Gastronomie in Starnberg:Auszeit statt Zeitlos

Gastronomie in Starnberg: Bonjour tristesse: Das "Zeitlos" könnte schnell reanimiert werden, selbst der Außenbereich ist trotz winterlicher Temperaturen noch bestuhlt - wenn sich denn ein Pächter fände, der auch bereit ist, für die Ausstattung des Lokals zu zahlen.

Bonjour tristesse: Das "Zeitlos" könnte schnell reanimiert werden, selbst der Außenbereich ist trotz winterlicher Temperaturen noch bestuhlt - wenn sich denn ein Pächter fände, der auch bereit ist, für die Ausstattung des Lokals zu zahlen.

(Foto: Nila Thiel)

Seit zehn Wochen schon ist die Vereinsgaststätte des TSV 1880 Starnberg am Brunnanger geschlossen, ein neuer Pächter ist bislang nicht in Sicht: Gastronomie ist offenbar ein schwieriges Geschäft in schwierigen Zeiten geworden.

Von Peter Haacke

Schwere Zeiten hat die Gastronomie hinter sich, ungewisse Aussichten liegen vor Betreibern von Wirtschaften, Landgasthöfen, Sportlerkneipen oder Cafés. Kaum zu übersehen: Überall im Land hat eine Art "Kneipensterben" eingesetzt, das Dasein als Wirt birgt gewisse Risiken. Den Exodus hat nun auch das "Zeitlos" in Starnberg getroffen: Die einst beliebte Gaststätte neben der Sporthalle des TSV 1880 Starnberg ist seit Ende November geschlossen. Ob und wie es am Brunnanger weitergeht, ist derzeit offen. Ein Nachfolger für Pächter Florian Lang ist aktuell jedenfalls nicht in Sicht, der Verein verliert jeden Monat Einnahmen im vierstelligen Bereich.

Vom "Cheers" zum "Absolut" über das "Absofort" zum "Zeitlos": Die Kneipe neben der TSV-Sporthalle war seit Jahren generationenübergreifend ein beliebter Treffpunkt. Schülern und Senioren, Sportlern und Nichtsportlern bot die Gaststätte soliden Standard zu bezahlbaren Preisen. Ob Frühstück, Mittagessen oder Abendvesper: Das Angebot war in Ordnung, die Leistung im sonst eher hochpreisigen Starnberg stimmte. Doch die Zeiten haben sich geändert: Die Kosten für Personal, Energie, Lebensmittel und Getränke sind gestiegen, allgemein sitzt das Geld ohnehin nicht mehr so locker. Die nahezu dreijährige Pandemie hat Spuren hinterlassen, das Ausgehverhalten veränderte sich. In der Folge warfen viele Wirte das Handtuch - auch, weil Personal für Küche und Service nur noch schwer zu finden ist.

Und nun also das "Zeitlos". Seit zehn Wochen ist das Lokal verwaist, die ohnehin überschaubare Starnberger Gastro-Szenerie um einen Treffpunkt ärmer. Die allgemeinen Gründe für das Aus mögen plausibel erscheinen. Über die besonderen Umstände oder strategischen Fehlentscheidungen, die zum Scheitern des Betriebs beigetragen haben, herrscht jedoch weitgehend Unklarheit: Pächter Lang ist für die SZ nicht zu erreichen. Doch glaubt man den Gästen, haben steigende Preise bei sinkender Qualität und beschränkten Öffnungszeiten das Lokal zuletzt nicht gerade attraktiver gemacht. Viele Sportler des 2500 Mitglieder zählenden TSV jedenfalls verzichteten nach ihrem Training immer häufiger auf einen Besuch der Vereinsgaststätte.

Dabei standen die Zeichen für einen Neubeginn vor rund acht Jahren gar nicht schlecht. Sandor Nemeth hatte das Lokal nach 16 Jahren im Mai 2015 wegen Personalmangels aufgegeben. Die Stadt, der das Gebäude gehört, nahm Nemeths Kündigung nebst Ausverkauf des Interieurs zum Anlass für eine umfängliche Sanierung: Mehr als eine halbe Million Euro floss in die Erneuerung von Elektrik, Lüftung, Decken und Wänden, Brandschutz und Küche - das Lokal wurde komplett entkernt und rundherum erneuert. Ein neuer Pächter war schnell gefunden: Frank Kunzlmann, der bis heute das - seinerzeit wegen des Wasserpark-Umbaus geschlossene - "Strandhouse" betreibt, hatte mit Sohn Robin prompt den Zuschlag von der damaligen Bürgermeisterin Eva John erhalten. TSV-Geschäftsführer Benedikt Pohlus betonte, die Zusammenarbeit sei auf längere Zeit ausgelegt, sonst würde sich das Investment nicht lohnen. Das erfolgreiche Kneipenkonzept wollte man beibehalten.

Gastronomie in Starnberg: Frank Kunzlmann (re.) und sein Sohn Robin sollten die neuen Betreiber des "Absofort" an der Brunnangerhalle werden. Doch es kam anders.

Frank Kunzlmann (re.) und sein Sohn Robin sollten die neuen Betreiber des "Absofort" an der Brunnangerhalle werden. Doch es kam anders.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Es dauerte mehr als ein Jahr bis zur Wiedereröffnung des Lokals an der Brunnangerhalle im September 2016. Neuer Chef war allerdings nicht Kunzlmann, sondern "Strandhouse"-Geschäftsführer Wamek Rahimi, der auf eine Mischung aus Bar, Café und Restaurant setzte. Der erfahrene Gastronom hatte den Pachtvertrag zusammen mit Kunzlmann unterschrieben. Für Speisen und Getränke wolle er "trotz guter Qualität humane Preise verlangen", sagte der neue Wirt - und hielt sein Versprechen. Das Lokal versetzte er auch vom Innendesign her in ein neues Licht mit ausgeklügelter Beleuchtung, neuem Mobiliar und drei Fernsehern "für Fußballübertragungen und dergleichen". Befragt man Rahimi nach den Gründen des "Zeitlos"-Scheiterns, fällt dem Gastro-Profi, der auch Hilfe angeboten hatte, nicht viel ein.

Gastronomie in Starnberg: Von der Strandbar im Starnberger Strandbad ins "Absofort", das fortan "Zeitlos" hieß: Wamek Rahimi und seine damalige Geschäftsführerin Caroline Franz.

Von der Strandbar im Starnberger Strandbad ins "Absofort", das fortan "Zeitlos" hieß: Wamek Rahimi und seine damalige Geschäftsführerin Caroline Franz.

(Foto: Georgine Treybal)

Nur zwei Jahre später stand der nächste Wechsel an. Mit Wiedereröffnung des Wasserparks inklusive "Strandhouse"-Restaurant gab Rahimi die Verantwortung fürs "Zeitlos" im Juni 2018 an den damals 25 Jahre alten Florian Lang und an Robin Kunzlmann, 22, ab. Spürbare Veränderung: Service und Qualität ließen nach, das Ambiente wurde ungemütlicher, auch das Publikum änderte sich. Und dann gab es noch weitere Widrigkeiten: Eine Baustelle vereitelte das Sommergeschäft auf der Terrasse. Dann setzten Unbekannte im Dezember 2019 auf der Toilette einen Handtuchspender in Brand: Wegen des giftigen Rauchs, der sich im gesamten Gebäudekomplex ausbreitete, wurden Sporthalle, Tanzstudio und auch TSV-Lokal wochenlang gesperrt. Immerhin: Den Einnahmeverlust der Gaststätte glich eine Versicherung aus. Im Februar 2020 folgte dann Corona.

Gastronomie in Starnberg: Nach einem Brand in der Toilette musste der gesamte Gebäudekomplex inklusive Gaststätte zum Leidwesen von "Zeitlos"-Pächter Florian Lang im Dezember 2019 gesperrt werden.

Nach einem Brand in der Toilette musste der gesamte Gebäudekomplex inklusive Gaststätte zum Leidwesen von "Zeitlos"-Pächter Florian Lang im Dezember 2019 gesperrt werden.

(Foto: Arlet Ulfers)
Gastronomie in Starnberg: Außenblick: Die seit Monaten geschlossene TSV-Gaststätte soll laut Vereinsführung schnellstmöglich wieder betrieben werden.

Außenblick: Die seit Monaten geschlossene TSV-Gaststätte soll laut Vereinsführung schnellstmöglich wieder betrieben werden.

(Foto: Nila Thiel)

"Es ist nicht die beste Zeit für Gastronomie", sagt heute der Starnberger Gastroberater Christian Maurer, "die Umstände sind etwas schwierig". Die Klientel werde anspruchsvoller, aber auch zurückhaltender. Doch einfach nur die Preise zu erhöhen, sei eine fragwürdige Lösung. Besser sei eine bodenständige Konzeption "auf normalem Preisniveau", sagt Maurer, bei dem auch die Qualität stimme. Doch seine Stammkundschaft müsse man sich erarbeiten - nicht leicht im teuren Starnberg, zumal sich das Lokal am Brunnanger zwar nicht in absoluter Toplage befindet, aber dennoch relativ zentral liegt.

Der TSV Starnberg möchte die Kneipe schnellstmöglich wieder verpachten, doch "wir können nicht ausschreiben", sagt TSV-Geschäftsführer Benedikt Pohlus. Grund: Der Verein und der bisheriger Pächter sind derzeit in Verhandlung darüber, was mit dem Inventar - Küche, Technik, Theke, Tische und Stühle - passieren soll. Im Raum stehen Ablösesummen zwischen 70 000 und 200 000 Euro. Bis Ende März, sagt Pohlus, hätte man gern eine Lösung, denn auch der Verein ist nicht auf Rosen gebettet: Der Verlust wäre dann schon im fünfstelligen Bereich. Starnbergs Bürgermeister Patrick Janik, der als junger Mann manch unbeschwerte Stunde in der TSV-Kneipe verbrachte, möchte das Lokal erhalten - allein schon "aus nostalgischen Gründen", betont er, und weil Starnberg "mit Gastronomie eben nicht überversorgt ist".

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