Das Alphabet, das Einmaleins und später dann die binomischen Formeln, Versmaße oder englische Vokabeln: Kinder von Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine sollen auch in Deutschland die Chance haben, zum Unterricht zu gehen. Das Christoph-Probst-Gymnasium in Gilching hat vergangene Woche schon eine erste Gastschülerin aufgenommen, diese besucht dort nun die neunte Klasse. An der Mittelschule in Gilching sind es sogar schon vier Schülerinnen und Schüler, alle zwischen zehn und 15 Jahre alt. Hinzu kommen zehn bis 15 zusätzliche Anmeldungen, die bei Schulleiterin Gisela Bárta bereits eingegangen sind. Doch wie viele ukrainische Kinder werden noch nachkommen? Und wie können diese in den Schulalttag integriert werden? Noch gibt es da viele offene Fragen.
Auch Ursula Meisinger-Schmidt, Konrektorin an der Realschule in Herrsching, hat derzeit zehn Anfragen von ukrainischen Schülerinnen und Schülern vorliegen. Gerade nimmt die Schule jedoch noch keine Kinder auf. Meisinger-Schmidt will die erste Sitzung der Steuerungsgruppe des Landkreises am kommenden Donnerstag abwarten. Dann treffen sich Vertreter der lokalen Gymnasien, Realschulen sowie der Grund- und Mittelschulen mit Vertretern des Schulamt Starnbergs. Meisinger-Schmidt wird bei diesem Treffen die Realschulen im Landkreis vertreten. "Die Steuerungsgruppe entscheidet, welche Schüler an welcher Schule aufgenommen werden", so die Herrschinger Konrektorin. Deshalb wäre es kontraproduktiv, sagt sie, wenn man jetzt schon Kinder aufnehmen würden. "Die ukrainischen Schüler müssen jetzt noch ein paar Tage lang Geduld haben, bis mehr Klarheit besteht."
In Bayern gibt es derzeit Tausende junger Geflüchteter
Auch im Starnberger Schulamt wartet man die erste Besprechung der Steuerungsgruppe ab - vor allem in der Hoffnung, in der Zwischenzeit endlich erste belastbare Zahlen vom Kultusministerium zu bekommen. Kultusminister Michael Piazolo (FW) sprach am vergangenen Freitag von mehreren Tausend jungen Geflüchteten aus der Ukraine, die gerade an den bayerischen Schulen ankommen. Diesen Kindern solle nun schnell und unbürokratisch geholfen werden.
Noch gibt es laut Starnberger Schulamt aber zu viele verwaltungstechnische Fragen: Wie viele Kinder müssen in sogenannte Willkommensgruppen eingeteilt werden? In welcher Form werden die Kinder in den Gruppen registriert, damit sie unfallversichert sind? Sind sie fester Bestandteil der Klassengemeinschaft oder laufen sie nur mit? Es seien schlicht zu viele Punkte ungeklärt, um sofort loslegen zu können, so Schulamtsdirektorin Karin Huber-Weinberger. "Momentan können wir nur einen Blick in die Glaskugel wagen."

Die Willkommensgruppen sollen den ankommenden Kindern und Jugendlichen feste Strukturen geben und den Kontakt zu Gleichaltrigen aus dem Starnberger Landkreis ermöglichen. Diese Gruppen könnten für ein Stück Normalität sorgen. Wichtig ist laut Huber-Weinberger, dass die Willkommensgruppen kein rein schulisches, unterrichtendes Angebot sind, sondern eine Mischung aus Sport und anderen Aktivitäten anbieten.
Es braucht externe Kräfte, die Deutsch als Fremdsprache unterrichten können
Am Christoph-Probst-Gymnasium in Gilching gibt es bereits ein buntes Rahmenprogramm, das aus drei Pfeilern besteht: Sprachförderung, Schulunterricht und Raum für Kreativität. Dafür brauche es Ressourcen und externe Kräfte, die Deutsch als Fremdsprache vermitteln, sagt Schulleiterin Elisabeth Mayr. Am CPG werden die ukrainischen Schülerinnen und Schüler zwei Schulstunden des Regelunterrichts besuchen, um Kontakte und Freundschaften zu knüpfen. Außerdem sollen Kunst- und Musikangebote geschaffen werden. "Im Elternbeirat gibt es Ideen für Museumsbesuche oder München-Stadttouren", so Mayr. "Und auch einige Lehrer würden Überstunden machen, um die Workshops anzuleiten."
Ideen sind vorhanden - und werden auf lokaler Ebene auch schon umgesetzt. Elisabeth Mayr ist froh, dass es an ihrem Gymnasium buchstäblich Räume für kreative Ideen gibt. In einem Trainingsraum können sich die ukrainischen Schüler mit den beiden Schulsozialpädagoginnen oder der Schulpsychologin unterhalten. Die Bibliothek bietet hingegen einen Rückzugsort mit Lernplätzen und Wifi. Hier können sich die Kinder in den ukrainischen Online-Unterricht einwählen, der oftmals noch aufrechterhalten wird.
Zuletzt äußerte die ukrainische Generalkonsulin Iryna Tybinka den Wunsch, dass die Kinder nach ukrainischem Lehrplan von ukrainischen Pädagogen unterrichtet werden, um wenigstens ein wenig Kontinuität zu gewährleisten. Mayr ist klar, dass ihre Schule nur erste Hilfsangebote anbieten könne. Zusätzlich braucht es eine regionale sowie deutschlandweite Koordination. Eine Forderung stellt sie schon jetzt: weniger Bürokratismus, mehr Budget.
Pädagogisch geschultes Personal ist kaum zu bekommen
Dieser Wunsch sei nachvollziehbar, aber gerade nicht realisierbar, antwortet Karin Huber-Weinberger vom Starnberger Schulamt: "Der Markt ist leer", sagt sie. Pädagogisch geschultes Personal sei kaum zu bekommen. "Wenn alle auf denselben Fischteich zugreifen, ist da irgendwann nichts mehr zu holen." Und krankheitsbedingter Lehrerausfall war schon im Normalbetrieb eine enorme Belastung. Dann seien die Corona-Maßnahmen hinzu gekommen. Und mittlerweile sei die Lage insgesamt schwierig: ausgelaugte Lehrkräfte, die trotzdem noch Überstunden machen, Schulpsychologen und Pädagoginnen, die nur wenige Stunden abrechnen können, und eine Schulamtsleiterin, die von einem Online-Meeting ins nächste hetzen muss. "Es fehlt nicht am guten Willen", sagt Huber-Weinberger, "aber wir kommen in der Organisation kräftemäßig an unsere Grenzen."
Ein bisschen Zeit bleibt noch, um Willkommensgruppen und Hilfsangebote vorzubereiten. Schließlich kommen ukrainische Mütter und Kinder gerade erst in der Region an. Die Schulpflicht greift etwa Mitte Juni. Bis dahin brauche es Handlungsanweisungen vom Kultusministerium, fordert die Starnberger Schulamtsdirektorin.

