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Kira Weidle: "Jetzt hab ich's auf Papier, dass ich wirklich schnell Ski fahren kann"

Sport Bilder des Tages ALPINE SKIING - FIS World Ski Championships Cortina D Ampezzo CORTINA D AMPEZZO,ITALY,13.FEB.21 -

"Sie glänzt fast golden", sagt die Starnbergerin Kira Weidle über ihre Silbermedaille.

(Foto: imago images/GEPA pictures)

Für die 24-jährige Starnbergerin fühlt sich die Silbermedaille bei der Ski-WM fast an wie Gold. Sie ist das Ergebnis von Fleiß und Durchhaltevermögen seit der Kindheit.

Von Carolin Fries

Am zweiten Tag nach dem großen Erfolg ist ein bisschen Erholung angesagt. Zwar hat Kira Weidle auch am Montag reihenweise Telefon-Interviews, Videocalls und Zoom-Meetings zu absolvieren, alle wollen die Silbermedaille der Vizeweltmeisterin in der Abfahrt sehen oder zumindest hören, wie sich das anfühlt. Die Medaille liegt deshalb griffbereit auf dem Tisch im Elternhaus in Starnberg und die Skirennfahrerin erzählt, dass sie am Wochenende kaum habe schlafen können, vor dem Rennen in Cortina d'Ampezzo nicht und nach dem Rennen erst recht nicht. Nicht wegen des Feierns, "das war brutal Adrenalin". In ihrem Elternhaus in Starnberg komme sie nun zur Ruhe, so die 24-Jährige. Das Verwöhnprogramm von Mutter Martina hilft dabei: "Nach dem frischen Nusszopf gestern gab's heute schön schwäbisch Linsen mit Spätzle."

Kira Weidle klingt am Telefon fast befreit. "Jetzt hab ich's auf Papier, dass ich wirklich schnell Ski fahren kann", sagt sie. Wie viel ihr diese Medaille bedeutet, konnte man bei der Siegerehrung sehen: Auch wenn das Gesicht halb von Stirnband und Maske bedeckt war, strahlte sie von einem Ohr zum anderen. Die Starnbergerin hat am Samstag nicht nur den bislang größten Erfolg ihrer Karriere gefeiert, für sie ist ein Kindheitstraum in Erfüllung gefangen. Bereits als Achtjährige träumte sie davon, erfolgreich Ski zu fahren. Der Grundschullehrerin, die Skirennfahrerin nicht als Beruf gelten lassen wollte, antwortete Weidle forsch: "Wenn man schnell genug fährt, schon!" Insgesamt 19 Jahre lang hat Kira Weidle für die Erfüllung ihres Traum gearbeitet und sich nicht beirren lassen - wofür ihr eigentlich eine zweite Medaille zustünde. Denn für eine gebürtige Stuttgarterin gibt es einfachere Wege als den zum Profi-Alpinsportler.

Doch die ganze Familie sei "skibegeistert" gewesen, allen voran Opa Fritz. Der 75-Jährige habe sie damals hingeführt zu diesem Sport, mit knapp drei Jahren stand sie erstmals auf den Brettern. Als Kira fünf Jahre alt ist, siedelt die Familie nach Bayern um, die Eltern melden sie und den älteren Bruder Luis im Sportverein für Leichtathletik an, erst später wechseln sie zum Ski-Club. Dort übernimmt Sportwart Matthias Pohlus die "Kleinen" und wird Kira Weidle im Alter von 15 Jahren an den DSV-Nachwuchs abgeben. "Er hat sie nicht mehr hergegeben", erinnert sich Axel Müller, der bis vor einem Jahr Vorstand im Skiverband München (SVM) war. Man hätte sie damals gern im Regionalteam des SVM starten lassen. Doch beim Ski-Club Starnberg hatte Pohlus bereits begonnen, Weidle in unzähligen Trainingseinheiten wie einen Diamanten zu schleifen. Jede Saison kamen knapp 120 Skitage zusammen, zusätzlich zum Schulalltag am Gymnasium. Was das bedeutet, macht Müller in einem Satz klar: "Am Wochenende musst Du das Autobahnkreuz München-Süd um viertel vor sieben passiert haben, sonst kannst Du den Skitag vergessen."

Die Eltern unterstützen ihre Kinder, Mutter Martina ist zehn Jahre lang im Vorstand des SC. "Die Geschäftsstelle war im Hause Weidle, die Privatadresse die des Vereins", erzählt Müller. Während Luis den Skisport nach diversen Verletzungen aufgibt, wechselt Kira mit 15 Jahren ans Ski-Internat nach Oberstdorf und fährt die ersten Erfolge ein: 2016 gewinnt sie die Europacup-Gesamtwertung, ein Jahr später holt sie Bronze in der Abfahrt bei der Junioren-WM in Åre. Weidle arbeitet zielstrebig und beharrlich weiter an ihrem Traum. Jugendtrainer Pohlus: "Irgendwann überholt der Fleißige den Talentierten."

Natürlich gibt es auch Rückschläge. Rennen, in denen sie zu viel will und ausscheidet. Stürze, Verletzungen. In der vergangenen Saison quälen sie Rückenschmerzen, kurz vor Weihnachten muss der Daumen nach einer Fraktur operiert werden. Doch davon lässt sich die Sportsoldatin nicht entmutigen. Sie hat gelernt, dass es nicht immer nur steil bergauf gehen kann und ihre Formel zur Traumerfüllung der Realität angepasst: "Ein Schritt zurück, zwei Schritte vorwärts." 2018 erreicht sie bei der Olympia-Abfahrt in Pyeongchang Platz elf, ein halbes Jahr später steht sie mit 22 Jahren erstmals in Weltcup-Rennen auf dem Podest. Platz drei in Lake Louise und Garmisch. Da staunte selbst Bundestrainer Jürgen Graller: "Respekt, cool gemacht."

Doch irgendwas fehlte noch, "ein Weltcupsieg oder eine Medaille, damit sie etwas Großes hat, worauf sie später zurückschauen kann", wie Schulfreund Matthias Kittel es 2020 formulierte. Jetzt ist sie da, die Medaille, "eine Belohnung für die harte Arbeit", so Weidle. "Sie glänzt fast golden."

© SZ vom 16.02.2021/dac
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