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Abschied von Karl Roth:Landrat mit Bodenhaftung

Karl Roth geht nach zwei Amtsperioden in den Ruhestand. Sogar politische Gegner schätzen an dem 65-jährigen CSU-Mann, dass er immer bemüht war, alle ins Boot zu holen und das Gespräch mit den Bürgern gesucht hat.

Von Astrid Becker und Michael Berzl

Wie man sich den scheidenden Landrat Karl Roth im kommenden Sommer vorstellen darf? Wenn er nicht mehr im Amt ist und irgendwann wieder ein Stück Normalität eingekehrt ist nach der Coronakrise. Zum Beispiel so: auf seinem kleinen Elektroboot frühmorgens auf dem Starnberger See. Frische Semmeln und Kaffee sind an Bord, mit seiner Ehefrau genießt er den Sonnenaufgang. Oder auf seinem roten Honda-Minitraktor beim Rasenmähen in seinem Garten in Andechs. Oder beim Spielen mit seinen drei kleinen Enkelinnen, die jetzt drei, vier und acht Jahre alt sind.

Für Familie, Garten und Ausflüge wird der 65-Jährige CSU-Kommunalpolitiker bald viel mehr Zeit haben als bisher, wenn er nun nach zwei Amtsperioden in den Ruhestand geht. Im Mai tritt Stefan Frey (CSU) seine Nachfolge an. Bisher bleibe noch viel liegen in Haus und Garten, erzählt Roth. Und dann gebe es auch noch ein Stück Wald, um das er sich gerne kümmern würde. Und in der Garage stehen ein Mountainbike und ein Rennrad.

Bisher ist sein Tag als Landrat dicht getaktet. Fünf Abendtermine in einer Woche seien keine Seltenheit, erzählte er in einem Gespräch noch vor der Coronakrise. Wenn er eine Bergtour an einem Samstag plante, musste er sich den Termin schon Wochen vorher freihalten, und dann könne es passieren, dass das Wetter nicht passe.

Roths Familie stammt aus der Gegend von Lohr in Mainfranken, wo auch jetzt noch die Mutter, ein Bruder und eine Schwester leben. Auch nach vielen Jahren in Oberbayern kann der einstige Polizist, der in den Inspektionen in Starnberg und Herrsching sowie bei der Kripo Fürstenfeldbruck gearbeitet hatte und von 1996 bis 2008 Bürgermeister von Andechs war, seine Herkunft nicht verleugnen. Ein leichter fränkischer Akzent schlägt bei ihm immer wieder mal durch.

Vor zwölf Jahren hatte Roth nach einer Stichwahl die Nachfolge von Heinrich Frey angetreten. Seither ist viel geschehen. Der Starnberger Klinikverbund ist entstanden, zu dem die Krankenhäuser in Seefeld und Penzberg sowie nun auch in Herrsching gehören. Ein eigens installiertes Verkehrsmanagement im Landratsamt hat das Busnetz ausgebaut. Tourismusverband und Wirtschaftsförderung sind unter einem Dach zusammengeschlossen. Für die Abfallentsorgung ist ein neu gegründetes Kommunalunternehmung unter Federführung des Landkreises zuständig. Landkreisweit wurden in einem Plan mögliche Standorte für Windkraftanlagen festgelegt, ein bayernweit einzigartiges Konzept.

Die größte Herausforderung war für Roth bis vor ein paar Wochen die Unterbringung der Flüchtlinge seit 2015: "Das muss man sich mal vorstellen. Da heißt es: Morgen kommen 53 Leute, und du weißt nicht, wo die unterkommen sollen. Da musste oft über Nacht etwas passieren." Kurzfristig mussten Turnhallen belegt und Zelte aufgestellt werden. Mittlerweile stehen in fast jeder Gemeinde Container, die der Landkreis gekauft und bis 2027 an den Bezirk Oberbayern vermietet hat. Das Bauamt war zeitweise komplett damit beschäftigt, Grundstücke dafür zu finden und Baugenehmigungen auf den Weg zu bringen. Andere Arbeiten blieben liegen; das hat sich noch Jahre später bemerkbar gemacht.

Die Coronakrise hat diese Herausforderung aber noch einmal in den Schatten gestellt. Im Landratsamt tagt regelmäßig eine Art Krisenstab mit Vertretern der Rettungsdienste und der Kreisbehörde. Gesichtsmasken und Desinfektionsmittel werden organisiert. Und Sitzungen finden nur noch unter Sicherheitsvorkehrungen statt. Täglich wird die Zahl der Covid-19-Kranken und der Toten aktualisiert. Landrat Roth übergibt seinem Nachfolger einen Landkreis im Krisenmodus.

Die Zahl der Mitarbeiter im Landratsamt ist in den vergangenen Jahren von 270 auf mehr als 500 angewachsen; darum muss jetzt angebaut werden. Der Chef im Haus legt nach wir vor großen Wert auf den persönlichen Kontakt. "Ich kenne auch jetzt noch 70 Prozent der Mitarbeiter im Landratsamt," sagt er. Wenn Geburtstage oder Dienstjubiläen gefeiert haben, ist er mit dabei. "Ich will auch jeden sehen, der bei uns anfängt", erzählt Roth. Und das kommt an. Auch im Kreistag wird er für seine verbindliche Art geschätzt, unabhängig von der politischen Einstellung.

Von einem politischen Gegner, der dem Landrat mit seinen vielen Anträgen das Leben nicht immer leicht gemacht hat, kommt ein Lob, das nicht zu unterschätzen ist: Nachdem Peter Unger von den Grünen in einer Sitzung wieder einmal eine seiner vielen Ideen begründet hatte, sagte er: "Herr Landrat, ich schätze Sie, vielleicht mag ich Sie sogar."

"Seine Art, wie er alle mitnimmt, wie er sich bemüht, niemanden vor den Kopf zu stoßen", hat zum Beispiel auch die ÖDP-Kreisrätin Margarete Blunck aus Gilching beeindruckt. Das ist nur eine Stimme, aber diese Einschätzung würden wohl viele im Kreistag teilen. "Das ist mir gleich aufgefallen, dass bei ihm immer der Mensch im Vordergrund steht", sagt Blunck. Und das rund um die Uhr. Wer als Landrat zum Essen oder ins Kino geht, muss damit rechnen, angesprochen zu werden. "Wo ich Sie schon einmal treffe, Herr Roth, ich hätte da ein Anliegen. . ." So etwas passiert Roth ständig. Er notiert sich die Anliegen dann auf einer Serviette oder auf einem Bierdeckel und kramt seine Notizen am nächsten Arbeitstag wieder aus der Tasche. "Ich bin doch für die Bürger da. Die haben mich gewählt, damit ich mich um die Dinge kümmere", betont der Landrat geradezu leidenschaftlich. Und so kümmert er sich.

Was er vermissen wird? "Das Aquarium rund ums Haus." Damit meint er die flachen Teiche, die das Landratsamt umgeben. Darin leben Karpfen und sogar Hechte. "Denen geht es gut. Im Winter werden die besprudelt", versichert Roth. Vor 20 Jahren habe er selbst ein echtes Aquarium gehabt. Und vielleicht schaffe er sich auch wieder eines an, sagt er. Denn: "Ich mag Fische." Von seinem Büro aus, das sehr aufgeräumt aussieht, hat er nicht nur einen schönen Blick auf die Teiche, sondern auch auf den Starnberger See. Sogar ein Stück der Alpen ist von hier aus zu erspähen.

Ein schöner Ausblick, auf den Roth bald verzichten muss. Aber er scheint gewappnet zu sein für das Leben als Ruheständler. Wenn er genauer wissen will, was ihm und seiner Ehefrau blüht, die noch ein paar Jahre arbeitet, kann er einen kleinen humorigen Ratgeber studieren, den ihm sein Bruder aus Franken geschenkt hat: "Hilfe, mein Mann ist Rentner".

© SZ vom 29.04.2020
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