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Hochwassergefahr im Landkreis Starnberg:Kurzzeitige Entwarnung

Baustelle am Langen Weiher; Langer Weiher

Derzeit noch Baustelle: Der abgelassene Lange Weiher bei Gut Deixelfurt, der später als Rückhaltebecken bei Hochwasser dienen soll.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Die Pegel der Bäche sind zwar zurückgegangen, die Seen steigen aber weiter an. Kommende Woche könnte es an neuralgischen Stellen wie in Traubing kritisch werden. Dort gibt es immer noch keinen wirksamen Hochwasserschutz

Von Armin Greune und Gerhard Summer, Starnberg

An der Hochwasserfront im Fünfseenland gibt es zumindest vorübergehend Entwarnung. Nachdem es am Donnerstag weitgehend trocken blieb, sind die Pegel der Bäche zurückgegangen. Der Herrschinger Kienbach und der Starnberger Georgenbach hatten am Mittwochmittag ihr Maximum erreicht. Die Ammer schwoll noch bis zum Mittwochabend an, blieb aber unter der Hochwasser-Meldestufe 1.

Starnberger See und Ammersee hingegen stiegen auch den Donnerstag über weiter. Der Ammersee-Pegel kletterte in den vergangenen beiden Tagen um 24 Zentimeter. Nur 42 Zentimeter Spielraum bleiben noch, bevor erste Überflutungen in den Dießener Seeanlagen zu erwarten sind. Der Starnberger See ist zehn Zentimeter gestiegen und kann noch weitere 21 Zentimeter fassen, bevor er in der Wassersportsiedlung über die Ufer tritt. In der kommenden Woche aber könnte die Lage an den Seen bedrohlich werden: Der Deutsche Wetterdienst warnt nach einer vorübergehenden Beruhigung am Freitag vor erneuten ergiebigen Niederschlägen. Am Wochenende wird in Südbayern Dauerregen erwartet - je näher an den Alpen, umso heftiger.

In Traubing hatte sich die Lage am Donnerstag entspannt. Der Tutzinger Ortsteil gehört zu den Gegenden im Fünfseenland, die regelmäßig von Hochwasser betroffen sind. Sobald es längere Zeit vom Himmel schüttet, ist dort Land unter. Denn in dem Dorf fließen der Deixlfurter Bach und der Schwarze Graben zusammen, die sich nach anhaltenden Regengüssen in reißende Flüsse verwandeln.

Seit Jahren wird um eine Lösung gerungen, erst im September 2014 verständigte sich der Gemeinderat auf eine Alternative. Die Idee: Ein Teich der Deixlfurter Seenplatte, der Lange Weiher, soll regulierbar gemacht und als Hochwasserschutz genutzt werden. Das Gewässer speist den Starzen- und den Deixlfurter Bach. Doch laut Bürgermeister Rudolf Krug sieht die Fachbehörde, das Wasserwirtschaftsamt Weilheim, "keine Vorteile" in dieser Variante, sie fordere nun sogar Schutz gegen ein 1000-jähriges oder noch seltenere Hochwasser. Krugs Replik im Umweltausschuss der Kommune: Da könne man langsam auch eine Arche Noah bauen.

Wenn sich mit Papier Fluten aufhalten ließen, hätte Traubing längst kein Problem mehr. Seit 16 Jahren wird diskutiert und geplant, das Geld fließt Krug zufolge vor allem in Gutachten. Doch passiert ist bislang nichts, abgesehen von kleinen Verbesserungen. 2011 verfolgte die Kommune eine Maximallösung: Traubing sollte mit riesigen Dämmen vor Überschwemmungen bewahrt werden, Ziel war der Schutz gegen ein 100-jähriges Hochwasser. Der Haken: Die Rückhaltebecken sollten auf den Weiden und Feldern von Landwirten stehen. Die Grundeigentümer wehrten sich gegen die Vereinnahmung, bald war klar, dass "niemand im Ort" diese Lösung will, wie Krug sagt. Seitdem setzt Tutzing auf eine Strategie der kleinen Schritte.

Doch beim Versuch, den Langen Weiher für etwa 100 000 Euro aufzurüsten, lege das Wasserwirtschaftsamt der Gemeinde Steine in den Weg. Seit November 2014 verfolge man das Vorhaben, erst im März sei es ihm gelungen, Vertreter der beiden maßgeblichen Behörden, also des Landrats- und des Wasserwirtschaftsamtes, zu einem Runden Tisch zusammen zu bringen, so Krug. Die Fachleute aus Weilheim forderten nun ein weiteres Gutachten. Krug steht auf dem Standpunkt: "Wir wollen jetzt Maßnahmen, die was bringen, und nicht wieder ein Gutachten. Das geht seit 1999 so." Zumindest eine positive Expertise liegt vor: Tutzing ließ die Standsicherheit des etwa 120 Jahre alten Dammes untersuchen, das Ergebnis fiel positiv aus.

Die Folge des Streits: Eine Genehmigung des Projekts durch das Landratsamt steht noch aus. Krugs Einschätzung der Lage: Das Wasserwirtschaftsamt sei nur eine beratende Stelle, die einer Gemeinde "nicht vorschreiben kann, wofür sie das Geld ausgibt". Andererseits zieht das Landratsamt die Fachleute vor einem Plazet zu Rate. Krug hofft nun, dass die Starnberger Behörde die Stellungnahme der Experten nicht allzu stark gewichtet. Denn auch Landrat Karl Roth sei der Ansicht, "dass wir was weiterbringen müssen". Im Ausschuss formulierte er es deutlicher: "Ich glaube nicht, dass die das noch ernst nehmen, was vom Wasserwirtschaftsamt kommt." Krug geht davon aus, dass der Lange Weiher von diesem Sommer an als Reservoir genutzt werden kann. Eine optimistische Annahme, wie er selbst sagte.

Laut Walter Schramm vom Wasserwirtschaftsamt ist Tutzing mit der Teich-Lösung absolut auf dem Holzweg: Die Annahme, mit dem Langen Weiher dem Hochwasser die Spitze nehmen zu können, sei "technisch falsch, die Wirkung geht gegen Null". Denn dazu sei das Einzugsgebiet der beiden Dorfbäche zu groß, im Oberlauf könne man nur geringe Wassermengen zurückhalten. Die einzig richtige Lösung aus Schramms Sicht: Tutzing sollte auf die gewaltigen Staudämme vor dem Ort zurückkommen, "das ist der sinnvolle Weg".

© SZ vom 22.05.2015

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