-Heinz Schmuck, Gründungsmitglied des Motorsportclubs "Scuderia Starnberger See" im ADAC, und Schmuck willigte ein. Doch nun ist es eine Abschiedsvorstellung: Der 31. Fahrsicherheitslehrgang der Scuderia unter dem Motto "30 plus 1" am 4./5. Oktober auf dem Salzburgring wird der definitiv letzte sein.

Es gibt nur wenig, was die Deutschen so sehr bewegt wie ihr Auto. Das gilt vor allem für die rund 60 Mitglieder der Scuderia Starnberger See. Der am 11.11.1966 gegründete Club zählt seit mehr als 50 Jahren zum Inventar der Starnberger Vereinsszene, der mit einer Kombination aus Sport, Spaß und Geselligkeit ungezählte Veranstaltungen auf die Beine gestellt hat. Einer der Höhepunkte der letzten drei Jahrzehnte war das alljährliche Fahr- und Sicherheitstraining, bei dem alte Hasen wie junge Fahranfänger auf gesperrter Strecke am Steuer des eigenen Fahrzeugs unter Aufsicht erfahrener Instruktoren etwas dazulernen konnten. Doch damit ist es nun vorbei.

Etwas verloren wirkt Schmuck im Scuderia-Vereinsbüro mit Werkstatt in einem der Nebengebäude der Gaststätte zur Au. "Es ist ein bisschen unaufgeräumt. Aber wenn es irgendwann abgerissen wird, muss ja sowieso alles raus", sagt der 79-Jährige mit Blick auf die ungeklärte Situation der Traditionsgaststätte. An den Wänden hängen Fotos, in den Regalen stehen Automodelle und Trophäen, darunter auch ein Pokal von Prinzessin zu Schaumburg-Lippe aus echtem Silber. Motorsportgrößen wie Hans-Joachim "Strietzel" Stuck, Formel-1-Pilot Joachim Danner oder Prinz Leopold von Bayern unterstützten den Verein. Die größten Erfolge feierte die Scuderia in den 80er-Jahren mit Dieter Kuppi, einst Autohändler in Herrsching, im "Alfasud-Cup". Slalom-Spezialist Guido Keller, der seine Sammlung unlängst um den Titel "Deutscher Amateur-Bergmeister der Spezialtourenwagen" erweiterte, war ebenfalls schon Instruktor beim Scuderia-Fahrtraining.

Gut 20 Jahre startete das "SSS-Racing Team" bis Ende der 90er-Jahre bei internationalen Rund- und Langstreckenrennen. Zu jedem Foto fällt Schmuck mindestens eine Geschichte ein. Etwa, wie der Kuppi bei einem Bergrennen fast die Qualifikation nicht geschafft hätte - nur weil er vergessen hatte, dass im Kofferraum noch ein Ersatzgetriebe lag. Oder die Sache mit der kurzzeitig verschwundenen Zielflagge, die einem Scuderia-Piloten die entscheidende Qualifizierungsrunde fürs Rennen ermöglichte. Oder auch der Installateur, der mit einem VW Bulli am Fahrerlehrgang teilnehmen wollte, im Laderaum aber neben einer kompletten Werkzeugausrüstung auch noch eine volle Gasflasche an Bord hatte.

Seit 1988 organisierte die Scuderia Fahr- und Sicherheitslehrgänge für "normale" Autofahrer. "Ein Selbstläufer", sagt Schmuck, der noch immer rund 45 000 Kilometer pro Jahr im eigenen Auto unterwegs ist. Die Teilnehmer sind zwischen 18 und 80 Jahre alt mit Autos von 70 bis 700 PS. "Es geht nicht ums Schnellfahren", sagt Schmuck, "sondern um sicheres Fahren". Auf dem Lehrplan stehen Theorie und Praxis: Fahrphysik, Bremsen und Lenken auf nasser Fahrbahn, Slalom, Kurventechnik, Ideallinie, richtiges Reagieren in kritischen Situationen. Trainiert wird in kleinen Gruppen ohne Zeitwertung. Am Ende des Lehrgangs steht ein freies Training auf dem 4,255 Kilometer langen Rundkurs und eine Fahrstil-Benotung.

"Vor allem die Mädels", sagt Schmuck, "nehmen die Hilfe der Instruktoren an. Sie setzen das, was man ihnen sagt, viel besser um als die Männer". Erklärte Ziele sind die Erhöhung der Fahrsicherheit und partnerschaftliches Miteinander im Verkehrsalltag. "Das ist doch, woran es heute fehlt", sagt Schmuck. Hinzu kommt: Immer größere Autos mit teils absurden Motorleistungen und komplexer werdende Technik überfordern immer mehr Fahrer im Straßenverkehr, die ihr Auto nur noch selten beherrschen, hat Schmuck beobachtet.

Was für die Teilnehmer ein großer Spaß ist, bedeutet für die rund 20 ehrenamtlichen Helfer an der Rennstrecke Schwerstarbeit. Schmuck, der die ganze Organisation ohne seine langjährige Lebenspartnerin Jutta Wagner ("Wir sind noch zu jung zum Heiraten") und den Scuderia-Vize-Vorsitzenden Franz Neu gar nicht schaffen würde, beklagt den Mangel an Nachwuchs. "Die Jungen kommen her und sagen: Ich will Rennen fahren! Was für ein Auto kriege ich?", sagt Schmuck. Dass harte Arbeit, hohe Kosten und Engagement hinter einer Karriere als Motorsport-Pilot stecken, ignorieren die meisten - und sind dann auch schnell wieder verschwunden.

Für den letzten Scuderia-Lehrgang sind noch gut 20 Plätze frei, wer mitmachen will, sollte sich beeilen. Voraussichtlich im Herbst findet die Mitgliederversammlung statt, Anfang November steht noch eine Fahrt ins österreichische Bad Hofgastein mit Besuch der "Kristallwelten" an. Wie es danach weitergeht mit dem traditionsreichen Starnberger Verein, steht in den Sternen. "Motorsport? Das ist vorbei", sagt Schmuck mit wehmütigem Blick auf alte Zeiten, in denen man bei Rallyes noch ungestraft durch heimische Wälder und Wiesen brettern durfte. Alles sei immer komplizierter geworden - Auflagen, Vorschriften, Behördenkram. "Aber es hilft nichts", sagt Schmuck, der im Dezember 80 wird. "Ich kann's ja nicht ewig machen."