Süddeutsche Zeitung

Ortstafel-Klau:Die leeren Schilder von Starnberg

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In Starnberg gehen Ortsschilder-Diebe um. Warum die Stadt in der Not nun unbeschriftete gelbe Provisorien aufstellt.

Von Peter Haacke, Starnberg

Als besonders schick gilt unter Souvenirjägern ein originelles Ortsschild in Hausflur, Partyraum oder Schlafzimmer. Hoch im Kurs stehen vor allem ausgefallene Namen: Die Gemeindeverwaltungen etwa in Lederhose, Pups, Habenichts, Gabe Gottes, Brasilien oder Fegefeuer verzeichnen seit Jahren einen steten Schwund an den gelben Tafeln, die über Nacht spurlos verschwinden. Noch schlimmer ist es in Orten mit eindeutigen Bezügen: In Petting, Sexau oder Poppenhausen ist Schilderklau quasi an der Tagesordnung, im österreichischen Fucking entschloss man sich aufgrund fortgesetzten Diebstahls und internationaler Häme zur Namensänderung in Fugging.

Auch in Oberbayern hat sich der Schilderklau quasi zum Volkssport entwickelt: Im Landkreis Fürstenfeldbruck fehlte unlängst das Ortsschild von Zankenhausen, in Landsberg wurden Bierdorf und - warum auch immer - Dießen geraubt. Im Landkreis Starnberg verschwanden nach dem beliebten Leoni aus unerklärlichen Gründen auch Hinweistafeln auf Pöcking und Gauting. Besonders schwer aber trifft es die Kreisstadt: Mitte September verschwanden an zwei Tagen gleich vier Starnberger Ortsschilder.

Im Starnberger Rathaus ist man ratlos angesichts dieses geballten Auftretens von Kleinkriminalität. Nachdem zunächst das Schild an der Hanfelder Straße abgeschraubt war, fehlten tags drauf weitere drei Schilder an der Franz-Heidinger-Straße, am Oberen Seeweg sowie auf der Verbindungsstraße zwischen Starnberg und Söcking. Anzeige wurde erstattet, die Polizei ermittelt - bislang erfolglos.

Für die Kommunen ist der strafrechtlich relevante Schilderklau eine kostspielige Angelegenheit. Denn den Dieben ist es gleichgültig, ob die Schilder nun geschraubt, genietet oder geschweißt sind: Im Extremfall wird die ganze Bodenverankerung mit herausgerissen. Etwa 430 Euro kostet so eine Ortstafel im günstigsten Fall, sagt eine Pressesprecherin im Starnberger Rathaus, ohne Montagekosten. Allerdings ist es derzeit gar nicht so einfach, auf die Schnelle Ersatz zu bekommen. Zwar seien die fehlenden Ortsschilder mit Schrift längst nachbestellt, doch offenbar gebe es Lieferengpässe. Die Starnberger haben in ihrer Not nun provisorisch völlig blanke gelbe Schilder angebracht. Was zunächst wie ein Schildbürgerstreich aussieht, hat jedoch einen verkehrsrechtlich ernsten Hintergrund: Das Ortsschild markiert die Ortsgrenze, von der an Tempo 50 gilt - laut Polizei auch ohne Beschriftung. Immerhin tauchte das Schild an der Franz-Heidinger-Straße mittlerweile wieder auf.

Und übrigens: Die beliebteste Ortstafel bei Dieben war lange Zeit Wacken, das norddeutsche Mekka für Heavy-Metal-Fans. Die Quote ging drastisch zurück, seit es das Schild im Souvenirshop zu kaufen gibt. Eine Idee, über die man auch mal im Starnberger Rathaus nachdenken könnte.

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Quelle:
SZ vom 08.10.2021/sonn
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