„Man sieht uns nicht an, wie arm wir sind“, sagt Benjamin Tillig, der seit 2019 das Museum Starnberger See, das ehemalige Heimatmuseum der Stadt Starnberg, leitet. Ganz im Gegenteil habe er das Gefühl, gerade das fehlende Geld habe das Museum noch mehr zu einem Ort werden lassen, an dem sich Menschen begegnen. „Unser Erfolgsgeheimnis ist es, für die Leute da zu sein – gespart wird im Back-End, nach außen hin aber weitet und öffnet sich das Museum.“
Benjamin Tillig, 1981 in Leipzig geboren, leitet das Museum Starnberger See seit 2019. Anders als seine Vorgängerinnen, die alle nach wenigen Jahren das Handtuch warfen, hat er weder Volkskunde noch Geschichte studiert, sondern arbeitete nach einem Studium der Medienkunst und Medienwissenschaft zunächst als Künstler und dann als Kurator.
Von Anfang an hatte er große Pläne für das 1913 gegründete und etwas verstaubte Heimatmuseum, das in einem uralten Fischeranwesen untergebracht ist und 2008 einen modernen Anbau erhalten hat. Bald nach seinem Amtsantritt hatte er sich vom Kulturausschuss des Stadtrats und der Stadtverwaltung offiziell mit der Entwicklung eines neuen Leitbilds, eines Museums-, Sammlungspflege- und Vermittlungskonzepts beauftragen lassen.
Bei Weitem nicht alle seine Ideen konnte er bislang umsetzen, denn die Stadt Starnberg ist anders als viele ihrer Bürger bettelarm. Seit Jahren ergeht es der Kreisstadt wie vielen anderen unter Finanznot leidenden Kommunen in Deutschland: Die Ausgaben steigen rasant, die Einnahmen aber sinken oder bleiben bestenfalls konstant. Angesichts der finanziellen Misere wurde Ende 2023 im Stadtrat sogar offen über eine Schließung Museums diskutiert. So weit kam es dank einer Petition nicht, aber das Budget für Sonderausstellungen und Öffentlichkeitsarbeit wurde für das Folgejahr komplett gestrichen.

Tillig erhielt zwar von der Stadtverwaltung die Erlaubnis, die bereits geplante Ausstellung zum 130. Geburtstag von Oskar Maria Graf noch umzusetzen, nicht aber das eigentlich dafür benötigte Geld. „Wir mussten erfinderisch sein und an allen Ecken sparen“, erinnert sich der Museumsleiter. Fotos wurden schlicht auf Pappe gedruckt und an die Wand gepinnt, Bücher einfach zum Blättern auf Tischen ausgelegt. Die Nachkommen Grafs hatten seine beeindruckende Lederhose und das Gips-Original des Denkmals aus Aufkirchen zur Verfügung gestellt. Schauspieler aus der Region, die Grafs Texte für eine Audio-Installation einsprachen, verzichteten auf ihre Gage.
Und tatsächlich gelang ausgerechnet mit dieser spartanisch ausgestatteten, aber gleichzeitig extrem eindringlichen Ausstellung ein Besucherrekord: Mehr als 12 000 Menschen kamen im Laufe des Jahres ins Museum, das waren beinahe doppelt so viele wie in den Jahren vor der Corona-Epidemie.
Stellen werden nicht nachbesetzt
Die Sparmaßnahmen hinter den Kulissen liefen dennoch weiter, auch die personelle Ausstattung war davon betroffen. Die Stadt besetzte Stellen nicht nach und sprach in einem Fall sogar eine Kündigung aus. „Von ursprünglich 14 Mitarbeitern sind jetzt noch sieben übrig geblieben, einschließlich der drei Aushilfen für die Kasse“, rechnet Tillig vor. Jeder Einzelne, er selbst eingeschlossen, müsse zuweilen an der Kasse oder für eine Führung einspringen.
Niemand könne es sich mehr erlauben, sich den ganzen Tag in ein Büro zurückzuziehen. Im Team sei auf die anfängliche Bestürzung großer Pragmatismus gefolgt: „Natürlich erscheint diese Unterbesetzung zunächst als großes Manko, für die Menschen, die das Museum besuchen, ist es aber durchaus charmant, dass wir alle so sichtbar und so nahbar sind.“

„Der einzige Weg aus der Misere war für uns, mehr Attraktivität für die Leute zu schaffen“, sagt Tillig. Deshalb sind die Museumsmitarbeiter seit einiger Zeit auch noch Café-Betreiber, die Cappuccino zubereiten und Kuchen servieren. „Das sind zusätzliche Einnahmen, die hart erwirtschaftet werden und zugleich ein großer Gewinn für das Museum als Freizeitort“, so Tillig.
Gleiches gilt für den einen Freitag im Monat, an dem in der Stube des historischen Lochmann-Hauses geheiratet werden kann. Diese stimmungsvolle Hochzeits-Location ist nicht nur bei Einheimischen heiß begehrt. Im Sommer finden die Trauungen deshalb im Stundentakt statt – und die Museumsmitarbeiter richten im Innenhof einen Sektempfang nach dem anderen aus.
„Aber wir sind kein Wirtschaftsunternehmen“, sagt Tillig, „wir wollen einfach ein schöner Ort sein, den wir mit Menschen teilen.“ Und am Ende sieht er jede Hochzeitsgesellschaft als Multiplikator, der neue Besucher ins Museum lockt. Tilligs radikales Bekenntnis zum Museum als Publikumsort scheint sich auszuzahlen: Für das laufende Jahr zeichnen sich ähnlich hohe Besucherzahlen ab wie für 2024.
Der Förderverein hat 280 Mitglieder
Nicht zuletzt aber hat die mangelnde finanzielle Ausstattung des Museums zu einem ganz anderen Reichtum in Form eines sehr engagierten Freundeskreises geführt: Dieser Förderverein hat seine Mitgliederzahl in den vergangenen zehn Jahren auf 280 Mitglieder nahezu verdreifacht. Das sei in allererster Linie dem Vorstand und der ersten Vorsitzenden Annette von Czettritz zu verdanken, die den Freundeskreis sehr erfolgreich „zum Außenministerium“ des Museums gemacht habe, betont Tillig.
In schwierigen Zeiten sei dieser Freundeskreis in finanzieller Hinsicht ein wichtiger Sicherungsanker und gleichzeitig die direkte Verbindung zur Starnberger Bürgerschaft. „Die Mitglieder sind Menschen, denen das Museum wirklich eine Herzensangelegenheit ist“, betont Tillig. Und weiter: „Es macht mich sehr stolz, dass wir uns mithilfe des Freundeskreises so eng in das gesellschaftliche Leben rund um den See einflechten konnten.“ Wer in der Region mit Kultur zu tun habe, der habe mittlerweile auch mit dem Museum zu tun, erläutert er. Es gebe immer mehr Menschen, die zu allen Veranstaltungen des Freundeskreises kommen und auch beim rauschenden Sommerfest im Garten des Museums mitfeiern.
Die enge Verbindung zwischen den Starnbergern und „ihrem“ Museum ist aber nicht zuletzt durch Zahlen eindrücklich belegt: Im Laufe dieses Jahres erhielt der Verein fast 50 000 Euro an Spendengeldern, davon allein 25 000 Euro von einer kunstinteressierten Starnberger Familie als Zeichen der Wertschätzung für die geleistete Arbeit und zur Absicherung künftiger Projekte. Dank dieser soliden Sockelfinanzierung konnten nun auch Fördergelder beim Landkreis Starnberg, beim Bezirk Oberbayern und beim Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst beantragt werden, um die für 2026 geplante Ausstellung über „Die letzten Tage von König Ludwig II.“ zu realisieren. Und diesmal muss nicht gespart werden.

