Bauvorhaben in Starnberg sind eine Frage der Priorität: Großprojekte haben Vorrang, der Rest muss hintanstehen. Doch Zeit ist Geld, und daher möchte der Starnberger Objektentwickler Ehret & Klein die Realisierung seines Großbauvorhabens „Museumsquartier“ nun beschleunigen: An der Bahnhofstraße, wo seit April 2021 die pinkfarbene „Wiege von Starnberg“ das einst brachliegende Areal ziert, soll ein multifunktionaler Gebäudekomplex entstehen. Um ein aufwendiges Bebauungsplanverfahren zu vermeiden, das mehrere Jahre in Anspruch nehmen dürfte, möchte der Bauherr etwas abspecken: Angestrebt ist jetzt eine Genehmigung nach Paragraf 34 des Baugesetzbuches.
Als Vertreter von Ehret & Klein das Ergebnis eines Architektenwettbewerbs im April 2023 im Bauausschuss des Starnberger Stadtrats vorstellten, war das Echo darauf geteilt. Einerseits waren die Gremiumsmitglieder froh, dass der Schandfleck neben dem Heimatmuseum – ein schnöder Schotterparkplatz mit Pizzabude – endlich bebaut werden soll. Andererseits störten sich einige Stadträte an der Höhe der geplanten drei Gebäude: Einige Mitglieder sprachen unverhohlen davon, durch eine Bebauung mit vier-, fünf- und sechsstöckigen Häusern werde am Seeufer so etwas wie „Starnhattan“ entstehen.
Bald darauf stellte Ehret & Klein einen Antrag auf Einleitung eines Bebauungsplanverfahrens – üblicher Weg zur Realisierung eines Objekts dieser Größenordnung – mit der Bitte um bevorzugte Behandlung. Im Dezember 2023 stimmte der Bauausschuss dem Antrag zwar zu, aber unter der Maßgabe, die Höhenentwicklung der Gebäude vor weiteren Verfahrensschritte erneut zu überprüfen. Doch die Hoffnung, dass nun alles Weitere schnell über die Bühne gehen und bald gebaut werden könnte, zerschlug sich: Das „Museumsquartier“ findet sich auf der Prioritätenliste der städtischen Bauverwaltung nicht einmal unter den Top Ten. Fatal für Ehret & Klein, denen bei drückender Zinslast die Zeit davonläuft: Ein Bebauungsplanverfahren dürfte unter aktuellen Umständen wenigstens zwei Jahre dauern, wahrscheinlich aber noch länger.
Um das zu vermeiden, hat der Objektentwickler seine Pläne nun überarbeitet und möchte angesichts zunehmenden Zeitdrucks lieber ohne aufwendigen Bebauungsplan weitermachen, eben nach Paragraf 34 des Baugesetzbuches: „Innerhalb der im Zusammenhang bebauten Ortsteile ist ein Vorhaben zulässig“, heißt es dort, „wenn es sich nach Art und Maß der baulichen Nutzung, der Bauweise und der Grundstücksfläche, die überbaut werden soll, in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt.“


Doch was ist die Eigenart der näheren Umgebung, welches sind relevante Bezugsobjekte für die geplanten Hochhäuser? Das Heimatmuseum mit Lochmann-Haus aus dem 16. Jahrhundert sicherlich nicht. Eher das Haus an der oberhalb angrenzenden Possenhofener Straße 1, ein schmucklos-funktionaler Wohnblock aus den 1950er-Jahren, als Baurecht noch keine große Rolle spielte in Starnberg. Die bereits bestehenden Bauten auf der anderen Seite der Bahnhofstraße sind allesamt deutlich niedriger. Nach Ansicht von Ehret & Klein handelt es sich nach juristisch beauftragter Prüfung beim geplanten „Museumsquartier“ somit um einen Einzelfall.
Quartiersentwickler Floria Pipo, der das Vorhaben im Auftrag von Ehret & Klein voranbringen soll, zeigte sich in der jüngsten Sitzung des Bauausschusses optimistisch. Er legte dem Gremium fünf verschiedene Varianten einer dezent abgespeckten Lösung vor, die sich im Wesentlichen in der Größe des Sockelgeschosses unterschieden; auch eine Reduzierung auf jeweils vier Stockwerke sei denkbar. „Damit ist alles nicht mehr so wuchtig“, befand FDP-Stadtrat Marc Fiedler. Zudem ist Stadträten und Bürgermeister Patrick Janik (CSU, UWG, SPD, BLS) eine Durchwegung des Komplexes zum Museum hin wichtig.


Ob das im Wettbewerb ursprünglich vorgesehene Nutzungsspektrum – eine Mischung aus Wohnungen, Gewerbeeinheiten, kulturellen Einrichtungen, kleinen Shops, Gastronomie und Tiefgarage – beibehalten wird, ist noch unklar. Auch über Abstandsflächen und Grundstücksnutzungen – ein verschwindend kleiner Teil des 1665 Quadratmeter großen Areals gehört der Stadt – muss noch gesprochen werden. Die neue Planungsvariante soll zunächst vom Landratsamt geprüft werden, dann muss der Bauausschuss weiter entscheiden. Keinesfalls aber sollen die drei Baukörper höher werden als das Nachbargebäude in der Possenhofener Straße, sagte Pipo.
Ehret & Klein hatte das Areal Ende 2018 erwerben können. Bereits 2025 möchte der Projektentwickler mit den Bauarbeiten beginnen und rechnet mit der Fertigstellung 2027. Der Bauausschuss stimmte einer Klärung durchs Landratsamt in Erwartung eines Bauantrags einstimmig zu. Was nun konkret gebaut werden soll, ist zwar noch nicht endgültig geklärt, nur eines ist gewiss: Die Tage des umstrittenen Kunstprojekts „Wiege von Starnberg“ werden dann endgültig gezählt sein.

