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Gynäkologe Wilhelm Horkel gestorben:Ein Geburtshelfer, der seiner Zeit voraus war

Starnberg Dr. Horkel

Bei seinen Patientinnen stand der Gynäkologe Wilhelm Horkel für den Aufbruch in ein neues Zeitalter der Frauenheilkunde.

(Foto: Georgine Treybal)

Wegen ihm kamen Schwangere aus dem ganzen Münchner Umland: Wilhelm Horkel entband 13000 Kinder - stilecht in einer Villa am Starnberger See. Ein Nachruf.

Von Sabine Bader, Starnberg

Er hat mehr als 13 000 Kindern auf die Welt geholfen, die "Frauenklinik am See" gegründet, die bereits in den 1970er-Jahren die "sanfte Geburt" praktizierte, und als Gynäkologe Tausende Frauen medizinisch begleitet: Wilhelm Horkel. 1977 eröffnete er in der Wildgruber-Villa in Niederpöcking gemeinsam mit seinem Kollegen Frieder Rexilius die Frauenklinik am See. Später stieß noch der Frauenarzt Michael Articus dazu.

Das Besondere: Das Ärzte-Trio war seiner Zeit weit voraus. So durften bereits damals die Männer in den Schwangerschaftskursen und bei der Geburt dabei sein, was sonst nicht überall üblich war. Was die Geburtsposition und die Entspannungsphase vor der Geburt betrifft, richten sich Mediziner und Hebammen nach den individuellen Wünschen der werdenden Mütter. Das sprach sich schnell herum. Und die Patientinnen kamen in Scharen - nicht nur aus dem Landkreis Starnberg und dem Münchner Umland.

Sie reisten auch aus dem Ausland an, um ihre Kinder am See zur Welt zu bringen. Dass die Idee zur "sanften Geburt" eigentlich nicht von ihm stammte, sondern von der Hebamme des Hauses, Cornelia Schreiber, daraus machte Horkel nie einen Hehl. "Von ihr habe ich so unglaublich viel gelernt. Sie war ein Engel auf Erden", sagte er vor Jahren zur SZ.

1990 plante das Medizinerteam, die Klinik zu erweitern. Da dies jedoch nach den damaligen Bestimmungen nicht möglich war, schlossen sie 1993 ihre Klinik und zogen mit Sack und Pack ins Starnberger Kreiskrankenhaus um. Dort setzten sie ihre erfolgreiche Arbeit fort, was wohl mit zum guten Ruf der Geburtsklinik, in der heute jährlich mehr als 3000 Babys zur Welt kommen, beigetragen haben dürfte. Später widmete sich Horkel mehr seiner gynäkologischen Praxis in Starnberg.

Könnte man ihn noch selbst fragen, was das Herausragende an seiner Arbeit ist, dann würde er sicher eine seiner Erfindungen nennen. Denn sein Interesse galt nicht nur der Medizin. Eigentlich wollte er Astrophysiker werden. Der Liebe zur Physik ist es letztlich auch zu verdanken, dass er das "Epi-No" entwickelte. Das ist ein kleiner Ball mit Pumpe, der Schwangeren während der Geburtsvorbereitung dabei hilft, ihre Muskulatur kräftiger und elastischer zu machen, um Dammschnitte zu vermeiden. Das Epi-No wird mittlerweile weltweit eingesetzt.

Und dann ist da noch ein weiterer Apparat, den er Theracell taufte. Er sendet elektromagnetische Impulse aus, die Zellmembranen verändern sollen. Der Mediziner setzte ihn zur Behandlung von Gelenkerkrankungen, Arthrose und Arthritis ein. 2010 übergab er seine Praxis an seine Nachfolgerin Uta Bösl. "Er war ein Herzensmensch, ein wunderbarer Arzt und Freigeist", sagte seine langjährige Praxismitarbeiterin Josefine Hanika zur SZ.

Horkel, der verheiratet war und vier Töchter hatte, lebte zuletzt in Breitbrunn. Geboren wurde er in Starnberg. Er stammte aus einer Pfarrerfamilie. Sein Vater war evangelischer Seelsorger in der Kreisstadt, sein Onkel war ebenfalls Pfarrer, Schriftsteller und Dichter.

Vor einigen Tagen ist Wilhelm Horkel mit 79 Jahren gestorben. Am vergangenen Mittwoch wurde er auf dem Waldfriedhof in Starnberg im Beisein seiner Familie und rund 60 Trauergästen beigesetzt. "Wenn wir die Erde verlassen, dann wird dies nicht das Ende sein. Im Gegenteil: Wir tragen die Hoffnung auf ein neues, anderes Leben jenseits unseres Verstandes in uns." Diese Sätze stammen von ihm selbst und stehen in seiner Traueranzeige.

© SZ vom 16.04.2021
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