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Randale vor Starnberger Polizeiwache:Arrest, Bewährung und Sozialstunden wegen eskalierter Party-Nacht

Prozess nach Tumulten vor Starnberger Polizeiwache

Bei der Randale ging eine Scheibe an der Polizeiinspektion durch einen Flaschenwurf zu Bruch. 70 Beamte waren bei den Tumulten im Einsatz.

(Foto: Sina Schuldt/dpa)

Ein "wütender Mob" Jugendlicher rottet sich laut Gericht im Sommer 2019 zusammen, um einen 15-Jährigen aus der Starnberger Polizeiwache zu befreien. Nun werden fünf Angeklagte verurteilt

Von Christian Deussing

Es knistert, die Anspannung ist spürbar. Denn die Entscheidung des Jugendschöffengerichts im Prozess um die Krawalle am 25. Juli 2019 vor der Starnberger Polizeiwache verzögert sich am Donnerstag um 45 Minuten: Verurteilt werden die fünf Angeklagten im Alter zwischen 16 und 20 Jahren, weil sie nach Ansicht des Gerichts Vollstreckungsbeamte tätlich angegriffen, Landfriedensbruch begangen und versucht haben, einen Gefangenen zu befreien. Dabei handelt es sich um einen 16-jährigen Feldafinger, der sich gegen seine Festnahme vor dem Starnberger Gymnasium gewehrt hatte, einen Polizisten leicht verletzt und sie laut Gericht zu unrecht falsch verdächtigt hat, von ihnen geschlagen worden zu sein.

Der 16-Jährige wird zu einer Jugendstrafe von acht Monaten auf Bewährung und zu drei Wochen Dauerarrest verurteilt - sein gleichaltriger Freund aus Herrsching zu einem Jahr auf Bewährung und ebenfalls drei Wochen Arrest. Dem Herrschinger wird zudem versuchte gefährliche Körperverletzung vorgeworfen, weil er versucht habe, einen Polizisten gegen den Kopf zu treten. Ein weiterer Angeklagter erhält eine Woche Arrest. Die beiden anderen kommen mit Sozialstunden davon.

Das Gericht begründet das Urteil mit den "aggressiven Handlungen" der Angeklagten aus einer Gruppe heraus. Die Staatsanwältin spricht von einem "wütenden Mob, dem zwei wehrlose Polizisten gegenüber gestanden" hätten. Sie seien in einer "lebensbedrohlichen Situation" gewesen wie auch ihre Kollegen in der nahen Wache, die gestürmt werden sollte.

Dagegen weisen die Anwälte die Anschuldigungen der tätliche Angriffe auf Polizisten und die versuchte Gefangenenbefreiung zurück. Hier werde seitens der Staatsanwaltschaft offenbar versucht, generalpräventiv abzuurteilen, sagt ein Verteidiger. Ein weiterer Anwalt bezeichnet das Geschehen als "ungeplant und situative Gruppendynamik", die es zu berücksichtigen gelte - ebenso wie das Empfinden der Jugendlichen, das hier dem damals 15-Jährigen Ungerechtes passiere. Das sei "too much" gewesen und es seien wohl Bilder aus den USA entstanden, führt er in seinem 40-minütigen Plädoyer an.

Erst am dritten Prozesstag haben auch die letzten zwei der fünf Angeklagten im Gerichtssaal ihr Schweigen gebrochen. "Ich war einfach blöd und habe im Affekt falsch reagiert", räumt ein 20-jähriger Berger ein, der mit seinem Handy die Vorfälle gefilmt hat. Er habe aber die Festnahme des Jugendlichen als "relativ aggressiv" empfunden, so etwas solle doch anständig verlaufen. Der Angeklagte beteuert, niemanden angefasst und angegriffen zu haben - und auch, dass er den 15-Jährigen nicht habe befreien wollen.

Hinter ihm sitzt ein schlaksiger Schüler aus Pöcking, der ebenfalls wegen Widerstands, Angriffs auf Vollstreckungsbeamte, Landfriedensbruchs und versuchte Gefangenenbefreiung angeklagt ist. "Ich sah meinen Freund auf den Boden liegen und hörte ihn um Hilfe schreien", sagt der 17-Jährige mit stockender Stimme und wirkt kleinlaut. Er habe seinen Freund nur helfen wollen, er "wollte niemanden verletzen und habe "aus dem Impuls heraus gehandelt".

Laut Gutachten waren die fünf Angeklagten in der Nacht erheblich angetrunken und "alkoholbedingt enthemmt". Zwei von ihnen hätten zuvor auch Cannabis konsumiert. Auch eine verminderte Schuld- und Steuerungsfähigkeit seien teilweise nicht auszuschließen. Zu den Vorwürfen des heute 16-jährigen Jugendlichen, er sei von Polizisten auf den Hinterkopf geschlagen worden und sie hätten ihn gefesselt mit dem Knie im Nackenbereich und auf dem Rücken am Boden fixiert, sagte die Rechtsmedizinerin: Sie habe keine Auffälligkeiten bei der körperliche Untersuchung entdeckt, die auf eine derartige Aktion mit dem Knie oder auf stumpfe Gewalt schließen lassen würden. Darauf beruft sich auch dass Gericht.

Sämtliche Angeklagte zeigen sich reumütig und entschuldigen sich, wenn nicht gleich alles eingestanden wird. "Ich bereue die Vorfälle, habe daraus gelernt und respektiere jetzt die Polizei", versichert der 16-jährige Jugendliche, dessen Kontrolle und Festnahme die Randale ausgelöst hatte. Er wird in dem Verfahren auch wegen früherer Delikte - Hausfriedensbruch und Diebstahl - verurteilt, ebenso sein 16-jähriger Freund, der zudem im Starnberger Seebad unbefugt eingedrungen war - und der auch zugibt, mit einer Bierflasche in der Krawallnacht ein Fenster der Polizeiwache eingeschlagen zu haben.

© SZ vom 25.09.2020/mmo
Rund 50 Schüler versuchten, Polizeiwache zu stürmen

Randale von Starnberg
:Eskalation einer Partynacht

50 Jugendliche sollen sich im Sommer 2019 zusammengerottet haben, um einen damals 15-Jährigen aus einer Polizeiwache zu befreien. Vor Gericht räumen drei von fünf Angeklagten einen Teil der Vorwürfe ein.

Von Christian Deussing und David Costanzo

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