Seelische Gesundheit:"Viele haben oft niemanden mehr"

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Seelische Gesundheit: Registriert deutlich mehr Anfragen: Regina Klusch vom Sozialpsychiatrischen Dienst in Starnberg.

Registriert deutlich mehr Anfragen: Regina Klusch vom Sozialpsychiatrischen Dienst in Starnberg.

(Foto: Arlet Ulfers)

Vor allem ältere Menschen geraten über die Feiertage psychisch in eine Notsituation. Der Krisendienst hilft. Warum die Nachfrage deutlich steigt, weiß Regina Klusch.

Von Linus Freymark

Weihnachten ist für die meisten Menschen ein frohes und geselliges Fest. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb werden dabei oft die vergessen, bei denen das Weihnachtsfest nicht unbedingt ein Anlass zur Freude ist. Familienkonflikte, Einsamkeit - die Gründe, warum, Menschen rund um die Feiertage Hilfe beim Krisendienst Psychiatrie suchen, sind vielfältig. Die Psychologin Regina Klusch leitet als Teil einer Doppelspitze den Sozialpsychiatrischen Dienst in Starnberg. Ein Gespräch über die oft vergessenen Seiten des Weihnachtsfestes.

SZ: Frau Klusch, welche Hilfe bieten Sie an, wenn es jemandem über die Feiertage nicht gut geht?

Regina Klusch: Wir sind eine Beratungsstelle für psychische Gesundheit, sowohl für Betroffene als auch für Angehörige. Wir beraten das ganze Jahr über Menschen mit psychischen Erkrankungen. Obendrein bieten wir über den Krisendienst Psychiatrie Hilfestellungen in akuten Notlagen an. Wenn jemand aus dem Landkreis in der zentralen Leitstelle anruft und dringend Hilfe benötigt, können wir inzwischen rund um die Uhr ein Team rausschicken, das sich dann an Ort und Stelle um die Betroffenen kümmert. Das kann gerade über die Feiertage sehr hilfreich sein, da die Menschen sonst mehrere Tage keine Hilfe bekommen würden. Wir bieten möglichst zeitnah Unterstützung an, gerade im Krisendienst ist das oft entscheidend.

Wer ruft bei Ihnen an?

Über Weihnachten sind es vor allem Menschen, die wir davor noch nicht betreut haben. Das kann bedeuten, dass die Leute bislang noch keine Hilfe in Anspruch genommen haben. Vielleicht haben sie auch noch keine gebraucht, und über Weihnachten gibt es eine akute Krise. Das kann ein Streit in der Familie sein, der so belasten kann, dass man psychiatrische Beratung braucht - auch wenn man nicht an einer psychischen Erkrankung leidet. Aber auch die Einsamkeit bricht natürlich besonders hervor, wenn alle anderen ihre Familien treffen und man selbst keine hat. Da hilft aber oft schon ein Telefongespräch mit der Leitstelle, sodass unsere Hilfe vor Ort meist gar nicht benötigt wird. Aber ich würde schätzen, dass 70 Prozent unserer Klienten alleine leben. Das ist durch die Pandemie natürlich nicht besser geworden.

Das diesjährige Weihnachten war nun das zweite unter Corona-Bedingungen. Inwieweit hat die Pandemie ihre Arbeit beeinflusst?

Was man definitiv sagen kann, ist, dass wir deutlich mehr Anfragen haben. Darunter sind Menschen, deren psychische Erkrankungen durch die Pandemie noch mal verstärkt wurden, aber auch Personen, die wegen der Corona-Maßnahmen existenzielle Sorgen haben. Wir bieten auch Hilfe in Lebenskrisen an, bei denen wir die Menschen manchmal auch nur über kurze Zeiträume begleiten - je nachdem, wie weit unsere Klienten das wünschen und inwieweit sie sich darauf einlassen. Prophylaktisch zu arbeiten, ist uns dabei ein wichtiges Anliegen, damit aus einer Krise keine psychische Erkrankung erwächst.

Lässt sich sagen, welche Menschen besonders von den Maßnahmen zur Pandemie betroffen sind?

Wir haben einen signifikanten Anstieg bei den über 60-Jährigen festgestellt. Das war in diesem Jahr noch deutlicher als vergangenes Jahr, je länger die Pandemie dauert, desto mehr Menschen haben mit den Folgen der Maßnahmen zu kämpfen. An Weihnachten tritt das gerade bei älteren Menschen noch einmal deutlicher zutage. Viele haben oft niemanden mehr, mit dem sie feiern können, und fühlen sich dann noch einsamer. Die Feiertage sind eine intensive Zeit. Für die meisten ist das positiv zu verstehen, doch es gibt eben auch einige Menschen, auf die das nicht zutrifft.

Der Krisendienst Psychiatrie ist rund um die Uhr unter der kostenlosen Telefonnummer 0800/6553000 zu erreichen. Wer längerfristig Hilfe sucht, kann den Sozialpsychiatrischen Dienst Starnberg unter 08151/78771 erreichen.

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