Gewerbegebiet:Bis zu 500 Wohnungen in bis zu achtstöckigen Häusern in Starnberg

Auf einer Industriebrache soll eines der modernsten Quartiere Deutschlands entstehen, das Wohnen, Arbeiten und Leben verbindet. Der Verkehr wird in den Untergrund verbannt.

Von Peter Haacke

Es ist ein Projekt mit Leuchtturmcharakter: Mit der Umwandlung des Starnberger Gewerbegebietes im Norden der Kreisstadt von einer heruntergekommenen Industriebrache aus den 60er-Jahren zu einem qualitativ hochwertigen, urbanen Quartier beschreitet die Stadt Neuland. Das Vorhaben mit dem Namen "Moosaik", das maßgeblich auf einer Initiative der Fleischwarenhersteller Robert und Rudolf Houdek beruht, dürfte zukunftsweisenden Charakter haben. Unter der Voraussetzung, dass auch die Stadt Starnberg das Projekt weiterhin unterstützt, könnte zwischen Bundesstraße 2, Moosstraße und Petersbrunner Straße eines der modernsten Quartiere Deutschlands entstehen, das aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse berücksichtigt: ein oberirdisch komplett autofreier Stadtteil, der Wohnen, Arbeiten und Dienstleistung verbindet.

Gewerbegebiet: Zu Fuß zur Arbeit, zu Fuß ins Restaurant: So soll das Quartier einmal aussehen. Simulation: Kehrbaum Architekten

Zu Fuß zur Arbeit, zu Fuß ins Restaurant: So soll das Quartier einmal aussehen. Simulation: Kehrbaum Architekten

Anlässlich der Entscheidung des städtischen Bauausschusses, der am Donnerstagabend über die Änderung des bestehenden Bebauungsplans zu befinden hatte, präsentierten die "Moosaik"-Macher am Vormittag die jüngsten Eckdaten ihres visionären Projekts. Auf einer Fläche von knapp 3,5 Hektar - das entspricht etwa der Größe von fünf Fußballfeldern - sehen sie ein vielfältiges Quartier mit viel Holz und Grün vor, das die "vereinigten Hüttenwerke" (Robert Houdek) mit teilweise leeren Hallen und maroden Gebäude ersetzen soll. Geplant ist der Bau mehrerer vier- bis sechsstöckiger Gebäude, im Zentrum sollen zwei Häuser mit acht Stockwerken entstehen.

Auf insgesamt rund 80 000 Quadratmeter Geschossfläche könnten so Gewerbe, Praxen, Hotellerie, Gastronomie und öffentliche Einrichtungen Platz finden. Auch an eine Wohnnutzung ist auf der Hälfte der Fläche gedacht: Bis zu 500 Mietwohnungen für "Wohnen im Alter", für Familien und Singles soll es geben. Eigentumswohnungen sind explizit nicht vorgesehen. Den Anstoß zu dem Projekt hatten die Cousins Robert und Rudolf Houdek als Geschäftsführer in dritter Generation des gleichnamigen Starnberger Familienunternehmens gegeben. Die Produktion ist zwar schon seit Jahren verlagert, doch Stammsitz und Firmenzentrale verblieben in Starnberg.

Gewerbegebiet: Eine Luftaufnahme zeigt den jetzigen Zustand des Areals.

Eine Luftaufnahme zeigt den jetzigen Zustand des Areals.

(Foto: Kehrbaum Architekten)

Ausgehend vom Gedanken, die Flächen der leer stehenden Produktionshallen sinnvoller zu nutzen, entstand die Idee eines multifunktionalen Quartiers. Schon bei der ersten Präsentation ihrer Vision im Januar 2020 liefen die Houdeks offene Türen ein: Stadtverwaltung und Stadträte aller Fraktionen waren begeistert, Bürgermeister Patrick Janik sprach von einem "entscheiden Baustein für die Wirtschaftsförderung". Einen kompetenten Mitstreiter fand man in Carl Baasel, Unternehmer und Grundstücksbesitzer im Gewerbegebiet. Seither entwickelten "die Fleischer und der Laser-Mann" (Baasel) das Projekt gemeinsam mit dem renommierten Architekten Klaus Kehrbaum und der Stadtverwaltung weiter. Einer 2018 gegründeten Interessengemeinschaft gehörten zunächst die Unternehmer Baasel, Harald Wimmer, Josef und Peter Kirchmayr sowie Monika und Peter Hauser an. Vorhabenträger sind nun die Moosstraße Immobilien GmbH sowie die Petersbrunner Immobilien GmbH.

Gewerbegebiet: Hier im Bild das Planerteam mit (von links) Susy Baasel, Carl Baasel, Patrick Janik, Stephan Weinl, Rainer Scherbaum, Klaus Kehrbaum, Rudolf und Robert Houdek.

Hier im Bild das Planerteam mit (von links) Susy Baasel, Carl Baasel, Patrick Janik, Stephan Weinl, Rainer Scherbaum, Klaus Kehrbaum, Rudolf und Robert Houdek.

(Foto: Arlet Ulfers)

Dass die Houdeks ihr Projekt unter höchsten Qualitätsansprüchen realisieren wollen, verdeutlichten sie mit der Beauftragung von Kehrbaum und einem hochkarätig besetzten Beirat: Die Spezialisten aus Architektur, Städtebau, nachhaltiger Gebäudetechnik, Mobilität und Landschaftsplanung verfeinerten das Konzept, das auf Ressourcenschonung, innovative Technik, zukunftsweisende Energiegewinnung, biologische Vielfalt und Nachhaltigkeit setzt. Angestrebt sind maximale Klimaneutralität und ein Mobilitätskonzept, das den Verkehr unter die Erde verbannt. Die Öffentlichkeit soll über eine Homepage, Newsletter und Aktivitäten in sozialen Netzwerken informiert werden, Anfang August ist ein Journal geplant. Wie teuer das Projekt sein wird, ist laut Kehrbaum ungewiss, doch das Interesse daran soll groß sein. Selbst Investoren aus dem Ausland hätten sich bereits gemeldet. Erwartbare Schwierigkeiten durch den problematischen Bauuntergrund seien beherrschbar, hieß es. Wie sich der nahezu zeitgleiche Bau von "Moosaik" und B2-Tunnel auf das Starnberger Verkehrsgeschehen auswirkt, ist bislang unklar.

Wenn das Verfahren wie erhofft seinen Lauf nimmt, könnte 2022 mit dem Abbruch der Bestandsgebäude begonnen werden. Der Auftakt zu den Bauarbeiten soll 2023 erfolgen, der Abschluss des ersten Bauabschnitts wird von 2025 an erwartet; die Fertigstellung des zweiten Bauabschnitts ist für 2027/28 angestrebt. Dann könnte übrigens auch der Starnberger B2-Tunnel reif sein für die Freigabe.

© SZ vom 23.07.2021
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