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Randale in Starnberg:Krawall mit Fragezeichen

Rund 50 Schüler versuchten, Polizeiwache zu stürmen

Bei den Tumulten im vergangenen Juli ist auch ein Fenster der Polizeiinspektion in Starnberg zu Bruch gegangen.

(Foto: Sina Schuldt/dpa)

Ein Jahr nach den Tumulten vor dem Gymnasium ist immer noch unklar, ob ein Mob die Polizeiwache stürmen wollte oder nicht.

Von Christian Deussing und Armin Greune

Vor einem Jahr haben Krawalle vor der Starnberger Polizeiwache bundesweit Schlagzeilen gemacht. Am Abend des 25. Juli sollen etwa 50 Jugendliche versucht haben, die Inspektion zu stürmen, um einen festgenommen Jugendlichen zu befreien. Dieser habe betrunken und aggressiv einen mehrfach ausgesprochenen Platzverweis vor dem nahen Gymnasium ignoriert und sich gegen die Festnahme massiv gewehrt, so die Staatsanwaltschaft Der heute 16-Jährige muss sich am 17. September mit drei weiteren Jugendlichen und einem Heranwachsenden vor dem Jugendgericht Starnberg verantworten.

Die Gruppe ist wegen tätlicher Angriffe auf Vollstreckungsbeamte, Widerstandshandlungen, Körperverletzung, Landfriedensbruch, Sachbeschädigung und Beleidigung angeklagt. Zudem gibt es den Vorwurf der versuchten Gefangenenbefreiung. Erst mit der Unterstützung von 70 Einsatzbeamten konnte damals die aufgeheizte Situation vor der Inspektion beruhigt werden. Ein Fenster ging durch einen Flaschenwurf zu Bruch, ein Schild und ein Briefkasten wurden beschädigt.

Die Anklage gilt auch für eine zweite Gruppe von sechs Jugendlichen, deren Verhandlung jedoch wegen ihres Alters unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfindet. Der Prozess gegen sie soll am 12. November beginnen und ist für zunächst zwei Tage angesetzt. Laut Staatsanwaltschaft hätten sich auch diese Jugendlichen mit den 40 bis 50 Personen zusammengerottet und die Freilassung des 15-Jährigen gefordert. Aus der Gruppe heraus sei in Richtung der Polizeibeamten geschlagen, getreten und geschubst worden, erklären die Strafverfolger.

Das allerdings sieht Marco Noli, einer der Verteidiger der angeschuldigten Jugendlichen, ganz anders. Die Staatsanwaltschaft versuche, einen "vermeintlich gewaltbereiten Mob zu kreieren", den es so nicht gegeben habe. Denn aus den Videos ergebe sich eindrucksvoll, dass das Verhalten der Personengruppe direkt vor der Wache "weit überwiegend friedlich" gewesen sei und in der Gesamtschau des Geschehens nicht als Landfriedensbruch gewertet werden könne, sagt Noli.

Der Münchner Rechtsanwalt hält es auch für verwunderlich, dass ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft zumindest gegen zwei Polizisten wegen nicht hinreichenden Tatverdachts eingestellt worden sei. Denn die Videobilder zeigten, dass ein Beamter blitzschnell mit offener Hand den rechten Kiefer eines Jugendlichen treffe und ein anderer Beamter dem jungen Mann das Handy entreiße. Der Anwalt weist auch die Behauptung zurück, dass Jugendliche die Absicht gehabt hätten, die Polizeiwache zu "erstürmen".

Die Vorfälle waren damals mit dem Sommerfest des Starnberger Gymnasiums in Verbindung gebracht worden - doch zumindest unter den Hauptverdächtigen fand sich kein einziger, der dort zur Schule ging. Schlagzeilen wie "Schulfest eskaliert" hätten sich als unrichtig erwiesen, sagt Direktor Josef Parsch. Dennoch habe er heuer schon im Februar nach einem Gespräch mit Polizei und Stadtverwaltung entschieden, das Fest "in dieser Form zumindest für ein Jahr auszusetzen". Man hätte den öffentlichen Raum vor der Schule nicht absperren können. Und Parsch befürchtete, "dass in den sozialen Medien dazu aufgerufen wird, den ,Jahrtag' zu begehen". Mit der Pandemie kamen auch alternative Ideen fürs Schulfest zu Fall, selbst die Abifeiern mussten wegen der Hygieneregeln auf fünf Schichten verteilt werden.

© SZ vom 24.07.2020

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