Starnberg Heile Welt

Als normale Jugendliche spielt Lea van Acken (Mitte) Anne Frank, die Mutter stellt Martina Gedeck dar (links).

(Foto: Universal Pictures/dpa)

"Das Tagebuch der Anne Frank" im Starnberger Filmgespräch

Von Blanche Mamer, Starnberg

Das Mädchen spricht zum Zuschauer, direkt in die Kamera. Sie spricht von der Zukunft, vom Ende des Krieges, vom Frieden. Vorausahnend findet sie, dass es nicht gut sei, das Geld aufzuessen, über Kleider und Schuhe nachzudenken, die man nach dem Krieg kaufen wolle, während man sich doch darum sorgen müsse, das Land wieder aufzubauen und jenen zu helfen, die nicht so viel Geld haben. Mit einem Monolog der 15-jährigen Lea van Acken beginnt der Film Das Tagebuch der Anne Frank, beeindruckend hellsichtig. Mit diesem Monolog habe sie sich beim Vorsprechen sofort für die Rolle qualifiziert, berichtet Regisseur Hans Steinbichler später. Es ist allerdings auch die stärkste Szene des Films, vielversprechend, wovon leider nur sehr wenig eingelöst wird.

Ein Zeitsprung - sieben Jahre zurück: Die Franks besuchen das Feriendomizil der Großfamilie in Sils Maria im Engadin. Anne tollt mit ihren Cousins über die blühende Wiese, die Sonne scheint, der Himmel ist blau, die lila Berge grüßen im Hintergrund, das Picknick ist wunderbar. Nein, in die Schweiz umziehen, das lehnt Papa Frank (Ulrich Noethen) ab, das Geschäft geht vor, Opecta beginnt gerade, Geld abzuwerfen. Das Panorama ist so wunderschön, wie im Urlaubskatalog, die Szene leider so kitschig, dass es fast weh tut. Kitschig geht es weiter, da lebt eine wohlhabende jüdische Familie in einer vornehmen Wohnung, das Mädchen schmust mit seinem Kater. Auch wenn alle Jacken und Mäntel mit einem gelben Stern versehen sind, schlendert Anne fröhlich durch die Straßen Amsterdams, tritt mutig einer Horde junger holländischer Hitlerjungen entgegen, feiert mit ihren Freundinnen 13. Geburtstag, bekommt ein Tagebuch geschenkt. "Liebe Kitty" schreibt sie in Schönschrift auf die erste Seite.

Schön, so schön, und zugleich so irritierend, so ärgerlich! Dass es so etwas wie Bedrohung gibt, ist höchstens im unglücklichen Blick der Mutter (Martina Gedeck) zu sehen. Sonst ist heile Welt. Steinbichler hatte große Ambitionen, er wusste, dass die Produzenten seines erfolgreichen Films Landauer die Rechte am "Tagebuch" hatten. Einen Film für die Jugend wollte er machen, für alle die, die das Buch nicht lesen, weil es die Lehrer empfehlen. Er habe das Mädchen vom Podest der Heiligen herunterholen und sie als normale Jugendliche zeigen wollen, die sich Gedanken über Sex macht, sich in den Jungen verliebt, der auch im Versteck lebt, die ihren Vater liebt und ihre Mutter nicht mag. Das sagt er beim Filmgespräch in Starnberg.

Das hat er alles in wunderschöne Bilder gepackt, farbig, bunt, fast wie in einer Schoko-Werbung. "Die Gefühle waren mir wichtig. Der Film sollte nicht langweilig sein, sondern zeigen, wie Mädchen in dem Alter sind, damals wie heute", sagt Steinbichler. Anne sei nun mal nicht nur lieb gewesen, sondern auch vorlaut, hochnäsig und ekelhaft. Der Zuschauer weiß, was kommt, das Mädchen, ob glücklich verliebt oder nicht, wird nicht überleben. Als die Alliierten schon nah sind, wird das Versteck verraten, die Familien werden abgeholt, in einen dunklen Lkw gepfercht. Voll Panik schreit Anne nach Licht, das geht unter die Haut und wäre das richtige Schlussbild gewesen. Doch Steinbichler muss noch das Grauen von Auschwitz einbauen. Was bleibt? Ein Gefühl der Trauer und das Wissen, im falschen Film zu sein.