Süddeutsche Zeitung

Aussichtsplattform:Was es mit dem schrillen Haus mitten in Starnberg auf sich hat

Andreas Sarow hat eine neue Installation geschaffen - die "Wiege von Starnberg". Besucher dürfen die riesige Rampe erklimmen.

Von Sophia Linnenbrink und Valentina Mendez-Höcherl

Sie ist 43 Meter lang, elf Meter breit, zehn Meter hoch und sehr magentafarben: "Wiege von Starnberg" heißt die neue temporäre Installation von Andreas Sarow an der Bahnhofstraße, Ecke Bahnhofsplatz. Der Architekt und Galerist aus Pforzheim hatte an dieser Stelle 2019 schon das wuchtige Kanonenhaus "Die letzte Bastion" geschaffen. Schon wegen ihrer Größe und der schrillen Farbe schreit die Rampe förmlich danach, gesehen zu werden. "Es ist ein Objekt für die Starnberger", sagt Sarow. Denn anders als "Die letzte Bastion" soll die "Wiege" für die Bürgerinnen und Bürger begehbar sein. Also zumindest für die, die gut zu Fuß sind.

Seit vier Wochen stellen der Künstler und sein Handwerksteam das Objekt fertig. Die Einweihung, respektive Erstbegehung ist für Freitag, 30. April, 14 Uhr, geplant. Von weitem sieht das Objekt aus wie eine Rampe. Das wuchtige Gebäude besteht allerdings aus einem 50 Zentimeter hohen Plateau, von dem eine breite steile Treppe ausgeht. An den Stufen werden zudem noch vier Podeste angebracht. Sie sollen eineinhalb Meter weit in die Luft stehen und mit Geländern versiegelt werden.

Das Objekt widme er ausschließlich den Einheimischen, sagt Sarow, er wolle ihnen auf der Treppe oder auf dem Plateau einen neuen Blick auf die Stadt ermöglichen. Seine Intention sei es, eine Art Identitätsort für die Starnberger zu schaffen. In seinen Augen leidet der Ort unter Staus und dem wellenartigen Besucherandrang im Sommer und an den Wochenenden. Das beeinträchtige auch die Lebensqualität der Einheimischen. Somit soll das Objekt als Ort des Zusammenkommens dienen. Wer die 45 Stufen erklimmt, wird zugleich auch Teil der Installation.

Das Grundstück gehört dem Unternehmen Ehret und Klein. Bisher wurde das Areal als Parkplatz genutzt, umgeben von Werbebannern, einem Pizzadrive und regem Verkehr. Der "Unort", wie Sarow das Gelände wahrgenommen hat, sei "eigentlich ein Juwel". In unmittelbarer Nähe befinden sich nämlich zwei wichtige Starnberger Bauten: das historische Lochmannhaus aus dem 16. Jahrhundert, das älteste, nie verpflanzte Bauernhaus im Fünfseenland, und das Museum Starnberger See. Das neue Magenta-Haus soll nun "je nach Einzelbetrachtung als Kulisse in den Vorder- oder Hintergrund" rücken und mit der Natur und den zwei Gebäuden ein Ensemble bilden, so die Idee des Künstlers.

Die Treppe hat nach den Corona-Abstandregeln Platz für maximal 50 Personen. Auf dem Plateau seien aktuell 75 Leute zulässig, sagt Sarow. Unter normalen Bedingungen sei die gesamte Konstruktion für etwa 700 Menschen ausgelegt.

Durch sein erstes Starnberger Projekt "Die letzte Bastion" entstand Sarows Kontakt zum Projektentwickler Ehret und Klein. Die Firma gab dem Pforzheimer im vergangenen Jahr den Auftrag für die "Wiege von Starnberg". Die Entwicklung, Planung und Umsetzung überließ das Unternehmen dem Künstler und seinem Team.

Laut Auftraggeber ist das Objekt als Zwischennutzung für ein bis eineinhalb Jahre vorgesehen. Das Holzmaterial soll nach Projektende für verschiedene Zwecke recycelt, gespendet oder für weitere Objekte verwendet werden. Darüber, was nach Abriss des Kunstwerks mit dem Grundstück passiert, können Ehret und Klein nach eigenen Angaben noch keine Auskunft geben. Auch Sarow hält seine weiteren Projekte noch geheim.

Der Künstler, Jahrgang 1975, plant seine Installationen wie Bauvorhaben. Er hat unter anderem schon eine denkmalgeschützte Villa in Pforzheim samt Fenstern schwarz angestrichen, ein Haus in einen Käfig gesetzt und ein Abbruchgebäude mit überdimensionalen Tasten versehen.

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Quelle:
SZ vom 23.04.2021
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