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Landkreis Starnberg:Wie die Hausärzte Patienten in der Corona-Krise behandeln

Windfang als Schleuse für Corona-Tests

Alexander Bürger hat 20 Abstriche genommen - alle negativ.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Alexander Bürger untersucht in Weßling in der früheren Sparkassenfiliale, Paul Radloff in Gauting sagt andere Termine ab. Kinder sollten aber weiter zur Vorsorge kommen.

Wo früher Sparkassenkunden am Automaten schützend ihre Hand über die Geheimzahl hielten, führt heute ein Arzt Wattestäbchen tief in den Rachen von möglichen Coronavirus-Infizierten ein. Der Weßlinger Hausarzt Alexander Bürger muss improvisieren: Abstriche für den Test nimmt er nur noch im Eingangsbereich der ehemaligen Sparkassenfiliale, die im gleichen Gebäude wie seine Praxis an der Hauptstraße 23 untergebracht ist. Die ansonsten ungenutzten Räume habe ihm der Vermieter kurzfristig zur Verfügung gestellt. In seinem Wartezimmer will er keine Hustenden - vor allem, um chronisch Kranke zu schützen.

In dem Sparkassen-Foyer werden Patienten, die sich zuvor telefonisch angemeldet haben und die Kriterien des Robert-Koch-Instituts erfüllen, nun hinter einem Sichtschutz abgestrichen. Danach werde gründlich gelüftet und alle Oberflächen würden desinfiziert. Der Mediziner Bürger trägt dabei die vorgeschriebene Atemmaske, Brille, Handschuhe und Schutzkittel. Bislang hat er diese Woche etwa 20 Patienten auf diese Weise getestet, alle negativ. Um den Test an der Haustür von Verdachtsfällen abzunehmen, fehlt ihm inzwischen nicht nur die Zeit, sondern auch die Möglichkeit, seine Schutzkleidung zwischendurch fachgemäß zu entsorgen.

Weil ein Wartezimmer voller hustender Menschen derzeit für viele ein Horrorszenario ist, versuchen auch andere Hausärzte und Allgemeinmediziner im Landkreis, Coronavirus-Verdachtsfälle von den übrigen Patienten isoliert außerhalb der Praxis zu untersuchen. Vielerorts wird Schutzkleidung knapp, und die Mediziner kommen kaum mehr dazu, sich um die medizinische Grundversorgung anderer Kranker zu kümmern. Für chronisch Kranke, die quartalsmäßig durchgecheckt werden müssten, dürfe der Praxisbesuch nicht zum Risiko werden. Keiner wolle kränker vom Arzt kommen als er hingegangen sei. "Deshalb brauchen wir dringend eine zentrale Abstrichstelle", fordert Bürger.

Um während der Pandemie möglichst lange handlungsfähig zu bleiben, hat Paul Radloff vom Hausarztzentrum Gauting den Praxisbetrieb auf reine Akutversorgung umgestellt. "Wir sagen alle regulären Termine ab, um niemanden unnötig zu gefährden", sagt der Infektiologe. Er hat seine Belegschaft in zwei Teams aufgeteilt, die nun wochenweise strikt getrennt arbeiten. "So haben wir keinen Totalausfall, falls einer unserer Mitarbeiter erkranken sollte", sagt der Mediziner. Patienten mit Husten empfängt der Hausarzt nach vorheriger telefonischer Anmeldung in strikter räumlicher Trennung in der Zeit von 12 Uhr bis 14 Uhr. Durchschnittlich drei bis fünf Patienten am Tag würden derzeit die Kriterien des Robert-Koch-Instituts erfüllen, um einen Abstrich vorzunehmen. Damit diese Patienten sich nicht gemeinsam mit anderen Kranken im Wartezimmer aufhalten, ist es wichtig, sich vorher anzumelden. "Ich habe heute schon einen hustenden Patienten, der einfach vorbeikam, wieder weggeschickt - der hat sich sehr empört", erzählt Radloff. Rund 20 Prozent der aktuellen Anrufer, so schätzt Radloff, hätten gar keine Symptome, sondern machten sich vor allem Sorgen. Der Ehemann einer Schwangeren, der unbedingt den Test machen wollte, sei zunächst von ihm abgewiesen worden. Eine halbe Stunde später habe er es bei einer Ärztin erneut probiert und zusätzlich Symptome simuliert.

Paul Rathloff mit Schutzkleidung

Paul Radloff hat sein Team aufgeteilt.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Die größte Herausforderung sei es unterdessen, an Schutzkleidung zu kommen. Die Mitarbeiter des Gautinger Hausarztzentrums, die gerade nicht in der Praxis arbeiteten, seien voll damit beschäftigt, Schutzkleidung zu besorgen. Auf Dauer gebe es auch nicht genug Testsets.

Während die meisten Routineuntersuchungen bei Allgemeinmedizinern verschoben werden, drängt die Starnberger Kinderärztin Gunhild Kilian-Kornell darauf, die Vorsorgeuntersuchungen nicht ausfallen zu lassen. "Wir haben offen", sagt die Medizinerin, "bei uns rufen viele verunsicherte Eltern an, die denken wir hätten eh geschlossen oder sie sollten besser nicht kommen." Es ist ihr wichtig klarzustellen, dass in der Praxis im Pädiatrischen Fachzentrum an der Maximilianstraße weiterhin Vorsorge- und Impftermine wahrgenommen werden können.

Starnberger Kinder- und Jugendärzte

Gunhild Kilian-Kornell und Florian Gundel behandeln normal weiter.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Natürlich würden in der Praxis alle Hygienevorschriften eingehalten, sagt die Medizinerin. Und wie überall gilt: vorher anrufen. Wenn ein Kind Fieber hat, bietet Kilian-Kornell zum Beispiel auch eine Video-Sprechstunde an. Einmal den Mund öffnen und "Ahhh" machen, gehe auch vor der Kamera, meint Kilian-Kornell. "So können wir im Vorfeld besser selektieren, wer überhaupt in die Praxis kommen muss." Im Wartezimmer gehe es momentan eher ruhig zu.

Die Ärztin selber hatte in der vergangenen Woche einen grippalen Infekt und hustete - sie ließ einen Abstrich machen, der Test verlief negativ. Kinder, die Husten haben, untersucht die Ärztin mit Mundschutz. Eine Impfung zu verschieben, sei nachvollziehbar. "Wenn wir jetzt alle U-Termine für Babys und Kleinkinder aufschieben, kommen wir für den Rest des Jahres in einen enormen Stau mit den Vorsorgeuntersuchungen." Termine, die sinnvoll und notwendig sind, sollten wahrgenommen werden. Denn: Jeder Mensch habe ein Recht auf eine Gesundheitsvorsorge.

© SZ vom 20.03.2020

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