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Nazizeit in Starnberg:Der Erfinder der Hakenkreuzflagge und der mutige Redakteur

Beide lebten in der gleichen Straße: Der Dentist Friedrich Krohn verschaffte Hitler schon früh Auftritte in Starnberg, der Journalist Michael Knab floh in die Schweiz. Eine Annäherung an zwei Biografien.

Starnberg in den frühen 1920er-Jahren, Veränderung liegt in der Luft. Noch spielen die Nationalsozialisten in der Kleinstadt kaum eine Rolle. Dass sich dies möglichst schnell ändert, dafür tut der Dentist Friedrich Krohn sein Möglichstes. Er betreibt in der Stadt eine zahnärztliche Praxis, ist glühender Anhänger der Nationalsozialisten und entwirft sogar deren Hakenkreuzflagge. Otto Michael Knab hat einen anderen Lebensentwurf. Er arbeitet beim "Land- und Seeboten" als politischer Redakteur, fühlt sich kirchlichen Kreisen nahe. Als er öffentlich Kritik an den Nazis übt, muss er mit seiner Familie fliehen. Spannende Details über das Leben der beiden Männer sind jetzt in zwei neuen historischen Werken erschienen: "Die NSDAP im Landkreis Starnberg" von Friedrike Hellerer und die "Politische Geschichte" Starnbergs von Paul Hoser. Eine Annäherung an zwei Starnberger, die in der gleichen Straße lebten und arbeiteten und sich entschieden, auf entgegengesetzten Seiten der Geschichte zu stehen.

Fürs Militär hat Friedrich Krohn von Jugend an etwas übrig. Er stammt aus einer alten Breslauer Familie. Seine Vorfahren waren laut Hellerer Beamte, Schriftsteller, Lehrer, Diplomaten und Landwirte. Weil sein Vater früh stirbt, kann der Sohn trotz seines Abiturs nicht Medizin studieren. Er muss arbeiten, um den Lebensunterhalt von Mutter und Geschwistern mit zu finanzieren. Auch eine militärische Karriere bleibt dem jungen Mann verwehrt - aus gesundheitlichen Gründen. So nimmt er einen Job an der zahnärztlichen Universitätsklinik in Erlangen an. Später betreibt er als Dentist Praxen in Hagenau im Elsass und in der Schweiz. 1917 geht er nach Starnberg und eröffnet dort eine Praxis in der Kaiser-Wilhelm-Straße 13. Er fühlt sich dem antisemitischen Lager nahe und der NSDAP.

Stadtarchiv Starnberg / Bestand Wörsching

Als Hakenkreuzfahnen in Starnberg flatterten: der Tutzinger-Hof-Platz.

(Foto: Stadtarchiv Starnberg/Bestand Wörsching)

Der große Coup gelingt ihm am 5. März 1920 im Tutzinger Hof: Krohn lädt für diesen Tag zur ersten Versammlung der NSDAP in Starnberg ein und schmückt das Rednerpult mit einer selbst entworfenen Hakenkreuzflagge. Der von Krohn geladene Redner des Abends soll beim Anblick des Hakenkreuzes freudig ausgerufen haben: "Da haben wir ja unsere Parteiflagge."

Krohn mangelt es nicht an Selbstbewusstsein, er sieht sich nicht nur als Fachmann auf dem Gebiet der Symbolik und Heraldik, sondern auch als Künstler. Selbst Adolf Hitler schreibt in "Mein Kampf" über Krohns Flaggenvorschlag: "Tatsächlich hat ein Zahnarzt aus Starnberg auch einen gar nicht schlechten Entwurf geliefert, der übrigens dem meinen ziemlich nahekam, nur einen Fehler hatte, dass das Hakenkreuz mit gebogenen Haken in eine weiße Scheibe hineinkomponiert war."

Der spätere Journalist Otto Michael Knab hat schon als Kind keinen leichten Start. Denn er wird am 16. März 1905 in Simbach unehelich geboren. Seine Mutter ist damals erst 21, der Vater bleibt unbekannt. Weil die Familie der jungen Frau einen Skandal befürchtet, wird der Bub zur Adoption freigegeben. Zwei Jahre später adoptiert das Münchner Ehepaar Margarethe und Otto Knab das Kind. Knab ist pensionierter Geheimer Rechnungsrat, Generalkriegszahlmeister und zum damaligen Zeitpunkt bereits 72 Jahre alt. Mit ein Beweggrund, den Buben aufzunehmen, dürfte für ihn gewesen sein, dass er selbst Vollwaise war.

Stadtarchiv Starnberg / Bestand Wörsching

Ein Nazi-Aufmarsch auf dem damaligen Hindenburgplatz, dem heutigen Kirchplatz.

(Foto: Stadtarchiv Starnberg/Bestand Wörsching)

Doch das gemeinsame Leben mit den Pflegeeltern endet bereits 1913: Als der Stiefvater stirbt, gibt die bigotte Adoptivmutter den Achtjährigen, in dem sie laut Historiker Hoser ein Kind der Sünde sieht, in ein Waisenhaus in Altötting. Da sie glaubt, ihn aus den Klauen des Teufels befreien zu müssen, bestimmt sie für ihn den Priesterberuf, schickt ihn nach Burghausen ins Kapuzinerseminar und später nach Augsburg. Auf Grund von Verwerfungen mit dem Direktor wird der Jugendliche des Gymnasiums verwiesen. Im Jahr 1924 verschlägt es ihn nach Starnberg. Der 19-Jährige tritt eine Lehre als Setzer beim "Land- und Seebooten" an, der damals einzigen Starnberger Zeitung, da er sich für Sprache interessiert. Er bezieht wie Krohn Quartier in der Kaiser-Wilhelm-Straße. Schon zwei Jahre später wird er Redakteur des "Land- und Seeboten". Anders als heute, wo viele Zeitungen sowohl ein abgeschlossenes Studium als auch eine Berufsausbildung zum Redakteur als Voraussetzung für eine Anstellung verlangen, ist es damals nicht besonders schwierig, den Beruf zu ergreifen. Mit nur 24 Jahren wird Knab 1929 Leiter der Redaktion. Sein Jahresgehalt: 4261 Reichsmark. Im selben Jahr heiratet er die gleichaltrige Judith Bultmann. Das Paar bekommt zwei Kinder, Judith und Klaus.

Krohn verehrt Hitler schon früh. Anfang 1920 bereits organisiert er mehrere Versammlungen der NSDAP in Starnberg. Im Mai ist er maßgeblich beteiligt an der Gründung einer eigenen Ortsgruppe der Partei. Er selbst ist bereits seit einem Jahr Parteimitglied. Krohn finanziert die Ortsgruppe, bezahlt die Inserate in der Zeitung. Es gelingt ihm auch, Adolf Hitler bereits Anfang der Zwanzigerjahre für Auftritte in Starnberg zu gewinnen. Schon beim ersten Besuch Hitlers fügen die Nazis ihrer Ankündigung den Verweis hinzu: "Juden haben keinen Zutritt." Gleichzeitig kommandiert Krohn auch das Freikorps Oberland in Starnberg. Doch trotz aller Mühen gelingt es ihm nicht, die Mitglieder für die NSDAP zu begeistern. Denn das Freikorps ist rein militärisch ausgerichtet und übt nachts in Krohns Praxis heimlich den Umgang mit Maschinengewehren.

Buchcover ´Kleinstadt unterm Hakenkreuz` Das Buch ist bereits 1934 erschienen. (länger als 70 Jahre her). Stadtarchiv Starnberg

1934 verfasst Knab in der Schweiz das Buch "Kleinstadt unterm Hakenkreuz".

(Foto: Stadtarchiv Starnberg)

Nach einem Streit zieht sich Krohn aus der Parteipolitik zurück. Er geht zuerst nach Schwerin und wandert 1926 nach Mexiko aus. Dort wird er jedoch wieder ausgewiesen, wie aus Unterlagen des Bundesarchivs hervorgeht, und kehrt 1933 nach Starnberg zurück. In der Kreisstadt haben unterdessen längst andere das politische Ruder übernommen.

Anders als Krohn fasst Knab schnell in Starnberg Fuß, schließt Bekanntschaften, findet Freunde und tritt in Vereine ein. Er wird Schriftführer der Theatervereinigung, gehört dem Münchner Journalisten- und Schriftsteller-Verein an. Zu seinen Bekannten zählt auch der jüdische Rechtsanwalt Robert Held, der 1938 in die USA auswandert. Befreundet ist er außerdem mit dem Starnberger Kaplan Bernhard Heinmann, der 1941 von den Nazis ins KZ Dachau deportiert und 1942 in der Anstalt Hartheim bei Linz von ihnen ermordet wird. Als Chef der einzigen Tageszeitung ist Knab in Starnberg ein bekannter Mann. Sein Wort zählt. Relativ lange hält Knab sich mit Kritik an den Nationalsozialisten zurück, versucht zuweilen sogar, Brücken zu ihnen zu bauen - wohl auch, weil er finanziell klamm ist und seinen Arbeitsplatz nicht verlieren möchte.

Für die Nazis hat er dennoch nichts übrig, für die katholische Kirche umso mehr. Schließlich erweckt er mit seinen religionsfreundlichen Artikeln den Unmut der Partei. Als er sich weigert, einen Artikel aus dem "Völkischen Beobachter", in dem die katholischen Vereinigungen beschimpft werden, im Land- und Seeboten im Wortlaut abzudrucken und mit seinem eigenen Namen zu zeichnen, wird er zum Ortsgruppenleiter zitiert, der ihm mit dem Konzentrationslager droht.

Otto Michael Knab.  Stadtarchiv Starnberg 
Foto: Jägerhuber/oh

Michael Knab weigerte sich, einen Artikel aus dem "Völkischen Beobachter" in seiner Zeitung abzudrucken.

(Foto: Stadtarchiv Starnberg)

Knab weiß: Es ist an der Zeit, seine Familie in Sicherheit zu bringen. Er reist mit ihr über Lindau in die Schweiz. Alleine kehrt er noch einmal kurz nach Starnberg zurück, um ein politisches Vermächtnis zu verfassen. Darin heißt es: "Meine Arbeit hat vor meinem Gewissen jeden vertretbaren Sinn verloren. Ich kann (...) unter dieser Knebelung unmöglich arbeiten (...) In Deutschland sind aufrechte Männer nicht geduldet, sie werden an die Wand gestellt oder ins Konzentrationslager gesteckt. Also bleibt mir nur der Weg ins Ausland. Ich nehme eine Handvoll deutscher Heimaterde hinüber und bei ihr schwöre ich: Ich will Arbeiter sein an einem freien Deutschland." Knab weiß, dass diese Zeilen niemals im längst gleichgeschalteten Land- und Seeboten erscheinen werden, so hinterlegt er die Flugblätter, die in Form eines Leitartikels verfasst sind, an öffentlichen Plätzen und in Telefonzellen. Am Morgen des 15. Juli 1934 verlässt er Starnberg und flieht in die Schweiz. Noch im selben Jahr veröffentlicht er dort sein Buch "Kleinstadt unterm Hakenkreuz", das die Starnberger Verhältnisse in der Nazizeit ungeschönt schildert. Schon bald geht das Buch in der Stadt heimlich von Hand zu Hand.

Krohn erklärt nach dem Krieg laut Spruchkammerakten, er sei in Starnberg diffamiert worden, weil er sich gegen die Partei gestellt habe. In einem später veröffentlichen Lebenslauf behauptet er sogar, er habe Hitler offen Diktatur und Programmverrat vorgeworfen. Im September 1967 stirbt er laut Hoser in Starnberg.

Gefühlsmäßig ist Knab auch im Exil noch mit Starnberg verbunden. Und so erklärt er sich auf Anfrage des früheren Bürgermeisters Heribert Thallmair dazu bereit, an einem Heimatbuch der Stadt mitzuarbeiten. Es erscheint 1970 in einer Auflage von 3000 Exemplaren. Knab stirbt im Dezember 1990 in Oregon. 2015 wird der Rad- und Fußweg nahe dem Druckereigebäude Jägerhuber nach ihm benannt.

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