Hab’ ich euch schon mal verraten, warum ich wirklich Nepomuk heiße? Wahrscheinlich nicht. Ich habe bis jetzt ja immer geglaubt, dass mir das eh kein Mensch glauben würde. Schon gar nicht in Zeiten moderner Technologie, wie Internet und Co. Denn dank all diesem Turmbau zu Babel, wie mein Onkel Ernst dazu sagt, glauben die Menschen sowieso alles zu wissen. Selbst das, was sie besser nicht glauben sollten.
Zum Beispiel alles, was bislang über meine Wenigkeit geschrieben worden ist. Nach einem böhmischen Heiligen aus dem 14. Jahrhundert sei ich benannt. Nach einer Zeche im nordrhein-westfälischen Fröndenberg. Nach einer fiktiven Figur in den Jim-Knopf-Romanen von Michael Ende. Oder aber auch nach verschiedenen Ortsteilen und Städten in Tschechien.
Ja, so ein Schmarrn. Das alles ist jedenfalls zu finden, wenn man mich googelt. Auf Wikipedia ist das alles gelistet. Aber ich nicht. Der einzige wahrhaftige Wassergeist des Starnberger Sees, der König über alle Gewässer hier in der Gegend. Mit keinem einzigen Wort erwähnen die mich. Stattdessen findet man bei Google noch den Jugendtreff in Starnberg, den Nepomukweg am Seebad in Starnberg und eben besagten Heiligen, der so manche Brücke ziert. Wiederum auch in Starnberg.

Nirgendwo wird aber erwähnt, dass die alle nur nach mir benannt worden sind. Jawohl. Nach mir. Nicht ich nach ihnen. Das glaubt Ihr mir nicht? Dann fragt doch mal Chat-GPT. Die künstliche Intelligenz ist jedenfalls klüger als Wikipedia und Google. Ich hab’s ausprobiert. Und was lese ich? Dass „in einigen Erzählungen Nepomuk als wohlwollender Geist“ auftrete, in anderen Versionen aber auch „unheimlich und strafend“ sein kann. Na, das stimmt doch schon mal. In Bayern jedenfalls sei die Figur weit verbreitet und damit berühmt. Das hätte ich der Chat-GPT aber auch sagen können. Ihr liebt mich ja alle. Zumindest verehrt ihr mich.
Das hat mir ja auch die KI verraten. Weil ich so neugierig bin, habe ich ihr noch mehr Fragen über mich gestellt. Was sie geantwortet hat? Hier: „Am Starnberger See hat sich diese Verehrung im Laufe der Zeit zu einer eigenen lokalen Sage entwickelt.“ Ich find’ ja, Chat-GPT hätte für mich die viel passendere Bezeichnung „Legende“ wählen können.
Wie ich darauf komme? Na ja, die Chat-GPT wusste schließlich auch, dass ich bei der SZ eine eigene Kolumne habe, mit der ich „zu einer Art Symbol für die Region“ geworden sei. Wow. Das hat mich schier überwältigt. So sehr sogar, dass mir eine Sturzflut Freudentränen über mein Gesicht gelaufen ist. So viele, dass ich schon Angst hatte, der Wasserpegel des Starnberger See würde schlagartig die Meldestufe 4 erreichen.
Natürlich habe ich das alles dann gleich dem Onkel Ernst erzählt. Der war davon aber wenig beeindruckt. Weil, wie er sagt, „deine Chat-GPT keine Ahnung hat, warum du Nepomuk heißt“. Meine Eltern, so sagt er, wollten einen Namen für ihr Kind, der Bezug auf sie beide nimmt. So habe sich meine Mutter gern mit völlig überteuerten Dingen umgeben und mein Vater habe jeden ihrer Käufe mit „so ein Nepp“ kommentiert. Dagegen habe sie grundsätzlich „aufgemuckt“. Deshalb sei ER, der Onkel Ernst, auf die Idee gekommen, mich „Nepomuk“ zu taufen. Und als Urheber des Ganzen wolle er genannt werden – und zwar überall und von jedem. Ich tue ihm den Gefallen ja gern. Aber ob diesem Wunsch Wikipedia, Google oder gar Chat-GPT folgen werden, bezweifle ich. Oder auch nicht.

