Literarischer Herbst in Starnberg:Rote Stilettos, Lurchi und die Sünderin

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Literarischer Herbst in Starnberg: Kinderschuhe, Stilettos, Gummistiefel, Traumschuhe oder praktische Wanderschuhe: Der Literarische Herbst mit Judith Huber (li.) und Elisabeth Carr machte das letzte Mal Station im Starnberger Schuhhaus Linse.

Kinderschuhe, Stilettos, Gummistiefel, Traumschuhe oder praktische Wanderschuhe: Der Literarische Herbst mit Judith Huber (li.) und Elisabeth Carr machte das letzte Mal Station im Starnberger Schuhhaus Linse.

(Foto: Georgine Treybal)

Die Tage des Schuhhauses Linse sind gezählt, das einstige Kino soll abgerissen werden. Zum Abschluss ihrer Veranstaltungsreihe laden Elisabeth Carr und Gerd Holzheimer zu "Let's go oder Schuhe bewegen" ein - eine Angelegenheit fast nur für Frauen.

Von Sylvia Böhm-Haimerl, Starnberg

Im Jahr 1989 genoss Filmproduzent und Regisseur Bernd Eichinger in Feierlaune Champagner aus dem Schuh der Schauspielerin Hannelore Elsner. In Würdigung einer der wohl bekanntesten Begebenheiten auf einem Deutschen Filmball spielte Judith Huber am Donnerstag im Starnberger Schuhhaus Linse diese Szene mit einem roten Stiletto nach: "Ich wollte immer schon einmal Champagner aus einem Schuh trinken", sagte die Schauspielerin und Performerin auf der Veranstaltung "Let's go oder Schuhe bewegen", zu der Elisabeth Carr und Gerd Holzheimer im Rahmen der Reihe "Literarischer Herbst" eingeladen hatten. Die Lesung war das Finale der Veranstaltungsreihe. Da sich der Literarische Herbst seit 20 Jahren dadurch auszeichnet, dass Lesungen stets an Orten inszeniert wurden, die im örtlichen oder spirituellen Zusammenhang zum Thema stehen, hatten die Veranstalter in das Schuhhaus eingeladen, das früher einmal ein Kino war. Im fast nur weiblich besetzten Publikum - abgesehen von Holzheimer hatte sich während der Veranstaltung nur ein weiterer Mann eingefunden - waren auch einige ältere Semester, die sich noch gut ans frühere "Schlosstheater" erinnern konnten.

Literarischer Herbst in Starnberg: "Ich wollte immer schon einmal Champagner aus einem Schuh trinken": Judith Huber (re.) und Elisabeth Carr.

"Ich wollte immer schon einmal Champagner aus einem Schuh trinken": Judith Huber (re.) und Elisabeth Carr.

(Foto: Georgine Treybal)

Die Champagner-Szene passte bestens zur Veranstaltung, auf der neben zahlreichen Schuhgeschichten auch an die Kinovergangenheit des Gebäudes in der Starnberger Kernstadt erinnert wurde. Als das "Schlosstheater" im Jahr 1949 startete, war ein Kinobesuch noch etwas ganz Besonderes, meistens ein Sonntagsnachmittagsvergnügen für die ganze Familie. Hier fanden aber auch Abiturfeiern statt, ebenso wie Theateraufführungen und Konzerte.

Der erste deutsche Nachkriegsfilm "Die Sünderin" sorgte deutschlandweit und somit auch in Starnberg für einen Skandal: Der damalige Pfarrer protestierte, doch Bürgermeister Eduard Süskind war der Meinung, dass der Film, in dem für wenige Sekunden eine Nacktszene mit Hildegard Knef zu sehen war, den Starnbergern durchaus zumutbar sei. Bis in die Sechzigerjahre war das "Schlosstheater" Mittelpunkt für Kultur und Freizeit in der Kreisstadt, zumal damals für die Jugend nicht viel geboten war.

"Wer barfuß geht, dem kann man nichts in die Schuhe schieben"

Doch als sich die Menschen ein Fernsehgerät leisten konnten, ließ das Kinofieber nach. Das Gebäude wurde im Jahr 1967 zum Schuhgeschäft umfunktioniert. Seither gibt es in dem langgestreckten Raum, in dem vormals bis zu 384 Kinobesucher Platz fanden, Kinderschuhe, hochhakige Stilettos, Gummistiefel, Traumschuhe oder praktische Wanderschuhe zu kaufen, in denen man sich anmutig bewegen, balancieren oder schreiten kann. Zwischen all diesen Angeboten, die derzeit zum Ausverkauf stehen, wurden Märchen und Geschichten rund um den Schuh vorgetragen: Es gab praktische Tipps zur Schuhpflege, Infos zur Geschichte des Schuhs oder auch sinnige Sprüche: "Egal wieviel Du isst, Schuhe passen immer". Oder auch: "Wer barfuß geht, dem kann man nichts in die Schuhe schieben".

Das Schuhhaus Linse war und ist bis heute eine Institution in Starnberg. Einige Besucher bedauerten, dass es spätestens im März kommenden Jahres schließen wird. Sogar Chefin Christine Linse hatte Tränen der Rührung in den Augen, als ihr am Ende der Veranstaltung eine "Lurchi"-Figur überreicht wurde. Generationen von Kindern hatten früher die Abenteuer-Hefte des Salamanders "Lurchi", die in den Schuhgeschäften auslagen, verschlungen.

Literarischer Herbst in Starnberg: Tränen zum Abschied: Zum Finale der 20. Auflage des Literarischen Herbstes überreichen Elibath Carr (li.) und Judith Huber der Geschäftsinhaberin Christine Linse einen "Lurchi", das Maskottchen der Traditionsfirma Salamander.

Tränen zum Abschied: Zum Finale der 20. Auflage des Literarischen Herbstes überreichen Elibath Carr (li.) und Judith Huber der Geschäftsinhaberin Christine Linse einen "Lurchi", das Maskottchen der Traditionsfirma Salamander.

(Foto: Georgine Treybal)

Heute kommt bei vielen Starnbergern Wehmut auf, wenn sie hören, dass das Gebäude abgerissen und durch ein modernes Wohn- und Geschäftshaus ersetzt werden soll. Doch diese Pläne haben sich laut Christine Linse zerschlagen. Wegen der horrenden Preissteigerung im Bauwesen könne das Projekt von der Familie alleine nicht mehr gestemmt werden, sagte sie. Wahrscheinlich wird das Areal verkauft.

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