Plötzlich stand alles auf der Kippe. Lange Zeit sah es in Andechs so aus, als würde alles glattlaufen: Die Bauarbeiten der Wohnungsbaugenossenschaft Maro schritten voran, im Sommer dieses Jahres hätten die ersten Mieter einziehen sollen. Doch dann meldete das Unternehmen plötzlich Insolvenz an. Das Projekt stand vor dem Aus.
Nun scheint die Genossenschaft zwar wieder auf dem Damm zu sein, weil Unterstützer die für die Rettung erforderlichen vier Millionen Euro aufgetrieben haben. Doch das Beispiel zeigt: Geht es um bezahlbaren Wohnraum, hakt es im Landkreis Starnberg oft. Dasselbe Muster zeigte sich in Herrsching. Dort will die Gemeinde am Mitterweg 26 Wohnungen bauen. Das aber ist nur mit zusätzlichen Schulden möglich – und langen Diskussionen. Denn in Zeiten knapper Kassen stehen Kommunen gerade in Regionen wie dem Fünfseenland, in denen die Immobilienpreise traditionell astronomisch hoch sind, vor der Frage: Verkaufen wir das Bauland an den Höchstbietenden, um kurzfristig die eigenen Finanzen in Ordnung zu bringen?
Oder sollte man dort lieber bezahlbaren Wohnraum schaffen, um das Gesellschaftsgefüge langfristig im Gleichgewicht zu halten und auch Berufsgruppen wie Busfahrer oder Kassierer, die zwar nicht so viel verdienen wie Investmentbanker oder Rechtsanwälte und dennoch ihren Beitrag für die Wirtschaft und die Gesellschaft vor Ort leisten, ein Leben in der Region zu ermöglichen?
Wie drängend diese Fragen sind, zeigt der Marktbericht des Maklerverbandes IVD Süd für den Herbst 2024. Daraus geht hervor: Wohnraum für Menschen, die nicht so viel verdienen, ist nach wie vor Mangelware. Das liegt vor allem an zwei Entwicklungen. Durch die Zinswende entscheiden sich viele Menschen, die früher vielleicht eine Wohnung gekauft hätten, lieber dafür, zu mieten. Das erhöht die Nachfrage. Gleichzeitig wird weiterhin viel zu wenig gebaut, das selbst gesteckte Ziel von 400 000 Wohnungen pro Jahr ist eines der Projekte, das die Ampel-Koalition nicht umzusetzen vermochte. „Während die Nachfrage nach Mietobjekten stetig weiterwächst, dreht sich die Abwärtsspirale bei den Baugenehmigungszahlen weiter“, erklärt Stephan Kippes, Leiter der IVD-Markterhebung. Im Vergleich zum Frühjahr stiegen die Mieten bei Bestandsobjekten in den Kreisstädten rund um München deshalb um durchschnittlich 1,7 Prozent. Im Landkreis Starnberg ist der Anstieg am höchsten ausgefallen: Hier müssen Mieter 3,2 Prozent mehr hinblättern als im Frühjahr dieses Jahres.

Trotz der anhaltenden Schwierigkeiten bei der Finanzierung hat sich die Lage auf dem Kaufmarkt dagegen ein wenig stabilisiert. Kippes stellt fest, dass „die Nachfrage nach Kaufimmobilien aus dem Bestand“ wieder zunimmt. Vor allem gut erhaltene und energetisch sanierte Objekte wecken das Interesse potenzieller Käufer. Für Neubauten gilt das nicht – als Grund dafür gibt der IVD Süd an, dass „das Preisniveau in Relation zu Bestandsobjekten relativ teuer ist“. Auch diese Entwicklung trägt dazu bei, dass die Preise für freistehende Einfamilienhäuser in den Kreisstädten rund um München um durchschnittlich 2,5 Prozent zurückgegangen sind.
Die Stadt Starnberg nimmt in dieser Kategorie eine Sonderstellung ein: Mit im Schnitt 1,9 Millionen Euro mussten Käufer hier die höchste Summe für eine entsprechende Immobilie aufbringen – und sogar tiefer in die Tasche greifen als in der Landeshauptstadt München. Dort kostet ein vergleichbares Objekt lediglich 1,8 Millionen Euro. Auch bei gebrauchten Eigentumswohnungen ist Starnberg die teuerste Kreisstadt rund um München. Hier kostet der Quadratmeter im Schnitt 6480 Euro. An München kommt Starnberg in dieser Kategorie aber nicht ran: Dort muss man mit durchschnittlich 7550 Euro pro Quadratmeter rechnen.
Immer höhere Preise, immer weniger neue Wohnungen und dazu immer mehr Menschen, die in der Region leben möchten – was bedeutet das für die Zukunft? Kippes warnt beim Blick nach vorne vor erheblichen Problemen. „Fehlende neue Wohnungen werden künftig unter anderem den Verdrängungskampf zu Ungunsten einkommensschwächerer Haushalte verschärfen“, erklärt er. Läuft alles so weiter wie bisher, werden sich Menschen mit niedrigerem Gehalt ein Leben im Fünfseenland also bald nicht mehr leisten können. Hoffnung auf Besserung hat Kippes angesichts der derzeitigen politischen Krise kaum. Der einzige Lichtblick im Landkreis Starnberg: Beim Maro-Projekt in Andechs können nun wohl doch bald die ersten Mieter einziehen.

