Immer wenn der Pizzaservice kommt, kocht bei einem Rentner aus Gilching die Wut hoch. Das Geknatter des Vespa-Minilasters, mit dem ein Laden in seiner Straße die bestellten Speisen ausliefert, nervt den 74-Jährigen seit Jahren. Bis der Mann die Beherrschung verliert, mit einem Schraubenschlüssel in der Hand auf einen jungen Mann in dem dreirädrigen Fahrzeug losgeht und dem 23-Jährigen schmerzhaft den Arm verdreht. Das brachte dem wehrhaften Senior eine Anzeige und einen Strafprozess ein. Das Starnberger Amtsgericht stellte das Verfahren zwar ein, aber der Angeklagte muss 2500 Euro bezahlen.
Zunächst hatte der Rentner, der auch im Gilchinger Rathaus schon als leidenschaftlicher Beschwerdeführer in vielerlei Belangen bekannt ist, seinen großen Auftritt im Gerichtssaal. Es hätte eine Filmszene sein können: Der groß gewachsene Ruheständler erhebt sich von seinem Platz und setzt, begleitet von weit ausholenden Gesten, zu einer Ansprache an. Mit kräftiger Stimme stellt er erstmal klar, wie er die Dinge sieht: "Ich stehe hier nicht als Angeklagter, ich bin Ankläger".
Die eigentlich verkehrsberuhigte Pollinger Straße sei keine angenehme Wohngegend mehr, seit dort dieses "Terror-Fahrzeug" unterwegs sei. Damit meint er den kleinen Vespa-Lastwagen von dem Typ, wie sie in Italien auch durch kleinste Gassen wuseln. Dieses Fahrzeug kommt oft an seinem Garten vorbei, da der Pizza-Laden nur rund 100 Meter von seinem Grundstück entfernt ist. Am Pfingstsamstag vergangenen Jahres kam es zur Eskalation. Zusammen mit seinem 61-jährigen Nachbarn stoppte der Angeklagte den Lieferwagen, schnappte sich den Fahrer, fuchtelte drohend mit einem Schraubenschlüssel und klopfte damit auch an die Windschutzscheibe. So jedenfalls die Darstellung der Staatsanwaltschaft.
Der 72-Jährige, der auf dezente Hinweise des Gerichts hin auch wieder von der Rolle das Anklägers zu der des Angeklagten zurückfand, räumte auch ein, einen Schraubenschlüssel in der Hand gehabt zu haben. Nach seiner Darstellung aber eher zufällig; er habe in der Garage mit den Autoreifen hantiert und nur keine Gelegenheit gehabt, das Werkzeug wegzulegen, ehe er den Pizzafahrer zur Rede stellte: "Ich wollte dem Mann sagen, was unsere Meinung ist".
Dieser Meinungsaustausch, der etwas außer Kontrolle geriet, beschäftigt die Justiz nun in mehreren Etappen. Über eine Zivilklage wegen Schadensersatz wurde schon verhandelt, hieß es in dem Strafverfahren am Donnerstag; eine Berufungsverhandlung werde noch folgen. Doch der Prozess wegen Körperverletzung, in dem die beiden Anwohner der Pollinger Straße angeklagt waren, ging ohne Urteil zu Ende.
Richterin Brigitte Braun stellte mit Einverständnis des Staatsanwalts und der Rechtsanwälte das Verfahren ein, weil die angeklagten Taten sich nach den ersten Aussagen als doch nicht so gravierend erwiesen, wie es zunächst aussah. Der prozessuale Aufwand wäre daher unverhältnismäßig groß gewesen. Bedingung ist aber, dass der 74-Jährige 2000 Euro an das Rote Kreuz in Starnberg und 500 Euro an den Pizzafahrer bezahlt. Der wiederum verzichtet auf eine Schmerzensgeldklage. Der Angeklagte akzeptierte, hatte dann aber doch noch eine dringende Frage: "Was passiert jetzt mit dem Pizza-Fahrzeug? Darum geht es doch."