Für die Männer, die Deutschlands ranghöchsten Soldaten vor Übergriffen aller Art schützen sollen, ist es wie ein kleiner Albtraum: Urplötzlich ist der Vier-Sterne-General wie ein Pop-Star dicht umringt. Schwer auszumachen, wer sich da auf der Bühne dem hochdekorierten Militär nähert. Auffallend viele junge Frauen sind darunter, und alle wollen nur das eine: ein Selfie mit dem Mann, der Deutschlands Sicherheit gewährleisten soll. Doch Carsten Breuer, 61, bleibt gelassen. In väterlich anmutender Geduld lässt der Generalinspekteur der Bundeswehr die Prozedur in der Starnberger Schlossberghalle über sich ergehen. Freundlich lächelt er in die Handykameras, während die Personenschützer, erkennbar nur an ihren Ohrhörern, leicht nervös das Umfeld sondieren.
General Breuer, 1964 geboren im Sauerland, ist das Gesicht der Bundeswehr. Kürzlich ist er einer Einladung nach Starnberg gefolgt. „Sicherheit in Zeiten des Umbruchs – Deutschlands Verantwortung und die Rolle der Bundeswehr“ lautet der Titel seines Vortrags. Seine Botschaft: Deutschland braucht militärische Stärke zur Abschreckung, um Frieden und Freiheit bewahren zu können.
Fromuth Heene, Kreisvorsitzende des Außen- und Sicherheitspolitischen Arbeitskreises (ASP) der CSU und Organisatorin des Abends, hat mit diesem Andrang nicht gerechnet. Nur wenige Tage nach der Ankündigung war die Veranstaltung ausgebucht. Rund 500 Zuhörer sind im Saal, darunter aktive wie ehemalige Soldaten verschiedener Waffengattungen vom Oberstabsgefreiten bis hin zu hochrangigen Offizieren wie Brigadegeneral Kai Heß, Chef des Ausbildungszentrums Cyber- und Informationsraum in Pöcking und Feldafing. Ebenso allerlei CSU-Prominenz: Bundestagsabgeordneter Michael Kießling, Landtagsabgeordnete Ute Eiling-Hütig, Landrat Stefan Frey, Stadt- und Kreisräte. Sie alle wollen wissen, wie es um die Sicherheit Deutschlands bestellt ist.
Im Vorfeld der Veranstaltung hatte der Starnberger Ortsvorstand der Grünen den Auftritt des Generals in der „Hochphase des Wahlkampfs“ scharf kritisiert, weil neben ASP und Reservistenverband auch der CSU-Ortsverband als Veranstalter genannt war. Es gehe nicht um einen neutralen Fachvortrag, monierte Grünen-Bürgermeisterkandidat Severin Kistner. Vielmehr werde „die Autorität eines höchsten staatlichen Amtes sichtbar in den Kontext einer Parteiveranstaltung gestellt“, eine „politische Inszenierung“. Die Kritik verhallte ungehört oder traf bestenfalls auf Unverständnis. „Es war eindeutig eine sicherheitspolitische Veranstaltung“, sagt Heene.
In seinem 30-minütigen Vortrag beleuchtet Breuer unaufgeregt die Welt im Wandel aus militärischer Perspektive: vier Jahre Krieg in der Ukraine, Russland rüstet auf, 1,5 Millionen Soldaten. Bis 2029 könnte Russland einen Angriffskrieg gegen ein Nato-Land führen. „Ich betone: könnte“, sagt Breuer, der in Worst-Case-Szenarien denkt. „2029 – darauf müssen wir vorbereitet sein.“ Das Argument „Hauptsache der Krieg ist zu Ende“ lässt er nicht gelten: „Putin würde weitermachen.“
„Ich habe keinen Grund, an der Verlässlichkeit der USA zu zweifeln“, sagt Generalinspekteur Breuer
Unzählige Angriffe auf kritische Infrastruktur oder militärische Einrichtungen hat es schon gegeben in Deutschland. „Die Angriffe sollen uns verunsichern“, sagt Breuer. Hinzu kommen Spionage, Sabotage, Desinformation und Diskreditierung. „Sind wir wachsam genug? Wie ernst nehmen wir das?“, fragt Breuer. Dabei ist die Ukraine nicht der einzige Brennpunkt. Jeder Krieg auf der Welt könne sich global auswirken, sagt der General und bekennt: „Es ist die gefährlichste Zeit, die ich in meinen 40 Jahren als Soldat erlebt habe.“ Auch wenn kein Krieg herrscht, „ist die Zeit des Friedens vorbei“. Deutschland müsse mehr Verantwortung übernehmen – in Zusammenarbeit mit den Amerikanern. „Ich habe keinen Grund, an der Verlässlichkeit der USA zu zweifeln“, sagt Breuer, die Zusammenarbeit in der Nato sei enger als je zuvor. Allerdings „halten uns die Amerikaner den Spiegel vor“, diese forderten zurecht höhere Verteidigungsausgaben, betont er.
Geht es nach Plänen des Verteidigungsministeriums, soll Deutschland die militärische Führungsrolle in Europa übernehmen und zur stärksten konventionellen Armee der EU ausgebaut werden. Konkret heißt das: technische und personelle Aufrüstung. Die Bundeswehr hat eine Viertelmillion G95-Sturmgewehre geordert, 35 neue F35-Kampfjets, acht Poseidon-Seefernaufklärungsflugzeuge, 123 topmoderne Kampfpanzer Leopard 2A8. „Wir werden kriegstüchtiger“, sagt Breuer, „wenn das Material endlich zuläuft“. Und dann wäre da noch die Wehrpflicht. „Man hätte Teile der Debatte anders führen können“, sagt Breuer nur.
In vier Jahren soll die Bundeswehr von 183 000 aktiven Soldaten und Soldatinnen auf 260 000 wachsen. Um die Gesamtstärke von 460 000 Soldaten zu erreichen, die Deutschland laut Nato-Verteidigungsplanung stellen müsste, sollen 200 000 Reservisten hinzukommen. Auch der Heimatschutz spielt eine Rolle. Andererseits muss die Bundeswehr laut Breuer von „personalintensiven Verwendungen“ wegkommen: Warum sollten sechs Mann aus einem Schützenpanzer krabbeln, wenn eine Drohne den Job genauso gut erledigen könnte?


