Theater Quälender Beziehungsstrudel

Die Starnberger Theatergruppe "Tragaudion" stürzt sich wagemutig in das Stück "Hautnah" von Patrick Marber. Aus der spröden Schlossberghalle macht die Inszenierung eine hippe Großstadt-Szenerie.

Von Katja Sebald, Starnberg

Schiller, Kleist, Büchner, Sartre, Dorst, immer wieder Shakespeare und nicht zu vergessen die Adaption des Filmklassikers "Einer flog über das Kuckucksnest" - die Theatergruppe "Tragaudion" schreckt vor großen Stoffen nicht zurück. Diesmal hat sich die Truppe, die 1993 aus der Theater-AG des Starnberger Gymnasiums hervorging, mit dem Stück "Hautnah" des britischen Autors Patrick Marber die Messlatte besonders hoch gehängt.

Dan (Tobias Malangré), der sich als Nachrufschreiber verdingt, kommt der Stripperin Alice (Amara Palacios) näher.

(Foto: Arlet Ulfers)

Für das Stück "Closer", so der Titel des englischen Originals, wurde der 1964 geborene Marber unter anderem mit dem " Laurence Olivier Award" ausgezeichnet. Seine Komödie über Sex und Verrat eröffnete 1997 die Saison im Londoner "Royal National Theatre" und wurde danach zum Welterfolg. In die Köpfe eingebrannt aber hat sich vor allem Mike Nichols hochkarätig besetzte Verfilmung aus dem Jahr 2004 - die vier Starnberger Akteure müssen also zwangsläufig gegen Julia Roberts, Natalie Portman, Jude Law und Clive Owen anspielen. Eine weitere Herausforderung für die Starnberger Inszenierung besteht in der spröden Merkzweckhallen-Anmutung der Schlossberghalle, den es in eine hippe Londoner Großstadtszenerie zwischen Galerie, Restaurant und Stripclub zu verwandeln galt. Es sei vorausgeschickt, dass die multikreativen Mitglieder von Tragaudion rund um Dana Niemann, die diesmal Regie führte, diese Herausforderung bravourös gemeistert haben: Eine Ausstellung von geradezu monumentalen und erschreckend kühlen Portrait-Aufnahmen, die David Eskens von den Ensemble-Mitgliedern machte, bildet den Rahmen. Die Bar ist im Saal und der Zuschauerraum mit gedeckten Tischen möbliert, an denen das Publikum während der Vorstellung zwar nicht Cocktails schlürfen, aber doch Wein und Bier trinken kann. Für zusätzliche "Baratmosphäre" sorgt Dana Niemann mit zwei melancholischen Gänsehaut-Songs. Die Bühne auf zwei Ebenen ist ebenfalls eine gute Idee, um verschiedene Raumsituationen zu suggerieren - bringt aber akustische Probleme mit sich.

Stripperin Alice (Amara Palacios) wird zur Inspiration für einen Roman.

(Foto: Arlet Ulfers)

Eine junge Frau wird von einem Auto angefahren, ein Mann bringt sie ins Krankenhaus. Die beiden kommen sich näher und verlieben sich ineinander. Alice (Amara Palacios) ist eine ehemalige Stripperin, die gerade von New York nach England gekommen ist. Dan (Tobias Malangré) arbeitet als Nachrufschreiber im "Sibirien des Journalismus", möchte aber Schriftsteller werden. Er verlässt für Alice seine Freundin und lässt sich von ihrem Leben zu einem Roman inspirieren. Als sein Buch ein Jahr später erscheint und er fotografiert werden soll, verliebt er sich in die Fotografin Anna (Patricia Cerny). Doch sie weist ihn ab. Anna fotografiert gerne im Zoo. Dort lernt sie den Dermatologen Larry (Jürgen Huber) kennen. Was sie nicht weiß: Dan hat sich in einem Sex-Chat als Anna ausgegeben und Larry für eine schnelle Nummer in den Zoo bestellt. Trotz des anfänglichen Missverständnisses werden Anna und Larry ein Paar und heiraten. Kurz darauf beginnt Anna doch ein Verhältnis mit Dan. Während Anna und Dan ein neues Paar werden, geraten Larry und Alice aus der Bahn. Alice arbeitet wieder als Stripperin. Larry besucht sie in der Bar. Immer tiefer geraten die Protagonisten in einen Strudel aus Sex und Leidenschaft, Verschwiegenheit und Betrug, Spiel und Kampf, Macht und Ohnmacht.

Anna (Patricia Cerny) fotografiert Schriftsteller Dan (Tobias Malangré). Das Reden über Sex spielt im Stück, Originaltitel "Closer", die Hauptrolle.

(Foto: Arlet Ulfers)

Trotz zahlreicher, großer Zeitsprünge werden die einzelnen Szenen lang ausgespielt. Aus den angekündigten zwei Stunden Spieldauer werden am Premierenabend fast drei. Fast ständig wird über Sex gesprochen, geschehenen Sex und möglichen Sex, mal mehr, mal weniger explizit. Es wird ein quälend langer Theaterabend, so lang wie ein Beziehungsgespräch, an dessen Ende alles zerbrochen ist.

Die letzte Aufführung von "Hautnah" findet am heutigen Montag um 20 Uhr statt, Einlass ab 19.30 Uhr, Karten 15 Euro, ermäßigt 10 Euro.