Normalerweise ringen hier Fraktionen um Beschlüsse, Unterlagen bedecken die Tische, Zahlen werden auf die Leinwand projiziert. An diesem Abend hat sich der Sitzungssaal des Starnberger Landratsamts jedoch in eine Kunstgalerie verwandelt. Eine übermannsgroße Gabel und dazu ein Messer aus Holz stehen als Skulptur dort, wo sonst Landrat Stefan Frey die Sitzungen leitet. Zwischen dem Essbesteck ist ein aufgestellter Teller mit darauf festgemachten hölzernen Meeresfrüchten: Hummerschwänze, Muscheln, Sardinen. Der Bildhauer Hans Panschar aus Berg hat sie gestaltet. Daneben liegt eine überdimensionierte Schote, eine Bildhauerarbeit von Carlotta Linke aus Gauting. Die Schale ist leicht geöffnet, sodass die giftgrün leuchtenden Glaserbsen im Inneren sichtbar sind. Nur das Getränk fehlt, um dieses Skulpturengericht zu vervollständigen.
Stellvertretend trat der Organisator des Symposiums „Kunst und Bier“, Hubert Huber, auf die Bühne. So appetitanregend begann der Festakt für den Kulturpreis. In diesem Jahr verlieh ihn der Landkreis in den Sparten „Bildhauerei und Skulpturen“. Die Jury wählte im Juli aus 25 Bewerbungen drei aus. Anschließend rief Kulturreferentin Barbara Beck die Gewinner an: „Die Reaktionen reichten von Freudenschreien bis zum Schweigen“, erinnert sie sich.

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Mit den Kulturpreisen möchte der Landkreis seine Wertschätzung für die kulturelle Vielfalt und das Engagement der Kulturschaffenden ausdrücken, betonte Landrat Frey. „Ihre Denkanstöße und Perspektivwechsel halten die Gesellschaft zusammen und sorgen für Demokratie.“ Den mit 3000 Euro dotierten Kulturpreis überreichte er an Hans Panschar. Dessen Laudatorin, Kulturjournalistin Katja Sebald, stellte die Frage, was Giorgio Vasari wohl über den Künstler geschrieben hätte.
Der Florentiner lebte vor fünfhundert Jahren am Hof der Medici und begründete mit seinen „Lebensgeschichten der berühmtesten Maler, Bildhauer und Architekten“ die Kunstgeschichte. Sein Schema für ein Künstlerleben im 16. Jahrhundert gilt heute noch: früh erkanntes Talent, Lehr- und Wanderjahre, wachsender Ruf und am Ende: Ruhm. Es passt auf alle drei Preisträger, die ihre Liebe zu Holz und die Bildhauerei eint. Bei Panschar führte es zum Beruf Bootsbauer und zum Schreinermeister. Huber und Linke absolvierten eine Ausbildung in Holzbildhauerei. Die 23-Jährige beendete sie erst vor ein paar Monaten.
Alltag wird bei Panschar zum Absurden
Der Kulturpreis sei erst der zweite Preis, den er seit einem Sieg beim Malwettbewerb in der Germeringer Grundschule erhielt, scherzte Panschar (Jahrgang 1962). Der Holzbildhauer ist auch ohne Preise erfolgreich. Das belegen seine treuen Kunstsammler, die er zur Preisverleihung eingeladen hatte. Als Werkstattleiter am Lehrstuhl für Ergonomie der TU München entwarf er Stühle. Daraus entwickelten sich später skurrile Stuhlskulpturen.
Seine Möbelkunden haben die Wandlung mitgemacht und sind zu Kunstsammlern geworden, erzählte Sebald. Alltag wird bei Panschar zum Absurden. Er experimentiert mit Holz, mal schwärzt er es mit Feuer oder schlämmt es weiß, um Licht- und Schattenkontraste darzustellen. Beton dient als Gegenspieler zu Holz. Die Werke erzählen von Lebensweisen der Menschen, sind aber nie figürlich, dafür oft humorvoll.
Hubert Huber aus Passau erhielt den Anerkennungspreis und dazu 1000 Euro. Regelmäßig verwandelt er die Wiese unterhalb des Klosters Andechs in eine Open-Air-Werkstatt. Seit 2002 organisiert er das Symposium „Kunst und Bier“ am Heiligen Berg. Die Gewinner des Kunstwettbewerbs fertigen dort öffentlich in acht Tagen ihre großformatigen Skulpturen. Motorsägen bearbeiten Balken, Klosterbesucher schauen zu, es gibt ein Rahmenprogramm und Kinderworkshops. Einige der ausgestellten Skulpturen haben dort einen festen Platz gefunden.
Während Huber und Panschar für ihr bisheriges Schaffen und ihr Engagement geehrt wurden, ist der Kulturförderpreis in Höhe von 2000 Euro für Carlotta Linke Motivation am Anfang ihrer Laufbahn. Es sei großartig, „so eine klare Rückmeldung zu bekommen, dass ich auf dem richtigen Weg bin“, freute sie sich. Die Gautinger Laudatorin Rosemarie Zacher, Kulturpreisträgerin 2022, kennt Linke auch als Kursleiterin in der „Schule der Phantasie“.
Beginn mit einem Fotoprojekt
Die junge Künstlerin hat bemerkenswerte Stationen hinter sich. Mit einem Künstlerkollektiv war sie im Lenbachhaus und auf der Documenta 15 in Kassel aktiv. Es war die Documenta, bei der das Gemälde eines indonesischen Künstlerkollektivs wegen antisemitischer Darstellungen für einen Skandal sorgte. Diese Ereignisse lehrten Linke, dass Kunst auch Verantwortung bedeutet und politisch ist. Begonnen hat Linke als Schülerin mit einem Fotoprojekt: einer Serie von unscharfen Aufnahmen von Einzelpersonen, bei denen die Unschärfen Vorzeichen des Vergessens sind. Zacher schwärmte außerdem von Linkes Installationen, darunter eine Fliegemaschine, eine Art surrendes Zahnrad-Mobile, um das unentwegt filigrane Objekte kreisen.
„Ein Preis ist kein Lorbeerblatt. Wir wollen noch viel von dir sehen“, sagte Zacher am Schluss. Dieser Wunsch gilt den beiden anderen genauso. Bei Giorgio Vasari endet sein Biografie-Schema mit den Allüren, die ein Künstler nach großem Erfolg entwickelt. In diesem Punkt passt Vasari nicht. Die Starnberger Kulturpreisträger zeigten sich davon weit entfernt.

