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Starnberg:Integration im Dreivierteltakt

Das "Tanzfest für Menschen mit und ohne Behinderung" wird mit dem "Stern in Bronze" der VR-Bank ausgezeichnet.

Benedikt Warmbrunn

Starnberg Tanzfest

Tanzen verbindet  Menschen mit und ohne Behinderung gleichermaßen, wie dieses Bild vom Integrativen Tanzfest vom Frühjahr 2011 in der Starnberger Brunnangerhalle beweist.Foto: Treybal

(Foto: Georgine Treybal)

- Es kommt auf die Haltung an, auf Rhythmusgefühl, vor allem aber auf die Gesichter: Sind die Mundwinkel oben, dann weiß Peter Schuh, dass er streng sein darf. Sobald die Mundwinkel nach unten gehen, hört er auf. Musik aus, lockern, neues Lied. Denn es ist kein gewöhnlicher Tanzkurs, den Schuh betreut. Es ist der vorbereitende Kurs zum "Tanzfest für Menschen mit und ohne Behinderung". Die Veranstaltung wird an diesem Montag für ihr soziales Engagement in Herrsching mit dem "Stern in Bronze" ausgezeichnet. Der Preis wird vergeben im Rahmen des Wettbewerbs "Sterne des Sports", mit der der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und die VR-Banken gesellschaftlichen Einsatz würdigen, und nicht das reine Ergebnis. Der "Stern in Bronze" wird auf Landkreisebene verliehen, viermal kam das Tanzfest bereits unter die ersten drei - nun endlich die Auszeichnung. "Ich platze vor Stolz", sagt Schuh. Bereits am Dienstag wird in Fürstenfeldbruck der "Stern in Silber" auf Landesebene vergeben, das Tanzfest zählt hier zu den Nominierten.

Erstmals wurde 1999 zur Veranstaltung eingeladen - vom TSV Starnberg, der Tanzschule Schuh, dem Roten Kreuz, der Caritas und der Lebenshilfe. Ein Jahr später wurde der Abend wiederholt, dann folgte eine Pause. Zum 125. Geburtstag des TSV aber gab es die Neuauflage als "Integratives Tanzfest"; der Name wurde geändert, nachdem die Vereinten Nationen erläutert hatten, dass Integration bedeute, dass Ausgeschlossene in die Gesellschaft eingegliedert werden. Und ausgeschlossen, das ist die Botschaft der Organisatoren um Schuh, werden die Teilnehmer nicht. Nun laden sie zum "Tanzfest für Menschen mit und ohne Behinderung" ein.

Seitdem die Veranstaltung 2005 wiedereingeführt wurde, gibt Schuh den zehn bis zwölf Teilnehmern einen sonntäglichen Kurs, der über sechs bis acht Einheiten geht. Seine Schülerinnen und Schülern, die zum Großteil Jugendliche sind, erhalten eine Einführung, beginnend mit einem langsamen Walzer und Cha-Cha-Cha. Langsam steigert Schuh dann den Schwierigkeitsgrad, auch das Acht-Schritt-Schema des Tangos gehört zum Programm. "Wichtig ist, dass die Jugendlichen Freude an der Musik und der Bewegung haben", sagt Schuh, "das Tanzfest und der vorbereitende Kurs haben daher das Ziel, die große Musikalität, die in jedem irgendwo vergaben liegt, aufzudecken und zu fördern."

Schuh will seine Gruppe jedoch nicht überfordern, er geht daher auf jeden Einzelnen ein. Da manche Teilnehmer körperlich behindert sind, ist nicht jede Haltung möglich. Bei manchen Paaren funktioniert die Doppelhandführung am besten, nicht immer führt der Mann. "Da darf ich nicht mit einem absoluten Perfektionsanspruch herangehen", sagt Schuh, "die Möglichkeit, Musik wahrzunehmen, ist sehr persönlich. Da muss jeder für sich den besten Weg finden." Doch wenn ein Paar in der geschlossenen Haltung tanzen kann, dann fordert Schuh sie ein, genauso die Promenadenhaltung beim Tango. Der Tanzkurs der Menschen mit Behinderung eröffnetet stets das Fest, bei dem auch andere Kurse aus Schuhs Schule debütieren. "Das ist immer ein sehr schönes Bild", sagt Schuh. Zum Programm gehört auch stets ein Auftritt der Tanzformation des USC München.

Der "Stern in Bronze" ist mit 1000 Euro dotiert, die Summe wird direkt eingesetzt für die Organisation des nächsten Abends am 13. April 2013. Schuh verbindet den Preis zudem mit der Hoffnung auf Nachahmer - denn noch gibt es in Deutschland keine einzige vergleichbare Veranstaltung. "Ich erwarte mir da mehr Ehrlichkeit. Das ist ein Ansatz, um den Menschen mit Behinderung zu zeigen, dass sie sich nicht verstecken müssen", sagt er, "wir müssen zeigen, dass die kulturelle Vielfalt auch im sozialen Engagement ein wesentlicher Bestandteil unserer Gesellschaft ist."

© SZ vom 26.11.2012
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