Lena trägt ihr heiteres Herz auf der Zunge. Sie vibriert geradezu vor ansteckender Fröhlichkeit und der Lust, andere Menschen zu animieren. Mit ihrem unerschütterlichen Optimismus wirkt sie auf diese anderen Menschen bisweilen naiv wie ein Kind, das anscheinend noch nicht versteht, wie die Dinge wirklich laufen. In Wahrheit hat sie einen scharfen Blick für die graue Welt, durch die sie sich bewegt. Völlig zu Recht sagt sie deshalb in einer Szene: „Hüten Sie sich davor, mich zu unterschätzen.“ Was Lena Jakobi im Film „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ sagt, gilt auch für die Schauspielerin, die diese Figur zum Leben erweckt. Luna Wedler ist eine junge, aber schon jetzt stilbildende Schauspielerin. Beim Fünf-Seen-Filmfestival hat sie nun den Hannelore-Elsner-Preis bekommen.
Damit steht die 26-jährige Schweizerin in einer Reihe mit den Besten. Mit Nina Hoss etwa, Sandra Hüller oder Corinna Harfouch. „Jetzt darf ich mich neben die stellen“, sagt Wedler auf der Bühne der Starnberger Schlossberghalle, als sie den Preis überreicht bekommt. „Das ist surreal.“ Und wohl auch bewegend, denn Wedler nimmt den Preis mit rotem, tränenfeuchtem Gesicht entgegen. Das liegt auch an der einfühlsamen Laudatio von Regisseurin Katalin Gödrös.
Gödrös kennt Wedler schon lange. Vor elf Jahren hat Wedler in einer Folge der SRF-Krimiserie „Der Bestatter“ mitgespielt. In ihrer Laudatio erinnert sich die Regisseurin daran, wie Wedler, damals noch Teenagerin, sie mit ihrer Ruhe beeindruckt hat. Die Krimifolge spielte in der Freeclimbing-Szene und so kletterte Wedler für eine der Anfangsszenen an den Streben einer Eisenbahnbrücke nach oben. „Sich kompromisslos in etwas hineinzuwerfen“, sagt Gödrös, das gehöre zur Schauspielerin Wedler.
Was der Regisseurin an dem Stunt nach eigener Aussage besonders imponiert hat, war aber nicht der Mut, den es aufzubringen gilt, wenn man sich Dutzende Meter über dem Boden an einem Metallgestänge emporhievt. Sondern, dass sie sich nicht ablenken lässt. Alles, was Wedler schauspielerisch macht, macht sie konzentriert, sie dringt zur Essenz einer Figur vor. „Sie hat die Fähigkeit, etwas zu spüren, bevor man es benennen kann“, sagt Gödrös. Dabei bleibe Wedler immer erkennbar sie selbst. Sie schaffe es, „eine andere zu werden, ohne sich selbst zu verlieren.“ So hat Wedler schließlich eine der Hauptrollen in Gödrös’ historischem Heimatfilm „Jakobs Ross“ gespielt und in der Rolle der Magd Elsie gezeigt, wie man zugleich subtil und höchst körperlich spielen kann.
Denn durch Elsie, wie durch alle Figuren, die Wedler verkörpert, geht ein Riss. Es ist eine Brüchigkeit, die Wedler den Figuren mitgibt und die ihr Spiel charakterisiert wie ein „Netz aus Glassplittern“, so formuliert es Gödrös in ihrer Laudatio. Diese Brüchigkeit macht Wedlers Figuren so lebendig, als könnten sie geradewegs von der Leinwand springen. Für Wedler selbst sind sie Portale zu anderen Lebenswelten, die sie ihre eigene Welt besser begreifen lassen. „Film ist ein Versuch für mich, diesen ganzen Wahnsinn zu verstehen“, sagt sie, den Preis in Händen. Im besten Fall könne das Kino Empathie stärken und Neugier wecken auf das, was um uns geschieht.

Ihre Filme tragen dazu bei – Wedlers Figuren sind, einmal gesehen, unvergesslich. „Das sind alles Frauen, die was zu sagen haben“, meint Wedler später im Bühnengespräch. Während der Monate des Filmdrehs kommen sie ihr nahe, besonders Elsie sei ihr ans Herz gewachsen. Aber auch die Drehbuchseiten mit den Dialogen von Lena Jakobi hingen noch in ihrer Wohnung, sagt sie. „Die kann ich nicht wegnehmen, das geht nicht“, sagt Wedler. Möglicherweise müsse sie daran jetzt arbeiten, räumt sie ein. „Man muss selber leben, ich muss mich selbst finden“, sagt sie und streicht sich die blonden Haare hinters Ohr.
Festivalleiter Matthias Helwig war sofort angetan
Mit ihren 26 Jahren ist Wedler die bislang jüngste Trägerin des Hannelore-Elsner-Preises. Dass sie den Preis bekommen sollte, stand für Festivalleiter Matthias Helwig schon vor Monaten fest. Bei den Solothurner Filmtagen hat Helwig „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ gesehen, den Film, der auch am Abend der Preisverleihung das Publikum mit seinen surrealistischen Bildwelten und seiner brutalen Poesie fesselt. Da wusste er: „Luna Wedler ist es, jetzt muss ich sie nur noch ansprechen.“ Angesprochen hat er sie und so ist Wedler nach Starnberg gekommen. Dafür hat sie eigens den Weg aus Venedig auf sich genommen, wo sie am Vortag noch ihren neuen Film „Das Mädchen mit der Leica“ auf den Internationalen Filmfestspielen präsentiert hat.
Das Fünf-Seen-Filmfestival hat noch eine Reihe von Filmen mit Luna Wedler im Programm: „Silent Friend“, das Drama „Je suis Karl“, die teilweise in Gauting gedrehte Romanverfilmung „22 Bahnen“ und „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“. Das sind Filme, die sich in Form, Stimmung und Ästhetik völlig unterscheiden und die dennoch etwas verbindet. Sie können Empathie erweitern und Neugier wecken. Nicht zuletzt auf eine Schauspielerin, die keiner mehr unterschätzen wird.

