Es ist ein lauer Oktobernachmittag in der Provence, an dem so manche unserer Überzeugungen über Deutschland ins Wanken geraten. Wir sitzen gemeinsam mit unserer Bekannten Ronja und ihrem Mann Aleksi am Kaffeetisch unter einem alten Walnussbaum. Es gibt Streuselkuchen mit frischen Feigen aus dem Garten. Seit Kurzem lebt die Familie mit den beiden Kindern in der Provence auf dem Hof eines Landwirts, der Jasmin anpflanzt für die Parfümproduktion in Grasse.
Ronja erzählt von der Einschulung ihrer Tochter. „Moment“, sage ich, „die Kleine ist doch erst drei?” In der Tat. Seit einigen Jahren beginnt in Frankreich die Schule im Alter von drei Jahren – so früh wie in keinem anderen Land in Europa. „Aber das ist doch sicher ähnlich wie Kindergarten und dauert nicht so lange“, werfe ich ein. Nichts da. Schule bedeutet in Frankreich Frontalunterricht – und das von morgens um neun Uhr bis mindestens 16.30 Uhr. „Gibt es eine Art Eingewöhnung?“, frage ich. „Nein“, sagt Ronja und klingt traurig. „Vom ersten Tag an gibst du die Kinder am Schultor ab, egal, wie sehr sie weinen.“ Und ihre kleine Tochter weinte viel. „Es geht nur um Disziplin, nur darum, die Kinder auf Linie zu bringen.“
Ich blicke zu Jakob hinüber, der sich gerade an einem Seil am Baum hin- und herschwingt. Als er drei war, habe ich die Eingewöhnung im Kindergarten mit ihm gemacht. Fast drei Wochen lang saß ich jeden Morgen auf einem zu kleinen Stuhl in einer Ecke des Kindergartens, um ihm die Zeit zu geben, die er brauchte, um in diesem neuen Lebensabschnitt anzukommen.
Was hätte das mit ihm und uns gemacht, wenn wir uns diese Tage nicht gegeben hätten? Wir taten uns in Bayern schwer mit dem Schulsystem, vor allem mit dem Gymnasium. Eine Lehrerin sagte mir mal, noch immer verwechsle man Bildung mit dem Hineinstopfen von Wissen in Köpfe, sinnloses Auswendiglernen. Doch im Vergleich zu Frankreich wirkt das harmlos. Die Schulen sehen meist aus wie Gefängnisse, haben hohe Zäune und oft Sicherheitsschleusen. Haben wir in Deutschland manches zu schwarz gesehen?
Gastgeber Kai setzt sich zu uns an den Tisch. Er versucht seit Jahren, die Menschen in der Provence von Solarenergie zu überzeugen. An 300 Tagen im Jahr scheint hier die Sonne, Kai hat durch seine Solarzellen fünfmal so viel Energie, wie er braucht. Trotzdem sieht man in der ganzen Gegend auf den Dächern kaum Anlagen. Die Franzosen halten nach wie vor an ihrem Öl und Gas fest und wollen nichts Neues, im Gegensatz zum deutlich verregneteren Deutschland. „Die Deutschen machen einfach“, sagt Kai. Moment mal - wir Deutschen? Wir, die immer das Gefühl haben, es gehe nichts voran? Wo Bevölkerung und Regierung einfach nicht in die Gänge zu kommen scheinen, um etwas gegen miese Bildung und Klimawandel zu unternehmen?
Manchmal muss man Abstand gewinnen, um die Dinge schärfer zu sehen.
Kantinenessen, Hortpampe, Alltagsbrei – Familie Hemminger aus Bernried hat es satt und bricht auf. Das Ziel: Das beste Essen in Europa finden. Was sie dabei erlebt, erzählt die Familie an dieser Stelle in der wöchentlichen Kolumne „Ham Ham Hemminger“. Mehr Informationen gibt es im Blog www.travelandtaste.world und im Podcast „Bock auf Regional – Reise durch Europa“. Alle weiteren Folgen der Kolumne gibt es hier.

