Corona-Hunde im Tierheim:Der Mops muss wieder weg

Corona-Hunde im Tierheim: Hundepflegerin Laura Balta.

Hundepflegerin Laura Balta.

(Foto: Arlet Ulfers)

Im Lockdown waren sie süße Welpen und der Schlüssel zur Freiheit, nun müssen die jungen Hunde erzogen werden und fallen zur Last: Das Starnberger Tierheim hat bereits ein Dutzend Corona-Verlierer aufgenommen - manche in desolatem Zustand.

Von Carolin Fries, Starnberg

Max wurde online geshoppt, da war er knapp drei Monate alt. Alle in der Familie hatten im Lockdown Zeit für den kleinen Mops. So wurde der Welpe rund um die Uhr geknuddelt, bespielt und herumgetragen wie ein Baby. Die Besitzer hatten zuvor noch nie einen Hund, Max versüßte ihnen den langweiligen Corona-Alltag. Doch als vor wenigen Wochen die Zeit im Home-Office endete, da fragten sich Frauchen und Herrchen, wie der Hund denn nun bis zu zehn Stunden allein in der Wohnung bleiben sollte - und entschieden: Der Mops muss wieder weg.

Christine Hermann blickt durch ein silbergraues Metallgitter in den Zwinger des Hundes und seufzt. Für die Leiterin des Starnberger Tierheims ist Max ein klassisches "Corona-Opfer", wie sie es nennt. Und nicht das einzige. Fast die Hälfte der 25 Hunde, die hier momentan untergebracht sind, fallen laut Hermann in diese Kategorie. "Es gab eine Woche, da wurden hier sieben Hunde abgegeben" - so viele wie gewöhnlich in einem Monat.

Die 57-Jährige erzählt, dass Max nicht laufen konnte, als er ins Tierheim kam - weil er nur getragen worden war. Jetzt flitzt er ausgelassen in seinem Zwinger herum. Die anderen Hunde bellen oder springen an den Gittern hoch, alle Zwinger sind belegt. Die Wochen vor den Sommerferien seien immer hart, erzählt Hermann. Da werden Tiere plötzlich lästig, weil man sie nicht mit in den Flieger oder ins Hotel mitnehmen darf oder will. Doch so voll wie in diesem Jahr sei es noch nie gewesen. Denn zu den Urlaubshunden kommen jetzt die Corona-Hunde.

Im strengen Lockdown waren sie der Schlüssel in die Freiheit - Gassigehen war schließlich auch bei einer Ausgangssperre erlaubt. Zudem halfen sie gegen die Einsamkeit und gegen die Langeweile. Wenige Monate später haben viele Hunde ausgedient. Das öffentliche Leben ist wieder möglich, die Vierbeiner schränken da nur ein. Obendrein sind aus den süßen Welpen pubertierende Junge geworden, die erzogen werden wollen. Dabei stelle sich immer häufiger heraus, dass der über Kleinanzeigen im Netz gekaufte Labrador tatsächlich ein Herdenschutzhund-Mischling ist, wie Hermann berichtet. Eine gefährliche Mogelpackung, wie sie meint, denn: "Herdenschutzhunde brauchen eine klare Führung, damit sie etwa Besucher nicht angreifen."

Für ungeübte Hundehalter könne das zu einer Herausforderung werden. Gleiches gilt für Hütehunde, die besonders empfindlich auf Bewegungsreize reagieren. Ihr genetisch bedingtes Verlangen ist es, die Herde zusammenzuhalten. Mit der Familie in Homeschooling und Home-Office groß geworden, drehten die Tiere nun am Rad, wenn wieder alle Familienmitglieder ständig ein und aus gingen.

Der acht Monate alte schwarze Pudelmix Sky ist so ein Fall: Er war nur noch aufgedreht und bellte ständig - die Familie fühlte sich mit ihrem Corona-Hund überfordert und wandte sich ans Tierheim. Denn wohin auch sonst: Die Hundeschulen waren in der Pandemie geschlossen. "Wir versuchen jetzt zu retten, was zu retten ist", sagt Hermann. Hundetrainerin Daniela Hölch arbeite intensiv mit den Tieren - sie sollen schließlich "noch die Chance haben, ein gutes Zuhause zu finden". Der eineinhalb Jahre alte Schäferhund Eyk etwa hat in Starnberg gelernt, Gassi zu gehen. Seine ehemaligen Besitzer hatten ihn lediglich im Garten angebunden. Als er in Starnberg ankam, wog er knapp 50 Kilogramm.

Doch nicht nur junge Hunde gehören zu den Corona-Opfern, die nun im Tierheim sitzen. Der zehn Jahre alte Sunny hat im Pandemiesommer im Garten das Kind der Nachbarn gebissen. Hundepflegerin Laura Balta vermutet, dass es dem Senior zuviel geworden ist mit Spielen und Toben rund um die Uhr. Schließlich stand der Hund im Lockdown unverhofft wieder im Mittelpunkt des kindlichen Treibens. Ein ähnliches Schicksal ereilte Rehpinscher Vincent. Auch er soll ein Kind verletzt haben - offenbar habe auch ihn die ungewohnte Aufmerksamkeit gestresst, erklärt Balta.

Hermann und ihr Team nehmen jedes Tier auf - ein freier Platz vorausgesetzt. Sie schimpfe und verurteile die Besitzer nicht. "Ein abgegebener Hund ist schließlich besser als ein ausgesetzter." Denn auch das gibt es: Dass Tiere aus Scham heimlich entsorgt werden. So wurde vor wenigen Wochen ein Schäferhund-Welpe mit seinem Spielzeug in der Maisinger Schlucht zurückgelassen oder eine Landschildkröte in den Starnberger See geworfen. "Grausam", findet Hermann. Andere häuften wiederum viel zu viele Tiere an, sogenanntes Animal Hoarding. "Das blieb im Lockdown meist unentdeckt, man ging ja kaum vor die Tür oder traf sich", so Hermann. Nun würden vermehrt derlei Zustände bemerkt und aufgelöst, die Tiere auf verschiedene Tierheime aufgeteilt. In Starnberg landeten zuletzt zwei unterernährte Setter.

"Es kommt einfach alles zusammen", sagt Hermann und schüttelt ungläubig den Kopf. Im vergangenen Frühjahr, als die Pandemie begann, "da waren wir fast ausverkauft". Jetzt seien die Zwinger wieder voll besetzt. Mit Hunden, die nur ein Pandemiejahr lang gebraucht wurden. "Es ist der Wahnsinn", sagt sie.

Das Tierheim empfängt von August an wieder Besucher, immer mittwochs von 14 bis 16 Uhr und samstags von 10 bis 14 Uhr.

© SZ vom 24.07.2021
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