Süddeutsche Zeitung

Brandschutz:Starnberg sperrt Musikschule

Das Gebäude an der Mühlbergstraße ist marode: Es mangelt am Brandschutz, Leitungen sind veraltet, das asbesthaltige Dach ist undicht. Die Kommune fürchtet ein unüberschaubares Haftungsrisiko.

Von Peter Haacke

Für 38 Lehrer und knapp 1100 Schüler der Starnberger Musikschule ist das Halbjahr mit sofortiger Wirkung beendet: Die Stadtverwaltung hat das 120 Jahre alte Gebäude wegen erheblicher Brandschutzmängel am Donnerstagmittag gesperrt. Ausschlaggebend für die drastische Maßnahme ist der Umstand, dass seit der Umnutzung des ehemaligen Krankenhauses und Altenheims an der Mühlbergstraße im Jahr 1988 offenbar kein Genehmigungsantrag auf Nutzungsänderung gestellt wurde. Warum das seither niemandem aufgefallen war, ist noch unklar.

Im Haupt- und Finanzausschuss jedenfalls war am Mittwoch die Überraschung groß, als Architekt Benedikt Plassmann-Sundermann, der sich mit seinem Team auf Altbausanierungen spezialisiert hat, den aktuellen Stand zur Starnberger Musikschule präsentierte. Ein Halbsatz in den Sitzungsunterlagen und die Ausführungen des Architekten ließen bei Bürgermeister Patrick Janik jedoch die Alarmglocken schrillen: Aufgrund der fehlenden Genehmigung zur Nutzungsänderung besteht für die Stadt ein unüberschaubares Haftungsrisiko, sollte es im historischen Gebäude mit maroden Leitungen und unzureichenden Fluchtwegen brennen. "Solange Gefahren für Leib und Leben nicht auszuschließen sind, bleibt die Musikschule bis auf Weiteres geschlossen", erklärte Rathauschef Janik. In Zusammenarbeit mit der Baugenehmigungsbehörde am Landratsamt, einem Statiker und Brandschutzgutachter soll nun kurzfristig geklärt werden, wie schwerwiegend die Mängel sind. Ziel der Stadt ist es zunächst, eine Baugenehmigung für den Bestand zu erhalten. Möglicherweise aber muss die Musikschule schon bald in Container umziehen.

Die Stadt hatte das ehemalige Altenheim der 1973 gegründeten Musikschule im Jahr 1988 nach einem Umbau zur Verfügung gestellt. Dass sich das historische Gebäude in einem erbarmungswürdigen Zustand befindet, war seit längerem bekannt. Abgesehen von veralteter Haustechnik und Elektroinstallation mangelt es an Brandschutz und Wärmedämmung; das asbesthaltige Dach ist undicht, die Fassade bröckelt. Weder gibt es barrierefreie Zugänge und Fluchtwege noch behindertengerechte Toiletten; Leitungen könnten von Legionellen befallen sein. Zudem genügt der Musikschule die akustische Dämmung der Musiksäle nicht mehr. Neben einem zweiten Treppenhaus müsste auch ein behindertengerechter Fahrstuhl eingebaut werden. Starnbergs ehemalige Bürgermeisterin Eva John stufte die Sanierung als Vorhaben mit höchster Priorität ein. Auf Nachfrage erklärte Plassmann-Sundermann, dass der Stadtverwaltung schon "seit März oder April" bekannt gewesen sei, dass es für eine Nutzungsänderung des Hauses keine Genehmigung gibt.

Nach einer vagen Kostenschätzung dürfte die Sanierung des Gebäudes mindestens fünf Millionen Euro kosten. Ein staatlicher Zuschuss über 900 000 Euro ist bereits zugesagt. Ob sich die Stadt das Vorhaben angesichts der prekären Haushaltslage leisten kann, ist nun aber fraglicher denn je. Allein für Planungskosten war für 2020 eine halbe Million vorgesehen. Die nächste Beratung darüber soll am 7. Juli erfolgen.

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Quelle:
SZ vom 03.07.2020
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