Starnberg:Eine Apotheke mit Geschichte

Lesezeit: 3 min

Starnberg: Josef-Jägerhuberstrasse - Gebäude der ehemaligen Stadtapotheke

Ein Stück Stadtgeschichte: die ehemalige Stadtapotheke in der Josef-Jägerhuber-Straße.

(Foto: Nila Thiel)

Das 1836 errichtete Apothekerhaus hat viele Besitzer gesehen, die mit kreativen Ideen um Kundschaft warben. Auch heute noch spielt das Gebäude eine wichtige Rolle, wenn es um das Wohlergehen der Starnberger geht.

Von Katja Sebald, Starnberg

Schwefelbäder, Borsäure, Sauerkleesalz, Fleischextrakt, "medizinische Spezialitäten" und "feinste Parfümerien" gibt es in der alten Starnberger Stadtapotheke schon lange nicht mehr. Dennoch sorgt das stattliche Gebäude in der Josef-Jägerhuber-Straße auch heute noch für das Wohlergehen der Starnberger Bevölkerung: Der Unternehmer Hans Saegmüller, der das denkmalgeschützte Haus 1980 kaufte und aufwendig renovieren ließ, brachte es in seine Stiftung ein, die Alten- und Pflegeheime, Kinderbetreuungseinrichtungen und gemeinnützige Sportvereine unterstützt und Auszubildende fördert. Vor allem aber ist das 1836 errichtete Apothekerhaus ein Stück Starnberger Stadtgeschichte.

Bald nach der Aufhebung der Klöster, die mit ihren Apotheken die Bevölkerung versorgt hatten, gab es erste Bestrebungen in Starnberg, das damals aus kaum mehr als sechzig Häusern bestand, eine Apotheke zu etablieren. Im Jahr 1816 wies das Landgericht Starnberg in einer Eingabe an das Königlich-Bayerische Generalkommissariat des Isarkreises darauf hin, dass "die Kranken daselbst über sieben Stunden und mehr warten müssten, bis die gefertigten Arzneien von München oder Weilheim beigebracht werden könnten".

Es sollte jedoch noch mehr als zehn Jahre dauern, bis sich mit Franz Sales Beck in Starnberg der erste Apotheker niederließ. Seine 1829 eröffnete Landgerichtsapotheke lag im damaligen Ortszentrum am Jodlberg, direkt an der Kreuzung der Weilheimer Straße mit der über Söcking und Andechs Richtung Landsberg führenden Straße.

Der Münchner Apotheker Alois Deiglmaier übernahm 1835 das Geschäft und begann im selben Jahr mit dem Bau eines neuen Gebäudes neben der Posthalterei an der Straße nach München, der heutigen Josef-Jägerhuber-Straße. 1836 erfolgte der Umzug in das bis heute erhaltene Apothekerhaus, das neue Maßstäbe für die medizinische Versorgung der Starnberger setzte. Die Verkaufsräume befanden sich im Erdgeschoss, die Wohnung des Apothekers lag im ersten Stock. Für die Lagerung von Medizinalweinen und anderen Flüssigkeiten ließ Deiglmaier den Keller mit einem Tonnengewölbe ausstatten.

Im Nebengebäude richtete der rührige Apotheker eine Badezeile für Seifen-, Sole- und Schwefelbäder ein. Deiglmaier darf als großer Visionär für Starnberg gelten, denn er sah nicht nur die Verlagerung des Ortszentrums vom Schlossberg ins Au-Viertel voraus, sondern erkannte auch die Chancen, die sich für ihn mit den einsetzenden Fremdenverkehr ergaben. So beantragte er bereits 1840 eine Konzession für ein Seebad, erwarb großen Grundbesitz und eröffnete eine Filialapotheke in Seefeld. Der aus München zugezogene Apotheker, der sich überall wichtig machte und über beste Beziehungen zu den Behörden verfügte, war allerdings bei den Starnbergern nicht besonders beliebt. Dennoch wählten sie ihn 1844 zum Bürgermeister, wurden ihn aber schon ein Jahr später endgültig los: Nach dem Tod seiner Frau verkaufte Deiglmaier seinen gesamten Besitz und zog zurück nach München.

1898 übernahm der aus Söcking stammende Pharmazeut Georg Meyer die Apotheke

Mehrere Jahrzehnte lang wechselten die Apotheker, die zugleich die Schwimmhütten am See betrieben, in rascher Folge. Obwohl Starnberg in dieser Zeit zum mondänen Badeort aufstieg, geriet einer nach dem anderen in finanzielle Schwierigkeiten. Erst Michael Sedlmaier konnte sich um 1880 mit Seebad und Apotheke etablieren. Im Land- und Seeboten warb er für "chemisch pharmazeutische Präparate" und "sämtliche in das Fach gehörigen Drogen", aber auch für Medizinalweine, Fleischextrakte, russische und chinesische Tees, Arrak, Rum und Cognac. Auch bot er warme Wannenbäder mit Dusche, Schwefelbäder und schließlich Schwimmunterricht für Damen und Herren in seiner Badeanstalt "nächst dem Bahnhofe".

Der aus Söcking stammende Pharmazeut Georg Meyer musste 1898 für den Kauf der Apotheke die stattliche Summe von 170 000 Goldmark aufbringen. Aus zwanzig Bewerbern wurde er nicht zuletzt deshalb ausgewählt, weil er auch noch die finanziellen Mittel für die Renovierung der Apotheke nachweisen konnte, die dringend notwendig geworden war. Vom Starnberger Baumeister Andreas Fischhaber ließ er dem Haus den Mittelrisalit mit dem eleganten Schweifgiebel anfügen.

So ergab sich nicht nur eine Erweiterung der Verkaufsräume im Erdgeschoss, sondern vor allem auch eine neue, dem Bahnhof zugewandte und ausgesprochen repräsentative Schauseite. Die Kunden gelangten nun durch ein schmiedeeisernes Gartentor zwischen zwei Fahnenmasten, durch einen kleinen Vorgarten und über ein paar Stufen in die Apotheke.

Der Apotheker Meyer muss ein findiger Unternehmer gewesen sein, er ließ Postkarten mit der Ansicht seines Hauses drucken und für seine Medizinfläschchen Etiketten mit der Aufschrift: "Apotheke von G. Meyer, Hoflieferant S.K.H. d. Prinzen Ludwig von Bayern".

Den Titel des Hoflieferanten hatte er sich selbst verliehen, weil der spätere König Ludwig III., der in Leutstetten wohnte, zu seinen Kunden zählte. Die Bezeichnung Stadtapotheke für die bis dahin einzige Starnberger Apotheke bürgerte sich übrigens erst mit wachsender Konkurrenz in der Nachkriegszeit ein. 1949 erfolgte der Umzug in die Wittelsbacher Straße - wo die Stadtapotheke bis heute existiert.

Dieser Artikel basiert auf der Chronik, die Erwin Söllner-Fleischmann zum 170. Jubiläum der Stadtapotheke erstellt hat.

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