Süddeutsche Zeitung

NSDAP im Fünfseenland:Die Hakenkreuzflagge ist eine Erfindung aus Starnberg

Der Entwurf des Zahnarztes Friedrich Krohn missfiel Hitler zunächst. Den rasanten Aufstieg der Nazis im Landkreis arbeitet die Herrschinger Historikerin Friedrike Hellerer auf.

Wenn es um die Nazizeit im Landkreis Starnberg geht, werden sonst redselige Leute schnell einsilbig, ringen Bürgermeister bei der Frage nach Ehrenbürgern und Straßennamen in ihren Gemeinden nach Worten - und das nach mehr als 80 Jahren. Da es bislang noch keine umfassende Darstellung der Geschichte des Landkreises während der NS-Zeit gibt, hat die Herrschinger Archivarin Friedrike Hellerer sich des Themas angenommen und eine Dissertation und ein Buch darüber verfasst. Der Titel: "Die NSDAP im Landkreis Starnberg - von den Anfängen bis zu Konsolidierung der Macht 1919-1938". Hellerer hat ihr Buch jetzt gemeinsam mit Landrat Karl Roth vorgestellt.

Was die Autorin beschäftigt, ist die Frage, wie es einer vergleichsweise kleinen Gruppe überzeugter Nationalsozialisten gelingen konnte, die großteils bäuerliche und katholische geprägte Bevölkerung im Landkreis Starnberg für die "braune Bewegungen" zu begeistern. Nach ihren Erkenntnissen bedurfte es nur weniger skrupelloser Protagonisten, die gesamte Region in einen nationalsozialistischen Landstrich zu verwandeln. Die gewaltbereiten Parteigänger beackerten Dorf um Dorf zu Fuß oder mit dem Rad, eroberten die Lufthoheit auf den Straßen, errangen mehr und mehr Gemeinderatssitze in den Rathäusern.

Bei der Recherche zum Thema war der Autorin schnell klar: Die amtliche Quellenlage ist mehr als dürftig. "Nur in den wenigsten Gemeindearchiven haben entsprechende Akten die Zeit überdauert." Sämtliche Unterlagen der Kreisleitung der NSDAP sind vernichtet. Überliefert sind nur die Akten der Spruchkammer Starnberg, Zeitungsartikel und Autorentexte.

Alteingesessene dürften im Register des 300-seitigen Werks etliche Namen entdecken, die ihnen aus der Historie der jeweiligen Ortschaften vertraut sind - wie etwa Friedrich Krohn, Franz Xaver Buchner und Fritz Reinhardt. Der Starnberger Zahnarzt Friedrich Krohn gilt als der Erfinder des Hakenkreuzes als Symbol für die Parteifahne der Nazis. Adolf Hitler selbst beschäftigte sich laut Hellerer bereits seit 1919 mit Entwürfen für eine Parteifahne. Der Entwurf Krohns, schreibt Hitler in seiner Propagandaschrift "Mein Kampf", komme seinem persönlichen ziemlich nahe, habe nur den einen Fehler, dass das Hakenkreuz mit gebogenen Haken in einer weißen Scheibe stehe. Krohn warb eifrig für die Nationalsozialisten, lud zu Versammlungen ein und konnte der Menge dort sogar Hitler als Redner präsentierten. Eine entscheidende Rolle in der NSDAP im Landkreis hat Franz Xaver Buchner gespielt. Er hat maßgeblich dazu beigetragen, dass die Partei im Landkreis so schnell gewachsen ist. Der "Neue Seebote Starnberg" hat Buchner als "ungekrönten König von Starnberg" bezeichnet. Tatsächlich war er von 1933 an Starnberger Bürgermeister und Kreisleiter. Er sah sich selbst auch als Schriftsteller und verfasste 1938 das autobiografische Buch "Kamerad! Halt aus!". "Buchners Text enthält jede Menge Gehässigkeit und Spott gegenüber Andersdenkenden und insbesondere gegen Juden spart er nicht an Beschimpfungen", schreibt Hellerer.

Einer der eifrigsten Werber für die Nazis war der in Herrsching ansässige Handelsschuldirektor Fritz Reinhardt. Durch ihn wurde der Ort zum Zentrum der NSDAP im Landkreis. Hatte die Partei Anfang 1923 noch 70 Mitglieder, waren 1933 alle Vorbereitungen getroffen, die Schaltzentrale der Macht im Landkreis mit eigenen Leuten zu besetzen. Für den Starnberger Journalisten des "Land- und Seeboten", Otto Michael Knab, wurde der Boden zu heiß. Er ging in der Nacht zum 15. Juli 1934 ins Exil in der Schweiz. Dort schrieb er das Zeitzeugnis "Kleinstadt unterm Hakenkreuz", das die Geschehnisse in Starnberg widerspiegelt. Das Buch gelangte damals auf geheimen Wegen nach Starnberg und ging dort von Hand zu Hand.

Der Grund, warum Hellerers Buch 1938 endet: Die Quellenlage wurde noch dünner.

Die Autorin will mit ihrem Werk verdeutlichen, wie schnell eine Stimmung kippen kann. "Was die Nazis damals schon gekonnt haben und auch ihre geistigen Nachfolger heute können, ist, Polemik so einzusetzen, dass sie die strafrechtliche Verfolgbarkeit nur tangiert", sagt die Historikerin Hellerer. So würden die Grenzen des vermeintlich Erträglichen immer weiter hinausgeschoben. Das könne man auch heute beobachten.

Das Buch "Die NSDAP im Landkreis Starnberg - von den Anfängen der Macht 1919 bis 1938" ist im Eigenverlag erschienen und kann bei der Autorin unter verlag@hellerer.com bestellt werden.

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Quelle:
SZ vom 16.10.2019
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