Wirt nach Shitstorm im Interview„Dass dahinter die AfD steckt, wusste ich nicht“

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Im Brückenwirt in Percha wollte die AfD eigentlich ihren Starnberger Ortsverband gründen - doch dann ereilte den Wirt ein Proteststurm.
Im Brückenwirt in Percha wollte die AfD eigentlich ihren Starnberger Ortsverband gründen - doch dann ereilte den Wirt ein Proteststurm. (Foto: Nila Thiel)

Im Wirtshaus von Heinz Preiß wollte die AfD einen Ortsverband für den Raum Starnberg gründen. Der Wirt erlebte deshalb einen Shitstorm.

Interview von Viktoria Spinrad, Starnberg

Heinz Preiß hat ein turbulentes Wochenende hinter sich. Nachdem bekannt geworden war, dass die AfD ihren neuen Ortsverband bei ihm im Brückenwirt im Starnberger Ortsteil Percha gründen wollte, erreichten ihn gleich mehrere Boykottaufrufe. Anruf bei einem Wirt, der zwischen die politischen Fronten geriet.

SZ: Herr Preiß, Sie haben ein Shitstorm-Wochenende hinter sich. Wie konnte es so weit kommen?

Heinz Preiß: Das Wochenende war brutal. Vier verschiedene Gruppen hatten sich angemeldet. Dass hinter einer die AfD steckt, wusste ich nicht. Wenn da einer anruft und für 20 bis 25 Leute reserviert, frage ich ja nicht vorab: Wer seid ihr und was habt ihr vor?

Seit 2008 betreibt Heinz Preiß den Brückenwirt in Percha.
Seit 2008 betreibt Heinz Preiß den Brückenwirt in Percha. (Foto: privat)

Im Internet wurde zum Boykott gegen ihren Gasthof aufgerufen.

Ich war komplett überrumpelt. Bei Reservierungen geht es ja nur um praktische Fragen. Eindecken oder nicht, Blumen und Servietten oder nicht? Vor Ort werden dann die Bestellungen entgegengenommen, dann geht die Tür zu. Und am Ende wird gezahlt. Wir haben hier ständig Stammtische, zum Skaten, Schafkopfen, oder auch von Vespa-Fans und anderen Parteien.

Hier geht es um eine als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei.

Aber die Mitglieder kommen ja nicht mit einer Armbinde rein, sodass man gleich sehen würde, wer da kommt.

Aber ein Ingo Hahn oder ein Alexander Neumeyer sind doch bekannt hier.

Mag sein, bei mir nicht. Wissen Sie, wir Landgasthöfe kämpfen jeden Tag mit dem wirtschaftlichen Überleben. Ich krieg' kein Personal und nichts. Die Mitarbeiter sind froh, wenn sie wieder auf dem Heimweg sind. Keiner will mehr arbeiten. Ich suche, suche, suche. Wenn dann einer anruft und für 20 bis 25 Leute reserviert, dann freut man sich doch erst mal.

Es hat dann schnell die Runde gemacht, dass der neue Ortsverband bei Ihnen gegründet werden soll. Der Druck auf Sie wurde immer größer.

Ich habe E-Mails bekommen und etliche Anrufe. „Das ist das Letzte, dass Sie so was machen!“ Oder: „Der Brückenwirt ist ein No-go!“ Ich wusste erst gar nicht, worum es geht - bis mich mehrere Hinweise erreicht haben. Dann habe ich die Reservierung umgehend storniert.

Am Samstagnachmittag haben etwa 100 Menschen an der Seepromenade für Demokratie und Vielfalt protestiert. Der AfD hatten Sie bereits am Vortag abgesagt. Haben Sie etwas mitbekommen von den Protesten?

Nein, da hat sich keiner herangetraut. Aber ich wollte eh keinen sehen. Ich wusste, das gibt wieder nur Diskussionen.

Der Umgang mit der AfD ist für viele ein Dilemma - Politiker, Journalisten und offensichtlich auch Gastwirte. Wie hat die AfD auf Ihre Absage reagiert?

Die waren ein bisserl sauer. Sie haben mir vorgeworfen, mich unterkriegen zu lassen. Was stimmt: Wir sind ein demokratisches Land, und die AfD ist - zumindest derzeit - nicht verboten. Aber wir sind kein Ort für rechtspopulistische oder extremistische Gesinnungen. Nachdem mir so viele mit Boykott gedroht haben, war klar: Ich kann mir nicht leisten, all diese anderen Kunden zu verlieren. Am Ende wird noch das Wirtshaus besprüht, das mir gar nicht gehört.

Im Wirtshaus kommt die ganze Gesellschaft zusammen, was gerade in Zeiten politischer Spaltung wichtig ist. Wie viel politische Haltung muss ein Wirt zeigen?

Ich bin unpolitisch, privat interessiert mich das nicht. Und wenn einer mit fragwürdiger Gesinnung privat zum Essen kommt, kann ich auch nichts machen. Aber mit der Partei zu kommen, um hier noch den Ortsvorstand zu wählen - das geht einfach nicht. Wir stehen für Offenheit und Toleranz. Klar ist aber auch: Wenn die neue Regierung nicht funktioniert, haben wir nächstes Jahr 30 Prozent AfD.

Der neugewählte AfD-Ortsvorsitzende Ulrich Haase (rechts) mit seinem Stellvertreter Anton Bauer aus Starnberg.
Der neugewählte AfD-Ortsvorsitzende Ulrich Haase (rechts) mit seinem Stellvertreter Anton Bauer aus Starnberg. (Foto: AfD Starnberg)

Die fordert die Abschiebung von Personengruppen wie Menschen ohne Ausweispapieren - solche also, die unter Duldung teils auch in der Gastronomie arbeiten. Beschäftigen Sie Migranten oder Geflüchtete?

Nein, ich bin der Gnadenhof der Gastronomie. Meine Crew ist seit zehn Jahren da und hält mir die Stange. Mancher hat ein paar Wehwehchen, ein anderer braucht eine neue Hüfte. Aber wir kommen zurecht.

Was hat das Chaos vom Wochenende betriebswirtschaftlich für Sie bedeutet? Konnten Sie den Raum anderweitig füllen?

Für den reservierten Raum hatte ich einen eigenen Kellner abgestellt. Der musste dann zwangsweise frei machen. Der Raum war dann leer.

Wissen Sie, wohin die AfD ausgewichen ist?

Nein. Aber auf die Schnelle werden sie auch nichts anderes gefunden haben. Vielleicht sind sie auch einfach ins Gartenhäuschen. Man sollte sie einfach verbieten und fertig.

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