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Starnberg:Kinder zweiter Klasse

Schnupperwochenende für Erzieherinnen in München, 2017

"Bestmögliche Betreuung für alle garantieren": Bis Stadt und private Träger eine Lösung für die Gebührenfrage finden, kann es noch dauern.

(Foto: Catherina Hess)

Seit vergangenem Jahr sind die städtischen Kitas in Starnberg gratis. Eigentlich sollten zum Sommer auch die Gebühren für die Einrichtungen der freien Träger abgeschafft werden. Doch die Verhandlungen stocken

Nora Schambach kann Ungerechtigkeit nicht ausstehen. Die Starnbergerin ist Mutter eines Sohnes. Er besucht das Kinderhaus Kind und Natur in Söcking, eine Kita des privaten Trägers Fortschritt. Da beginnt für Schambach das Problem. Denn im vergangenen Sommer hat der Stadtrat beschlossen, dass für die städtischen Kitas keine Gebühren mehr anfallen. Zum kommenden Kindergartenjahr ab September sollten auch die Kitas der freien Träger gebührenfrei werden. Doch passiert ist bislang wenig.

In der vergangenen Woche veranstalteten die vier städtischen Kitas und neun privat getragene einen gemeinsamen Einschreibungstermin. Da wäre es für viele Eltern wissenswert gewesen, ob sie noch Gebühren zahlen müssen oder nicht. Denn langsam werden die ohnehin schon knappen Plätze noch rarer.

Für Nora Schambach ist das ein Unding. Sie befürchtet, dass demnächst nur noch Kinder aus finanziell schwachen Familien in städtische Kitas gehen, während Wohlhabendere ihre Kinder in eine private Einrichtung schicken können. "Wie soll ich meinem Sohn denn da Werte wie Gleichberechtigung vermitteln?", fragt Schambach. "Die Stadt hat das vollmundig angekündigt", sagt sie. Da könne man erwarten, dass es auch umgesetzt wird. Sonst drohe eine "Zweiklassengesellschaft".

Lena Choi, Sprecherin der Stadtverwaltung, sagt, dass die Stadt seit Herbst Gespräche mit den freien Trägern führe. Bislang sei man sich jedoch noch mit keinem endgültig einig geworden. Denn die sogenannte Starnberger Förderformel, der sich die privaten Kitas unterwerfen sollen, sieht einige Einschränkungen für die Einrichtungen vor. So sollen die Kitas ihre Gebühren für die maximale Betreuungszeit von neun bis zehn Stunden pro Tag auf 100 Euro deckeln - sonst übernimmt die Stadt die Kosten nicht. Doch damit kommen einige der finanziell ohnehin knapp ausgestatteten Einrichtungen nicht aus.

Dabei erhalten die Kitas seit April 2019 vom Freistaat Bayern bereits einen monatlichen Zuschuss von 100 Euro für jedes Kind ab drei Jahren, der mit den regulären Kitagebühren verrechnet wird. Bei der wöchentlichen Minimal-Betreuungszeit von vier bis fünf Stunden bedeutet dieser Zuschuss in einigen privaten Kitas, dass der Besuch schon jetzt faktisch kostenlos ist.

Doch in manchen Einrichtungen wie dem Montessori-Kinderhaus bleiben selbst bei dieser geringen Betreuungszeit noch 130 Euro übrig, die Eltern monatlich zahlen müssen. In der Kita Kind und Natur sind es bei der maximalen Buchungszeit sogar 220 Euro. "Wir können es uns nicht leisten, wenn die Stadt die Beiträge zugunsten der Gebührenfreiheit deckelt", sagt die Buchhalterin einer privaten Kita. Um welchen Kindergarten es sich handelt, will die Frau nicht in der Zeitung lesen - sie möchte die Verhandlungen nicht gefährden.

Auch Stefan Koch, als Pfarramtsleiter verantwortlich für die evangelische Kita, sieht Nachbesserungsbedarf. In der Förderformel ist etwa ein Mietkostenzuschuss vorgesehen - den aber braucht die Kita nicht, weil das Gebäude der Gemeinde gehört. Stattdessen solle es einen allgemeinen Zuschuss für Instandhaltung und Umbauten geben, schlägt Koch vor.

Im Herbst hätten Vertreter der kirchlichen Träger mit der Stadt gesprochen, sagt er. Seitdem habe es kaum Fortschritte gegeben. "Ich bin skeptisch, ob das bis zum Spätsommer klappt", sagt Koch. Auch er fürchtet eine Zweiklassengesellschaft.

In München, dessen seit 2019 gültige Förderformel als Vorbild für die Starnberger diente, gibt es ähnliche Probleme. Dort machten viele freie Träger nicht mit, weil sie ihre Kosten mit den vorgesehenen Zuschüssen nicht decken können. Einige von ihnen wollen sich die Gleichbehandlung mittlerweile gar vor Gericht erstreiten.

So weit sind die freien Träger in Starnberg bislang nicht. Noch haben sie Hoffnung. "Am Ende muss eine Lösung stehen, die für die Kinder eine bestmögliche Betreuung garantiert", sagt Pfarrer Koch. Und zwar für alle gleichermaßen.

© SZ vom 27.02.2020
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