Dieter Fischer:Der Bulle von Pöcking

Andechs: Rosenheim Cops Schauspieler Dieter Fischer

Er gilt als einer der beliebtesten Kommissare Bayerns: Dieter Fischer als Anton Stadler in den "Rosenheim-Cops".

(Foto: Nila Thiel)

Dieter Fischer, bekannt aus den "Rosenheim-Cops", ist ein vielseitiger Mann. Er engagiert sich für die Hospizbewegung und für ehrliche Landwirtschaft - in der Corona-Krise hat er ungewöhnlich viel Zeit dafür.

Von Astrid Becker

Die Weihnachtsgans gibt es bei ihm kurz nach Ostern. Monatelang ruhte das Geflügel in der "Gefrier" von Dieter Fischer - bis Corona kam und damit auch der Jahresurlaub. Normalerweise stünde der 49-Jährige schon wieder vor der Kamera als Kommissar Anton Stadler in der ZDF-Serie "Die Rosenheim-Cops". Doch der Beginn für die Dreharbeiten zu weiteren 22 Folgen wurde wegen der Pandemie nach hinten geschoben, auf Anfang Juni. Deshalb hat Fischer nun überraschend viel Zeit.

Treffpunkt an diesem Nachmittag ist die Friedenskapelle bei Andechs. Fischer sitzt auf einer Bank, genießt den Ausblick auf das Kloster und die Wiesen außen herum, auf denen der Löwenzahn blüht. Seine Haare sind deutlich länger als sonst, der Vollbart ebenso. Aber Fischer interessieren Äußerlichkeiten nur bedingt. "Schauen Sie sich das an", sagt er, steht auf und breitet die Arme aus: "Da möcht' man doch gleich eine Kuh sein." Und mit dieser Aussage ist schon der Grundstein für ein Gesprächsthema gelegt, das diesem Menschen sehr am Herzen liegt. Die Landwirtschaft. Genauer gesagt, die ehrliche Landwirtschaft. Eine, bei der die Tiere noch anständig gehalten würden und nicht zu 100 000 in einem Stall stünden, wie er sagt. Und das schmecke man auch: "Ich habe mal in einem Hotel ein Ei gegessen, mei war das greislich."

Fischer kauft keine Produkte aus der Massentierhaltung, er geht zum Bauern nebenan. Nebenan, das ist das Fünfseenland und seine Umgebung: "Ich kann die Leute nicht verstehen, die sich für 1000 Euro einen Weber-Grill anschaffen oder eine Outdoorküche, und dann in den Discounter gehen und sich für billiges Geld Halsgrat kaufen, das nur nach Glutamat schmeckt." Zwei Gefrierschränke habe er zuhause, und Corona sei gut für beide: "Die werden endlich leerer", sagt er, der nicht nur gern selbst kocht, sondern auch sein eigenes Sauerkraut macht oder Zwetschgen aus dem Garten einweckt. Wenn man ihn so reden hört, spürt man den Respekt vor der Natur und der Schöpfung, von der er überzeugt ist. "Ja" sagt er, "ich habe Gottvertrauen. Ich hätte mir sogar mal eine kirchliche Laufbahn vorstellen können." Früher, als er jünger war.

Fischer ist in Freising geboren und auch aufgewachsen. "Und mir kam damals der Dom so riesig vor." Erst später, als Erwachsener, habe er gemerkt, dass dieser sakrale Bau viel kleiner ist als gedacht. "Er ist eigentlich der kleinste Dom weit und breit, aber so schön. Wie Andechs, das ist auch so schön." Er hat vier Brüder, er selbst ist der zweitjüngste: "Ein schlechter Platz in der Reihenfolge", sagt er. "Wir haben viel gerauft, heute verstehen wir uns bestens." Zwei der vier Brüder leben in seiner unmittelbaren Nachbarschaft in Aschering, einem kleinen beschaulichen Ort, der zur Gemeinde Pöcking gehört. 1985 ist die Familie von Freising dorthin gezogen, weil ihnen die Hofstelle der Großeltern zugefallen ist. 14 Jahre war Fischer damals alt, mitten in der Pubertät, und diesen Umzug von "immerhin einer Kleinstadt in ein Kaff" beschreibt er als "Zwangsversetzung." Furchtbar sei das gewesen, ohne Freunde, ohne gemeinsame Vergangenheit, ohne dieselbe Sozialisierung mit all den anderen jungen Menschen dort in Aschering.

Zehn bis 15 Jahre habe er gebraucht, um zu erkennen, "wie schön die Landschaft hier ist". Und dass Aschering Heimat sein kann. Auch wenn er für diesen Begriff eine recht eigene Definition hat: "Heimat ist das, wo Du dazu gehörst, ob es Dir passt oder nicht." Fischer passt Aschering ganz gut. Und er ist längst dort angekommen. Zum Beispiel, wenn es ums Maibaumaufstellen wie im vergangenen Jahr geht. Da langt er mit hin, ist in diesem Moment einfach ein Ascheringer wie jeder andere. "Es gibt bei uns ein großes Gemeinschaftsgefühl, da ist mal eine Zeit Ruhe, aber wenn was ansteht, sind alle da und helfen sich gegenseitig." Und da spiele es auch keine Rolle, ob einer ein Prominenter sei, erzählt er.

Dass er dies überhaupt mal werden würde, so bekannt, daran hat er zunächst gar nicht gedacht. "Da waren uns andere Wege vorgezeichnet."Die Großeltern hätten immer bei allem mitgeredet: "Die Oma meinte, jeder von uns solle Handwerker werden, damit wir uns gegenseitig die Häuser bauen können." Seine Mutter habe das "wahnsinnig" aufgeregt. Handwerker ist Fischer dann auch nicht geworden, sondern erst einmal Einzelhandelskaufmann. Als er damals zur Berufsberatung ging, hatte er eigentlich Gärtner im Sinn. "Doch wegen meines Heuschnupfens hat der Berufsberater gesagt, da steht bloß eine Umschulung ins Haus, Du wirst Kaufmann in einem großen Kaufhaus, ich bring' Dich da ganz groß raus." Fischer bewarb sich beim Kaufhof, weil dort nur ein tabellarischer, und kein ausformulierter Lebenslauf gefordert war - und wird prompt genommen: "Damals habe ich einfach noch nicht gewusst, dass Schauspieler ein Beruf ist, den man ergreifen kann."

Nach der abgeschlossenen Ausbildung arbeitet er in der Fischabteilung, seinen damaligen Chef beschreibt er als kaufmännisches Genie: "Der hat damals aus einem eineinhalb Meter großen Fischstand eine riesige Abteilung gemacht." Und dieser Chef, der laut Fischer zu bescheiden ist, um seinen Namen in der Zeitung lesen zu wollen, ist es auch, der aus dem jungen Fischverkäufer einen Schauspieler macht. "Ich war dann ja mittlerweile in München und habe da schon mitbekommen, dass es Schauspielschulen gibt." Als er seinem Chef von seinem Wunsch, es dort einfach mal zu versuchen, erzählt, sagt der nicht, wie erwartet, Fischer solle sich solche Flausen aus dem Kopf schlagen. Sondern er ermuntert ihn, es zu probieren: "Und wenn Du es nicht schaffst, dass die Dich nehmen, musst Du Dir wenigstens nicht ein Leben lang vorwerfen, es nicht einmal versucht zu haben - so hat der mit mir geredet."

Fischer versucht es zunächst an der Otto-Falckenberg-Schule: "Die wollten mich aber nicht, weil ich für die zu bairisch geredet hab'." Aber das Münchener Schauspielstudio nimmt ihn. 1996 war das. Drei Jahre lang studiert er dort, nimmt am Wochenende noch Sprechunterricht fürs Bühnenhochdeutsch - und nebenbei arbeitet er weiter in der Fischabteilung, um sich so seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Der Chef strickt den Dienstplan des angehenden Schauspielers so um, dass sich Job und Ausbildung vereinbaren lassen. Anstrengende Jahre müssen das gewesen sein. Fischer spricht von einer 80-Stunden-Woche, und wenn er sich daran erinnert, schüttelt er leicht den Kopf, so, als würde er sich selbst darüber wundern, wie er das damals geschafft hat.

Die Rosenheim Cops 06 07 2019 Marisa Burger beim ZDF Die Rosenheim Cops Fantag in den Bavaria Fi

Über Marisa Burger, die in der Serie Miriam Stockl spielt, kam er zur Hospizbewegung.

(Foto: Thiel/ZDF/Bojan Ritan/Imago)

"Ich bin ein Mensch, der gern den Weg des geringsten Widerstands geht", sagt er wenig später an diesem Nachmittag. Und das klingt so, als würde es sich Fischer recht gern kommod einrichten. Doch so ganz kann das nicht stimmen. Dafür wirkt der große, stattliche Mann zu beweglich, zu wach, zu intensiv, zu vielseitig. Wenn man ihn auf diese Eigenheiten anspricht, verweist er auf seine Zeit in der Schauspielschule: "Ich war nicht der Helden- oder der Beautytyp", sagt er, schaut an sich herunter und lacht erst einmal herzlich über die Vorstellung von sich als Hamlet oder dergleichen. Dann erzählt er von den Rollen, die ihm stattdessen zugedacht wurden. Väter zum Beispiel, "wer durfte das schon spielen in so jungen Jahren", also so vielschichtige, lebenserfahrenere Typen. Das habe ihn geprägt und helfe ihm noch heute.

Zum Beispiel bei seinem Anspruch, sich eben nicht auf eine Figur wie den Kommissar Anton Stadler in den Rosenheim-Cops festlegen zu lassen oder festgelegt zu werden. Deshalb entwickelt er den Stadler auch immer weiter. "Um diesem Lagerkoller zu entgehen." Die Figur "Stadler", so sagt er, sei für ihn wie ein guter Freund, von dem man viel wisse, aber der einen dennoch immer wieder einmal überrasche. Zu den Rosenheim-Cops kam er nach seinem großen Erfolg als "Kaiser von Schexing" von 2008 bis 2011 im Bayerischen Fernsehen. Anfangs spielte er bei den Cops nur in ein paar Episoden mit. Dann sprang er immer öfter für den erkrankten und mittlerweile gestorbenen Joseph Hannesschläger ein. Mit den Schauspielkollegen am Set verbinde ihn tiefes Gemeinschaftsgefühl: "Andere würden vielleicht sagen, wir sind wie eine Familie, aber wenn ich dran denke, wie es in manchen Familien zugeht - nein, dann mag ich das nicht so nennen."

Marisa Burger, die in der Serie Miriam Stockl spielt, nimmt ihn eines Tages mit nach Wiesbaden zu einer Benefizveranstaltung eines Kinderhospizes, das sie unterstützt. "Wir verstehen uns sehr gut, führen viele tiefsinnige Gespräche. Dieter hat Seele, als Schauspieler und als Mensch", sagt sie über ihn. Seit dieser Fahrt nach Wiesbaden ist Fischer von der Hospizbewegung fasziniert. Nach einem Dreh in Bernried schließt er sich dem dortigen Hospizverein Pfaffenwinkel an, wird 2018 dessen Schirmherr, und ist "über alle Maßen engagiert", wie es dort heißt. "Wenn ich von etwas überzeugt bin, stehe ich auch dazu", sagt er. Dann erzählt er von dem Respekt, der den "Gästen", wie die Patienten dort heißen, entgegengebracht werde, vom Sterben in Würde und vom Erfüllen letzter Wünsche: "Wenn ich sehe, mit welcher Hingabe die Ehrenamtlichen dort ihre Freizeit opfern, nein hergeben, denn opfern hieße ja, sie machten das nicht gern, dann geht einem einfach das Herz auf."

Fischer wirkt sehr wahrhaftig bei dem, was er sagt. Zum Beispiel auch dann, wenn er übers Theater spricht. Vor allem über eines, das für ihn das beste in München ist: das Metropol. Etwa 100 Vorstellungen hat er dort allein mit dem Stück "Das Abschiedsdinner" bestritten, bei dem ein 35-jähriger Kollege, Philipp Moschitz, Regie führte und das mit dem Monika-Bleibtreu-Preis ausgezeichnet wurde. "Ein Koloss an Kraft", sagt der über Fischer, der sich mit seinem Humor, seinem Gespür für Timing und seinem Instinkt für Dosierung in intimen Momenten ins Herz spiele. Fischer denkt in diesen Tagen viel daran und an seine Theaterkollegen von dort: "Wissen Sie, wir Serienschauspieler haben es noch leicht."

Aber dass Künstler, Schauspieler wegen Corona um ihre Existenz bangen müssten, das kann er nicht verstehen: "So viel gestreamt wie jetzt wurde doch noch nie, aber wer sorgt für die Inhalte? Das sind doch wir." Und wenn die Sprache auf solche Themen kommt, ist er zu spüren, der Zorn, der auch mal einen sonst so in sich ruhenden Menschen befallen kann. Doch dann fällt Fischers Blick wieder auf das Kloster Andechs, die Berge und die blühenden Wiesen: "Wenn ich das alles sehe", so sagt er dann sichtlich beruhigter, "bin ich mir sicher, dass sich hinter dem, was andere Evolution nennen, nur eines verbergen kann: ein göttlicher Gedanke."

© SZ vom 25.04.2020/vewo
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